Es passiert immer wieder: Gerade ältere Menschen werden um ihr hart angespartes Geld oder ihr Hab und Gut gebracht. Betrüger rufen Sie an und geben sich in den meisten Fällen als eine andere Person aus, um sich persönlich zu bereichern. Erst kürzlich wurde dabei eine ältere Konstanzerin um 50.000 Euro gebracht.

Diese Maschen fallen dabei unter den Oberbegriff Schockanrufe. Im Folgenden erfahren Sie unter anderem, welche verschiedenen Formen es gibt, wie man diese erkennt und wie man sich schützen kann. Wichtige Aufklärungsarbeit leistet dabei die Abteilung Prävention des Polizeipräsidiums Konstanz, dessen Leitung der 58-jährige Michael Ilg innehat.

„Am Telefon sollte man sich nie über Finanzen ausfragen lassen, egal von wem“, sagt Michael Ilg, Leiter der ...
„Am Telefon sollte man sich nie über Finanzen ausfragen lassen, egal von wem“, sagt Michael Ilg, Leiter der Präventionsabteilung des Polizeipräsidiums Konstanz. | Bild: Roland Sprich

Welche Maschen gibt es und wie funktionieren diese?

Laut Michael Ilg gibt es verschiedenste Betrugsmaschen, die die Polizei unter dem Oberbegriff Schockanrufe vereint. Sie alle funktionieren auf eine ähnliche Weise, können sich jedoch in ihrer Form und Art unterscheiden. Immer wieder gibt es auch neue Arten von Schockanrufen. In den letzten paar Jahren waren jedoch vor allem die folgenden Tricks allgegenwärtig.

Das könnte Sie auch interessieren
  • Eine bekannte Betrugsform ist der sogenannte Falsche Polizeibeamte. Dabei gibt sich der Anrufer als Polizist aus und gibt beispielsweise an, dass in der Gegend des Angerufenen eine Einbruchsbande unterwegs sei. Zwar habe man einen Täter festgenommen, doch weitere seien auf der Flucht. Man habe bei dem Festgenommenen eine Liste von möglichen Zielen gefunden, unter welchen sich auch der Angerufene, beziehungsweise dessen Wohnung befinde.
    Das mögliche Opfer solle einem Polizisten Geld, Wertgegenstände und Schmuck zur Verwahrung übergeben, ein Beamter würde alles abholen kommen. Zuvor solle man sein Geld auch von der Bank holen, denn auch die Angestellten dort seien korrupt und in den Fall involviert. Das Geld sei dort nicht mehr sicher. Das Geld und die Wertgegenstände sollten dann vor die Tür gestellt werden oder zu einem Übergabeort gebracht werden.
  • Ein ähnliches Vorgehen gibt es auch der Masche des Falschen Staatsanwalts. Hier bekommt der Angerufene ungefähr folgende Geschichte aufgetischt: Ein naher Verwandter, wie etwa Schwiegersohn oder Tochter, hatte einen Autounfall, oftmals im Ausland. Dabei sei eine andere Person ums Leben gekommen. Um die drohende Haftstrafe abzuwenden, müsse nun eine Kaution bezahlt werden. Besonders perfide: Nicht selten hört der Angerufene, sollte es ich um einen weiblichen Verwandten handeln, eine weinende Frau im Hintergrund oder einen fingierten Funkspruch der Polizei, um die Echtheit des Anrufs vorzutäuschen.
  • Darüber hinaus gibt es den Enkel-Trick, eine der bekanntesten Betrugsmaschen der vergangenen Jahre. Hier gibt sich der Anrufer als Enkel des Opfers aus. Dabei wird eine finanzielle Notlage vorgegaukelt und um Geld gebeten.
  • Die Verbrecher locken auch mit Gewinnversprechen. Diese Masche existiert schon viele Jahre. Dabei wird dem Angerufenen offenbart, dass er bei einer Lotterie gewonnen habe. Doch um den Gewinn zu bekommen, müsse man vorher eine Gebühr überweisen. Unter diese Betrugsform fällt auch ein falscher Anwalt, der einem eine Erbschaft in Aussicht stellt. Natürlich müsse man zuvor eine hohe Verwaltungsgebühr bezahlen, erst dann könne das Erbe ausgezahlt werden. Doch das bezahlte Geld, geschweige denn das Erbe, bekommt der Betrogene nie zu sehen.

Das sind die gängigsten Betrugsmaschen, die im Telefongespräch oder über Nachrichten aufs Handy versucht werden. Sie alle sind wiederkehrend und mehr oder weniger ständig präsent, so Ilg. Teilweise unterscheiden sie sich geringfügig von den geschilderten Formen oder werden miteinander vermischt.

Das könnte Sie auch interessieren

Was kann ich dagegen tun?

Es gibt mehrere Ansätze, um sich vor einem etwaigen Betrug zu schützen. Laut Michael Ilg könnten ältere Menschen, die oft noch über einen alten Telefonanschluss mit vier- oder gar dreistelliger Nummer verfügen, diese aus dem Telefonbuch löschen lassen und einen neuen Anschluss samt neuer Nummer beantragen.

Laut Ilg würden die Betrüger die Telefonbücher nach eben jenen kurzen Nummern durchforsten, da damit die Wahrscheinlichkeit hoch sei, eine ältere Person ans Telefon zu bekommen. Darüber hinaus gelte: „Am Telefon sollte man sich nie über Finanzen ausfragen lassen, egal von wem“, sagt Michael Ilg. „Dazu sollte man keine Angaben machen.“ Die einfachste Lösung: Das Gespräch beenden und auflegen.

Bei der WhatsApp-Betrugsmasche könne man einfach versuchen, auf die alte Nummer des nahen Verwandten zu schreiben. Oft wird man erleben, dass der Anschluss noch besteht und Kriminelle versucht haben, einen Betrug zu begehen. Ansonsten könne man den Betrüger unter der neuen Nummer auch bitten, sich irgendwie zu verifizieren, beispielsweise über eine Sprachnachricht, rät Ilg.

Das könnte Sie auch interessieren

Beim Enkeltrick solle man darauf achten, keinesfalls den Namen des mutmaßlichen Anrufers selbst zu nennen. Zum Beispiel: „Bist du das, Sabine?“ So habe der Anrufer leichtes Spiel und wisse den Namen der zu „spielenden“ Person. Wer bereits vermutet, Opfer eines Betrügers geworden zu sein, der könne jedoch den Spieß umdrehen und mit Absicht einen falschen Namen nennen. Sollte der Anrufer sich dann als „Sabine“ zu erkennen geben, wisse man, dass es sich um Betrug handele.

Besonders Pfiffige können sich ebenfalls zum Schein auf die ganze Sache einlassen und währenddessen den Notruf verständigen. So könne die Polizei die Anrufer möglicherweise ermitteln. Generell gelte aber im Zweifel, den Kontakt immer kurz zu halten und schnell das Gespräch zu beenden. Ganz grundsätzlich gelte darüber hinaus, niemals Geld an fremde Personen zu übergeben.

Das könnte Sie auch interessieren

Was sind die psychologischen Tricks der Betrüger?

Oft sind bei den Betrugsmaschen Profis am Werk. bestätigt Michael Ilg. „Die Täter sind oft eloquent und bauen psychologischen Druck auf“, so der Leiter der Prävention. „Oft werden die Opfer dabei stundenlang in der Leitung gehalten.“ Viele Maschen seien besonders perfide, da mit dem Vertrauen der Menschen gespielt werde – sowohl in ihre Verwandten, aber auch in Institutionen oder Autoritätspersonen wie etwa Polizisten oder Staatsanwälte. „Das Vertrauen in die Polizei wird schamlos ausgenutzt“, sagt Ilg dazu.

Das Szenario, mit dem die Opfer konfrontiert werden, sei oftmals geradezu dramatisch. Man lasse den Opfern keine Zeit zum Durchatmen, würde diese regelrecht durch das Telefon psychisch terrorisieren. Durch psychologische Kniffe, wie eben eine weinerliche Frau im Hintergrund oder fingierte Funksprüche, um die Echtheit eines Anrufs der Polizei zu fingieren, setze man das Opfer besonders unter Druck.

Das könnte Sie auch interessieren

Hinzu kommt außerdem das sogenannte Call-ID-Spoofing. Dabei können falsche Nummern auf den Display der angerufenen Personen angezeigt werden, wie etwa die 110 oder die Nummer eines örtlichen Reviers. Dadurch soll erneut die Echtheit des Anrufs bewiesen werden. Doch Michael Ilg stellt klar: „Die 110 ruft niemals an!“ Sollte man die Täter zurückrufen wollen, solle man das nie über die Rückruftaste tun, sondern die 110 neu eintippen.

Wer steckt hinter den Schockanrufen?

Hinter den Betrugsmaschen steht eine ganze Maschinerie und ein ausgeklügeltes System. Die Hintermänner dieses Systems säßen laut Polizeiangaben in den allermeisten Fällen in Osteuropa und vor allem in der Türkei. Nicht selten würden diese ganze Callcenter nach demselben Muster betreiben. Das Landeskriminalamt (LKA) und das Bundeskriminalamt (BKA) ermittelten hier in alle Richtungen und seien dabei, den Bereich im Ausland „aufzuhellen“, sag Michael Ilg.

Die Verbindungsmänner in Deutschland, im Polizeijargon auch oft „Läufer“ genannt, seien laut Ilg oft selbst arme Menschen, die bestimmte Prozente der erbeuteten Summe für ihre Dienste bekämen. Im Verhältnis zur Gesamtsumme handele es sich dabei aber oft um einen lächerlichen Betrag. Und dabei tragen genau diese „Läufer“ das größte Risiko von den Behörden geschnappt zu werden. Oft bringe sie eigene finanzielle Not in diese Lage. Dass diese Läufer erwischt werden, passiere auch gelegentlich – und zwar dann, wenn die Angerufenen spüren, dass sie einem Betrüger auf den Leim gehen und die Polizei verständigen.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie viele Fälle gibt es und wie hoch ist der Schaden?

Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz habe es laut Angaben der Behörde in diesem Jahr fast 50 Fälle gegeben, in denen die Täter erfolgreich waren. Somit wird quasi wöchentlich jemand um sein Geld gebracht. Die Schadenssumme: 1,6 Millionen Euro. Daran lässt sich bereits erkennen, dass es sich bei den erbeuteten Summen oftmals um vier-, nicht selten aber sogar um fünfstellige Beträge handele. In einem Fall dieses Jahr händigte ein Opfern sogar eine sechsstellige Zahlung aus.

„Die Menschen werden dabei oft um ihr gesamtes Gespartes gebracht. Nicht selten haben sie ihr Leben lang gespart, und dann ist das Geld an einem Tag einfach weg“, sagt Michael Ilg. Was Ilg darüber hinaus angibt: „Es handelt sich keineswegs immer um Senioren. Immer wieder sind auch Geschädigte dabei, die unter 60 Jahre alt sind.“

Das könnte Sie auch interessieren

Was tut die Polizei?

Natürlich ermittelt die Polizei in allen Fällen ganz aktiv. Michael Ilg und seine Abteilung sind jedoch dafür zuständig, dass es eben gar nicht zu diesen Fällen kommt. „Wir wählen jedes Mittel, um die Maschen zu transportieren und zu verbreiten“, so der Leiter der Präventionsabteilung. Dazu gehöre auch der Besuch von Seniorenclubs und anderen Vereinen.

Darüber hinaus stehe man in Kontakt mit Banken, kläre auf und sensibilisiere die Mitarbeiter. Dasselbe gelte für Taxiunternehmen. Immer wieder käme es nämlich auch vor, das alte Menschen weite Strecken mit dem Taxi zum Übergabeort auf sich nehmen würden. Das alles mit reichlich Geld in den Taschen. Die Taxifahrer sollen dahingehend geschult werden, diese Fälle zu erkennen und entsprechend zu reagieren. Man stehe außerdem im Austausch mit Pflegediensten und beispielsweise Essen auf Rädern. „Wir lassen nichts unversucht, um das Thema zu transportieren“, so Ilg, „denn jeder Fall tut uns weh.“