Die A98 genießt im Südwesten den zweifelhaften Ruf einer Autobahn, die nie fertig wird. Ihre Fragmente sind verstreut entlang des Hochrheins von Lörrach bis hinüber nach Stockach. In Jahrzehnten ist hier ein Flickwerk entstanden, das mehr Lücken als Straße hat. Doch seit vergangener Woche gibt es ein Verkehrsgutachten und einen neuen Planungsschritt für Teile der Hochrheinautobahn im Landkreis Waldshut. Einer von vielen in den vergangenen Jahrzehnten.

Vorgelegt wurde er erstmals von der Deges, der Planungs- und Bau-GmbH von Bund und Ländern für Fernstraßen. Nun fragen sich viele am Hochrhein: Was ist der neue Vorschlag wert – vor allem nach der 60-jährigen planerischen Odyssee. Denn bis heute existieren die meisten A98-Kilometer nur auf dem Papier – und zwar in unzähligen, meist strittigen Variantenideen.

Was ist nun also anders an dem neuen Vorschlag?

Es sind drei Dinge. Zum einen plant heute für den größten Teil der unfertigen Autobahn die Deges. Denn das Verkehrsministerium in Stuttgart hatte dem Regierungspräsidium Freiburg 2018 die Planung entzogen. Seitdem ruhen die Hoffnungen vor allem im Landkreis Waldshut auf der Planungs- und Baugesellschaft.

Zum Zweiten: Die Deges hat – wenn auch mit halbjähriger Verspätung – letzte Woche geliefert. Für einen rund zehn Kilometer langen Teilabschnitt bei den Hochrheinstädten Bad Säckingen und Wehr hat sie die unzähligen Trassenvarianten gebündelt und in einen völlig neuen Vorschlag gegossen – genannt die Vorzugsvariante.

Bild: Müller, Cornelia

Und zum Dritten: Die Planer der Deges haben nicht zuerst nach der billigsten Lösung gesucht. Sie haben versucht, alle Beeinträchtigungen von Schutzgütern wie Mensch, Natur, Heilquellen zu vermeiden. Denn damit, so hat es Projektleiter Johannes Kuhn beschrieben, bestehe die größte Chance auf Genehmigung. Allerdings entstand dabei eine Variante mit großen Brücken und langen Tunnels, die nicht eben die preiswerteste ist – aber wohl am ehesten gerichtsfest. Und das ist bei der Klagefreudigkeit gegen große Infrastrukturprojekte in Deutschland ein entscheidender Faktor.

Wie sieht der Zeitplan aus?

Entsprechend ambitioniert ist der Zeitplan der Deges. Ende der Dekade soll Spatenstich für den Abschnitt A98.6 Wehr-Bad Säckingen erfolgen. Freilich waren für dieses Teilstück immer wieder Prognosen abgegeben worden. Die prominenteste stammt aus dem Jahr 2007 vom damaligen Freiburger Regierungspräsidenten Sven von Ungern-Sternberg. Er sagte damals, dass in zehn Jahren bei Bad Säckingen die Autos auf der Autobahn fahren.

Die Reaktionen auf das Verkehrsgutachten fielen, ebenso wie die auf die Vorzugsvariante, durchaus unterschiedlich aus. Kein Wunder, denn die Idee einer Schnellstraße von Basel bis München war schon Anfang der 60er-Jahre geboren. Erste Linienführungen gab es im Laufe der 60er, für den Bereich Wehr-Bad Säckingen dann im Jahr 1970: die sogenannte Bergtrasse, von der heute nichts mehr übrig ist.

Wie wird sich der Verkehrs bis 2040 entwickeln?

Nur wenige Stunden nach der Vorzugsvariante präsentierte die Deges ein von ihr in Auftrag gegebenes Verkehrsgutachten, das besagt, dass sich der Verkehr entlang des Hochrheins bis 2040 verdoppeln wird. Und zwar auf bis zu 43.000 Fahrzeugen pro Tag in Ost-West-Richtung. Damit korrigieren die Gutachter von PTV AG in Karlsruhe ihre eigene Prognose von 2013 deutlich nach oben.

Bild: Schönlein, Ute

Unter anderem, weil sie von einem inzwischen viel stärkeren Bevölkerungswachstum im Dreiländereck rund um Basel ausgehen. Ihre Empfehlung ist unmissverständlich. Die extreme Zunahme des Kraftfahrzeugverkehrs könne nur eine vierspurige Hochrhein-Autobahn aufnehmen.

Dabei verschweigen sie nicht, dass eben jene Modellstraße zusätzlichen Verkehr anziehen wird. Unter anderem, so ihre Vorhersage, werden Fahrer, die bislang auf ein schnelleres Vorwärtskommen in der Schweiz setzen, ihre Fahrzeuge über eine vollständig ausgebaute A98 steuern. Ein nur dreispuriger Ausbau der A 98, einspurig mit wechselseitiger Überholspur, wie im Bereich von Laufenburg und Murg beispielsweise, würde zu viel Rückstau führen.

Was bedeutet das für die staugeplagten Ortsdurchfahrten?

Im Gegenzug versprechen die Verkehrsexperten, dass sich der Durchgangsverkehr, insbesondere auf den beiden Ortsdurchfahrten von Bad Säckingen und Waldshut, deutlich verringern werde. Nach ihren Berechnungen würde sich das tägliche Verkehrsaufkommen auf der B 34, beispielsweise in Waldshut, ohne eine vierspurige Autobahn von derzeit etwa 27.000 Fahrzeugen bis zum Jahr 2040 auf gut 32.000 Autos und Lastwagen erhöhen.

In diese und alle anderen Zahlen bereits mit eingerechnet sei, so Manuel Hitscherich von der PTV AG, eine optimale Ausnutzung des Öffentlichen Personennahverkehrs, also auch die bevorstehende Elektrifizierung der Hochrheinbahn. Ebenfalls eingepreist sei eine verstärkte Nutzung von Fahrrädern auf dem künftigen Radschnellweg.

Entwicklungen bei der Hochrheinautobahn A98