Montag, der 15. Juni 2020. Ein eher unscheinbares Datum, aber eines,das in die Geschichtsbücher eingehen wird. Denn heute öffnen die Schweiz und Deutschland ihre Grenzen wieder und kehren damit in jenen Modus zurück, der bis zum 16. März 2020 alltäglich war: Das Leben in einer Region, über Landesgrenzen hinweg.

Es ist ein historischer Moment am Hochrhein. Denn – und das wurde in den vergangenen drei Monaten an zahllosen Beispielen deutlich – die Grenze war in den vergangenen Jahren eher eine Formalität, das Leben mit den Menschen und der Infrastruktur des Nachbarlandes selbstverständlich.

Ob es wieder wird wie vor Corona? Wir werden das Geschehen heute in der Region begleiten und Sie regelmäßig darüber informieren.

15 Uhr: Freude bei Einkaufstouristen und Geschäften ist groß

Bild: Maria Schlageter

Patricia Costa und Manuel Cardosa aus Zürich haben im Kaufland in Bad Säckingen einen Großeinkauf für die Familie gemacht: „Wir sind seit acht Jahren in der Schweiz und haben schon immer viel in Bad Säckingen eingekauft. Es ist einfach deutlich billiger hier, wenn man für eine Großfamilie einkaufen muss. Wir haben drei kleine Kinder und kaufen von Lebensmittel bis Kleidung alles in Deutschland. Deswegen haben wir den Tag heute gleich genutzt, auch wenn wir uns an die Masken erst gewöhnen müssen.“ Aus Gesprächen mit Freunden und Verwandten wissen sie, dass viele ihre Einkaufstour erst zum Wochenende hin planen.

Bild: Julia Becker

„Ich bin eigentlich nur spontan gekommen“, berichtet Frau Graf aus Baselland. Gerade war sie im Discounter in Rheinfelden, am liebsten kauft sie in Deutschland aber Kosmetik und Drogerieartikel ein. Ihre Maske hat die Kundin mitgebracht: „Auch in der Schweiz trage ich die Maske bei der Arbeit, sicher ist sicher.“

Bild: Julia Becker

Auch in der Großfeldstraße tummeln sich viele Schweizer aber noch nicht so viele, wie man es von früher gewohnt ist. Es ist vorerst ein vorsichtiges Austesten der geöffneten Grenze. „Wir sind auf gut Glück losgefahren, wollten mal schauen. Unsere Freunde haben uns für verrückt erklärt“, so eine Schweizerin. Zusammen mit ihrem Mann lädt sie ihren vollen Einkaufswagen in den SUV, in die Zeitung möchte sie lieber nicht. Aber sie verrät: „Der deutsche Spargel hat mir sehr gefehlt!“ Sonst würden sie regelmäßig zum Einkaufen kommen, für Lebensmittel und auch Drogerieartikel. Heute sei es aber genug, man könne ja wieder kommen, so die Schweizerin zum Abschied.

Bild: SK

Dass auch der Grenzübergang Rheinheim wieder geöffnet war, spürten die Geschäftsleute in der Gemeinde Küssaberg erheblich. Auf den Straßen gab es aufgrund der Schweizer Einkaufstouristen ein höheres Verkehrsaufkommen, vergleichbar mit der Situation vor der Schließung der Grenzen im März. Die Parkplätze der Discounter füllten sich ab acht Uhr kontinuierlich; vor dem Eingang des Drogeriemarktes Rossmann in Kadelburg entstand schon gegen neun Uhr eine kleine Warteschlange, weil die erlaubte Obergrenze an Kunden bereits erreicht war.

Bild: SK

Durchweg zufrieden äußerten sich die Mitarbeiter der Geschäfte über die Reaktionen der Kunden. „Die Stimmung ist gut“, lautete das Resümee des Teams von Rossmann. Nur vereinzelt sah man Personen ohne den vorgeschriebenen Mundschutz. Ebenfalls bestens vorbereitet war die Stempelstelle des Zolls im Gemeindezentrum Rheinheim. Hier hatte man vorab Linien zum besseren Einhalten des Sicherheitsabstands aufgezeichnet, welche auch eingehalten wurden.

13 Uhr: Bürgermeistertreffen auf der historischen Holzbrücke

Mit einem Glas Sekt stießen am Mittag Bad Säckingens Bürgermeister Alexander Guhl und der Gemeindeammann von Stein Beat Käser auf die Öffnung der deutsch-schweizerischen Grenze an. „Stein gehört zu Säckingen, Säckingen gehört zu Stein“, betonte Käser die Bedeutung des kleinen Grenzverkehrs, der in den vergangenen 13 Wochen strikt unterbrochen war.

Bürgermeister Alexander Guhl und Ammann Beat Käser auf der Holzbrücke.
Bürgermeister Alexander Guhl und Ammann Beat Käser auf der Holzbrücke. | Bild: Obermeyer, Justus

Offiziell und dienstlich sei der Kontakt zwar nicht abgebrochen worden, ergänzte Guhl bei dem Treffen genau auf der Grenzlinie auf der historischen Holzbrücke. „Das ganze menschliche Miteinander fehlte aber komplett.“ Seit 1945 sei die Grenze nicht mehr so dicht gewesen. Die Folgen waren vor allem im Herz der Altstadt sichtbar: „Die leere Rheinbrückstraße sah gespentisch aus“, so Guhl. „Dass es im kleinen Grenzverkehr keine Ausnahmen gab, weil hier die engen Beziehungen über viele Jahre gewachsen sind, habe ich ehrlich gesagt nicht verstanden“, merkte Guhl kritisch an. Diplomatischer war da sein Schweizer Pendant Beat Käser: „Irgendjemand musste halt entscheiden, um die Pandemie zu bekämpfen. Wenn man das Ergebnis heute sieht, waren sicher nicht alle Entscheidungen falsch. Dennoch zeigte er sich erleichtert, dass die Grenze nun wieder ohne Einschränkungen für alle Bürger durchlässig ist. „Ältere Bürger sagen, dass die Holzbrücke noch nicht mal während des zweiten Weltkriegs so dicht war“, so Käser.

Einige Radfahrer und Fußgänger nutzten die wiedergewonnene Freiheit für einen Ausflug ins andere Land.
Einige Radfahrer und Fußgänger nutzten die wiedergewonnene Freiheit für einen Ausflug ins andere Land. | Bild: Obermeyer, Justus

Guhl und Käser nutzten das Treffen, um auf der Schweizer Rheinseite die neue Rheintreppe bei der Holzbrücke einzuweihen und einen Baum zu pflanzen. Das grenzüberschreitende Teilprojekt der „Rheinliebe“ im Rahmen der Basler Bauausstellung IBA bietet nun einen herrlichen Blick auf das Bad Säckinger Rheinufer und Schwimmern einen Zugang zum Rhein.

Den schönsten Blick auf Bad Säckingen hat man von Stein aus.
Den schönsten Blick auf Bad Säckingen hat man von Stein aus. | Bild: Obermeyer, Justus

13 Uhr: Viel los in Waldshut-Tiengen, im Westen zieht es langsamer an

Was den Einkaufstourismus anbelangt, scheint es eine Art Ost-West-Gefälle zu geben. Während rund um Waldshut-Tiengen bereits wieder einigermaßen Normalbetrieb herrscht, erlebt der westliche Teil des Landkreises eher einen verhaltenen Start in den Alltag.

Die Schweizer Kunden sind wieder da. Am Waldshuter Zoll war der Andrang am Montag bereits so groß, dass Einkaufstouristen vor dem Abstempeln der Ausfuhrzettel Schlange stehen mussten.
Die Schweizer Kunden sind wieder da. Am Waldshuter Zoll war der Andrang am Montag bereits so groß, dass Einkaufstouristen vor dem Abstempeln der Ausfuhrzettel Schlange stehen mussten. | Bild: Gerard, Roland

Am ersten Tag der Grenzöffnung nach monatelangen Einreisesperren wegen der Corona-Pandemie war am Zoll an der Waldshuter Rheinbrücke reger Verkehr schweizerischer Einkaufstouristen festzustellen. Die ersten Kunden aus dem Nachbarland hatten sich bereits kurz nach Ladenöffnung in der Hochrheinstadt eingefunden. Bereits am Vormittag waren am Grenzübergang nicht nur viele Schweizer Autos in Richtung Waldshut unterwegs, sondern auch bereits wieder auf der Rückreise. Nach Informationen dieser Zeitung stempelte der Zoll in Waldshut allein bis 10.15 Uhr etwa 200 Ausfuhrkassenzettel ab.

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In Bad Säckingen ist zwar die Zunahme der Kundschaft infolge der Grenzöffnung durchaus spürbar, wie auch zwei Mitarbeiterinnen des Schmidts Markts auf dem Brennet-Areal im Gespräch mit unserer Zeitung bestätigen. Der große Ansturm ist aber noch nicht feststellbar. Aktuell wird insbesondere die Kundenfrequen beobachtet und gezählt, wie viele Menschen den Laden betreten und verlassen. Insbesondere wird aber darauf geachtet, dass die Kunden die geltenden Corona-Regelungen einhalten, insbesondere Abstandsregelungen und die Maskenpflicht. Zudem wurden gerade beim Schmidts Markt die Wegführungen für die Kunden deutlich markiert.

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Derweil ist am Bad Säckinger Zoll ein konstanter Verkehrsfluss aus der Schweiz feststellbar. Voraussichtlich wird sich also die Zunahme von Kunden aus dem Nachbarland hier in den nächsten Stunden deutlicher bemerkbar machen.

Video: Maria Schlageter

Noch etwas weiter östlich, in Schwörstadt, war das Nahversorgungszentrum mit Aldi, DM und Schnäppchenläden schon am Vormittag gut besucht, allerdings waren hier nur vereinzelt Schweizer Kunden anzutreffen. Man rechne eher am Wochenende mit mehr Kunden, so eine Verkäuferin.

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In Rheinfelden entdeckt man bei einem Rundgang auf den Parkplätzen des Einkaufszentrums am Bahnhof derweil durchaus Schweizer Kennzeichen in großer Zahl. Als Einkäufer findet man trotzdem einen Platz, nur vor dem Drogeriemarkt heißt es anstehen. Eine Mitarbeiterin kontrolliert hier die zulässige Kundenanzahl, statt wie sonst über Kärtchen zu regulieren. Dafür wurden für die nächsten zwei Woche die Einkaufszeiten erweitert: Geöffnet ist nun von sieben bis 21 Uhr.

Bild: Julia Becker

Mehrere Geschäfte bieten einzelne Einmalmasken zum Kauf an, die bereits gewohnten Hinweisschilder informieren nun auch auf französisch über die Maskenpflicht.

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Besonders groß ist derweil der Andrang bei den Rheinfelder Grenz-Paket-Stellen. Hier warten aktuell so viele Menschen, dass es Wartezeiten bis zu mehreren Stunden geben kann.

Video: Julia Becker

11.30 Uhr: Die ersten Einkaufstouristen kommen wieder

Das Parkhaus am Kornhaus in Waldshut ist bereits am Montagmorgen gut mit Autos aus der Schweiz gefüllt. (Aufnahme vom 15.06.2020) Bild: Juliane Schlichter
Das Parkhaus am Kornhaus in Waldshut ist bereits am Montagmorgen gut mit Autos aus der Schweiz gefüllt. (Aufnahme vom 15.06.2020) Bild: Juliane Schlichter | Bild: Schlichter, Juliane

Der ganz große Ansturm an Einkaufstouristen hat noch nicht eingesetzt. Doch es ist spürbar mehr los in den Städten am Hochrhein. Das Kornhaus-Parkhaus in Waldshut war bereits am Morgen gut gefüllt. Viele der hier parkenden Fahrzeuge haben ein Schweizer Kennzeichen.

Bislang macht sich die Grenzöffnung zumindest auf den Parkplätzen vieler Einkaufsmärkte noch nicht gravierend bemerkbar.
Bislang macht sich die Grenzöffnung zumindest auf den Parkplätzen vieler Einkaufsmärkte noch nicht gravierend bemerkbar. | Bild: Maria Schlageter

Dagegen ist es in Bad Säckingen bis jetzt verhältnismäßig ruhig. Erste Anlaufstation für viele Schweizer Gäste waren augenscheinlich die Grenz-Paket-Stellen, wo sie ihre nach Deutschland gelieferten Bestellungen in Empfang nahmen. Auf den Parkplätzen der großen Einkaufsmärkte wie Rewe sind dagegen bislang noch Autos mit deutschen Kennzeichen in der Überzahl.

Einhaltung der Sicherheitsmaßgaben hat in den Geschäften in Bad Säckingen oberste Priorität.
Einhaltung der Sicherheitsmaßgaben hat in den Geschäften in Bad Säckingen oberste Priorität. | Bild: Maria Schlageter

Spezielle Willkommens-Aktionen für die Schweizer Kundschaft gibt es bislang nicht. Allerdings informieren die Geschäfte insbesondere über die Schutzmaskenpflicht, die es in dieser Form in der Schweiz nicht gibt.

Freude ist groß: Gerhard von Allmen aus Stein genießt die Möglichkeit in Deutschland einzukaufen in vollen Zügen.
Freude ist groß: Gerhard von Allmen aus Stein genießt die Möglichkeit in Deutschland einzukaufen in vollen Zügen. | Bild: Maria Schlageter

Bei den ersten Einkaufstouristen, die nach Bad Säckingen gekommen sind, handelt es sich vorwiegend um Ruheständler. Zu ihnen gehört auch Gerhard von Allmen aus Stein, der sich einfach nur freut, dass er wieder „ennet am Rhy“ einkaufen darf: „Ich persönlich bin sehr froh, es waren drei sehr lange Monate. Aber ich denke, es ist ein Geben und Nehmen, der deutsche Handel freut sich genauso. Meine Frau hat sich Milka Schokolade gewünscht, das habe ich heute als erstes eingekauft.“

Grenzschließung: Ein Rückblick

Am 16. Mai wurden die sichtbaren Absperrungen zwischen Deutschland und der Schweiz abgeräumt. Doch es blieb bei – wenn auch etwas gelockerten – Einreisebestimmungen. Ohne den sogenannten „triftigen Grund“ blieb das Nachbarland unerreichbar.

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