„Ich hab‘ gehört, die Grenze ist dicht.“ Was am Samstag noch als Gerücht durch die sozialen Netzwerke geisterte oder per Smartphone verbreitet wurde, ist seit Sonntag fast Gewissheit. Um die Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, hat Bundesinnenminister Horst Seehofer die Grenzübergänge in Richtung Frankreich, Österreich und der Schweiz de facto geschlossen.

Die Regelung tritt am heutigen Montag, 16. März, um 8 Uhr, in Kraft. Dies teilte er gestern Abend bei einer Pressekonferenz mit. Berufspendler mit Grenzgängerbewilligung und der Warenverkehr sind vorerst nicht betroffen. Reisenden ohne gravierenden Grund soll die Einreise verweigert werden. Deutsche Staatsbürger dürften „jederzeit wieder einreisen“, so Seehofer.

Fernbeziehung wegen Grenzschließung?

„Ich bin verunsichert, ob ich ab morgen noch meine Familie und Freunde in Deutschland besuchen kann“, sagt Madeleine Villinger und nippt nachdenklich an ihrem Cappuccino. Die junge Frau, die gebürtig aus dem Kreis Waldshut kommt, aber im Kanton Aargau lebt und arbeitet, sitzt am Sonntagnachmittag mit ihrem Freund in einem Café in der Waldshuter Fußgängerzone.

Madeleine Villinger aus Klingnau/Schweiz ist verunsichert, ob sie ihre Familie und Freunde im Landkreis Waldshut noch besuchen darf.
Madeleine Villinger aus Klingnau/Schweiz ist verunsichert, ob sie ihre Familie und Freunde im Landkreis Waldshut noch besuchen darf. | Bild: Schlichter, Juliane

Auf der Fahrt von Klingnau, wo Villinger wohnt, haben die beiden über das mobile Internet erfahren, dass am nächsten Morgen die Grenzen dicht gemacht werden. Ihr Freund lebt in Tiengen. Die mögliche Aussicht, dass die beiden in der kommenden Zeit eine Fernbeziehung führen müssen, trübt die Stimmung an diesem schönen Frühlingstag. Denn die Ausnahme für Grenzgänger zwischen Deutschland und der Schweiz gilt für beide nicht.

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Warum sich Mitglieder der Bundesregierung am Sonntag für diese drastischen Maßnahme entschieden haben, erklärt die Waldshut-Tiengener SPD-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin Rita Schwarzelühr-Sutter: „Der Schutz der Bevölkerung hat höchste Priorität. Eine solche Pandemie gab es in den letzten 100 Jahren nicht mehr.“

Den Einzelhandel wird es schwer treffen

Die Politikerin hält „diesen heftigen Einschnitt in unser Leben, unsere Arbeit und die Wirtschaft für gerechtfertigt“, wie sie in einer Pressemitteilung schreibt. Dennoch stelle die Grenzschließung zur Schweiz einen besonderen Einschnitt für die Region dar. Gerade der Einzelhandel werde von dieser Regelung schwer getroffen, so Schwarzelühr-Sutter.

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Ähnlich sieht es auch der Waldshut-Tiengener CDU-Bundestagsabgeordnete Felix Schreiner. „Wir erleben eine dynamische Lage, die ständig neu bewertet werden muss. Ich kann die Einschränkungen des Grenzverkehrs nachvollziehen. Die Gesundheit unserer Bevölkerung ist jetzt wichtiger als alles andere“, sagt er auf Nachfrage dieser Zeitung.

„Wichtig ist aber auch, dass wir Lösungen für die vielen tausend Grenzgänger in unserer Region sowie unbürokratische wirtschaftliche Hilfen für unseren Einzelhandel und unsere Unternehmen erhalten“, fügt er hinzu. Dazu stehe er mit Gesundheitsminister Jens Spahn, aber auch mit dem Wirtschaftsminister Peter Altmaier im engen Austausch.

Landkreis Lörrach mit zwei Außengrenzen

Die Lörracher Landrätin Marion Dammann, an deren Landkreis Schweiz und Frankreich grenzen, hält das Vorgehen der Bundesregierung für richtig. „Dennoch ist es gerade in unserer Region wichtig, dass auch weiterhin der Pendlerverkehr möglich bleibt“, schreibt sie in einer Mitteilung.

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Zu der Nachricht, dass ab Montag die deutsche Grenze geschlossen würde, passte das für einen normalen Sonntag ungewöhnliche Aufgebot von Sicherheitskräften, das am gestrigen Nachmittag an der Waldshuter Rheinbrücke im Einsatz war. Mit vier Fahrzeugen und acht Beamten waren Mitglieder von Bundespolizei, Zoll und Landespolizei vor Ort. Dabei wurden laut Information dieser Zeitung auch Stichproben bezüglich des Gesundheitszustands Einreisender gemacht. Im Zweifelsfall sollten Betroffene aufgefordert werden, sich auf eine mögliche Corona-Infektion untersuchen zu lassen.

Ein Schweizer Radfahrer betrachtet am Zoll in Waldshut einen Aushang, der über die vorläufige Einstellung der Mehrwertsteuerrückerstattung informiert.
Ein Schweizer Radfahrer betrachtet am Zoll in Waldshut einen Aushang, der über die vorläufige Einstellung der Mehrwertsteuerrückerstattung informiert. | Bild: Gerard, Roland

Benjamin Lubach stammt aus Potsdam und lebt in Zürich. Am Sonntag war er im Schwarzwald mit seinem Motorrad auf Ausflugsfahrt – “der Klassiker“, schmunzelt der 29-Jährige. Auf der Rückfahrt steht er mit seiner Kawasaki am Waldshuter Zoll und hat bereits über das Internet von der Nachricht gehört, dass am Montag die Grenze zu Deutschland geschlossen werden solle. Weil er in der Schweiz als Busfahrer arbeitet, wäre er von der Maßnahme zwar nicht direkt betroffen. Benjamin Lubach meint jedoch: “Das gibt mir das Gefühl von Unsicherheit.“

Vor dem Zoll in Waldshut steht der in Zürich lebende Deutsche Benjamin Lubach, der am Sonntag noch eine Motorradtour durch den Schwarzwald unternommen hat.
Vor dem Zoll in Waldshut steht der in Zürich lebende Deutsche Benjamin Lubach, der am Sonntag noch eine Motorradtour durch den Schwarzwald unternommen hat. | Bild: Gerard, Roland

Direkt berührt von der Grenzsperrung wiederum wäre ein aus Tiengen stammender Deutscher, der am Sonntagnachmittag auf der Rückfahrt in seinen Schweizer Wohnort Bülach war. Seine Mutter, eine Schweizer Staatsbürgerin, lebt in Tiengen. Jetzt fragt sich ihr Sohn, ob er sie vorerst nicht mehr besuchen kann.

Mit gemischten Gefühlen verfolgt Grenzgängerin Elia Jasch-Ramsteck aus Wehr die Nachrichten von der Grenzschließung. „Ich gehe davon aus, dass sich in den nächsten Tagen einige Staus an den Grenzübergängen bilden werden.“ Allerdings arbeite sie Gleitzeit und könne so den großen Stoßzeiten ausweichen. Einige Kollegen seien mittlerweile ins Home Office gewechselt, auch daher werde sich die Zahl der Grenzgänger wohl reduzieren.

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