Insekten spielen in Ökosystemen eine wichtige Rolle. Rund 80 Prozent aller Wild- und Kulturpflanzen werden dem Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zufolge durch Insekten wie beispielsweise Bienen und Hummeln bestäubt. Gibt es zu wenig von ihnen, hat dies große Auswirkungen auf die Nahrungsmittelversorgung. Denn herrscht ein Mangel an Bestäubern, sind die Ernten geringer oder fallen ganz aus.

Mit dem im Juni dieses Jahres beschlossenen Insektenschutzgesetz und der sogenannten Pflanzenschutz-Anwendungsverordnung will die Regierung das Insektensterben stoppen. Um die nützlichen Tiere zu schützen, sollen die Landwirte künftig weniger Pflanzenschutzmittel und Unkrautvernichter spritzen – in Naturschutz- und FFH-Gebieten (Fauna-Flora-Habitat) sollen die Mittel sogar ganz verboten werden. Genau dort stehen aber die Obstbäume von Benedict Wingen aus dem Weiler Reutehof zwischen Grießen und Bergöschingen.

Der 27-Jährige bewirtschaftet mit seinem Vater Äcker, Streuobstwiesen und Wald. Das Insektenschutzgesetz sieht der junge Landwirt kritisch: „Es macht unsere Höfe kaputt“, erklärte er bei der SÜDKURIER-Diskussionsrunde „Blind-Date mit dem Kandidaten“, in der Wingen auf die SPD-Bundestagsabgeordnete und Kandidatin für die bevorstehende Bundestagswahl, Rita Schwarzelühr-Sutter, trifft.

Das SÜDKURIER-Blind-Date mit Rita Schwarzelühr-Sutter und Benedict Wingen wurde oberhalb der Streuobstwiesen des Landwirts gefilmt.
Das SÜDKURIER-Blind-Date mit Rita Schwarzelühr-Sutter und Benedict Wingen wurde oberhalb der Streuobstwiesen des Landwirts gefilmt. | Bild: Juliane Schlichter

Es ist nicht die erste Begegnung zwischen der Parlamentarischen Staatssekretärin im Bundesumweltministerium und dem Klettgauer: Im Februar dieses Jahres war Benedict Wingen wie viele seiner Berufskollegen in die Bundeshauptstadt gekommen, um anlässlich der Kabinettsberatungen zum Insektenschutzgesetz auf die wirtschaftlichen Folgen für die Landwirtschaft aufmerksam zu machen. Auf seine Initiative hin hatte sich die Abgeordnete mit ihm und weiteren Betroffenen am Rande der Bauern-Demonstration in Berlin zum Gedankenaustausch getroffen.

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Nun kamen die beiden erneut als Gegenspieler beim SÜDKURIER-Format „Blind Date mit dem Kandidaten“ auf dem Reutehof in Grießen zusammen, genauer gesagt oberhalb von Wingens Streuobstwiesen. Bei der knapp halbstündigen, zum Teil hitzig, aber sachlich geführten Diskussion erläuterten die Politikerin aus Lauchringen und der Klettgauer Biolandwirt ihre jeweiligen Standpunkte. „Wir würden ja alles mitmachen“, sagte Benedict Wingen über die behördlichen Vorgaben durch das Insektenschutzgesetz. „Nur muss es auch entlohnt werden. Da muss die Bevölkerung mitmachen“, fügte er hinzu.

„Da sind wir doch beisammen“, entgegnete Rita Schwarzelühr-Sutter. „Wir erwarten gesunde Lebensmittel, gute Ernährung, und es darf eigentlich nichts kosten. Und am Ende muss der Landwirt auch etwas verdienen und von seiner Arbeit leben können“, erklärte die Abgeordnete. Sie betonte außerdem, dass Landwirte einen wichtigen Beitrag zur ökologischen Vielfalt leisten.

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SÜDKURIER-Serie zur Bundestagswahl

Ein wenig provokant erklärte Benedict Wingen gegenüber der Politikerin: „Das Insektenschutzgesetz ist in meinen Augen total überflüssig.“ Schwarzelühr-Sutter verteidigte die neuen Regelungen: „Wenn man weitermacht wie bisher, dann ändert sich nichts.“ Sie erinnerte den Landwirt daran, dass die Landwirtschaft Insekten zur Bestäubung brauche, um einen Ertrag zu erzielen.

Video: Nico Talenta

Landwirte seien ja nicht generell gegen Insekten, stellte Benedict Wingen im Gespräch mit der SPD-Kandidatin klar. Gegen Schädlinge wie Blattläuse und Zikaden beim Zuckerrübenanbau setzten viele Landwirte jedoch bisher wirksame Insektizide wie Neonicotinoide ein, führte der 27-Jährige als Beispiel an.

Die Verwendung von Neonicotinoide sei schon lange über die EU geregelt, entgegnete Rita Schwarzelühr-Sutter. „Alle Mitgliedsstaaten sagen aufgrund der wissenschaftlichen Erkenntnisse: Das geht nicht mehr“, erklärte sie. Sollte es Erntejahre geben, in denen ein starker Befall droht, gebe es immer noch die Möglichkeit, eine Ausnahmeregelung für den Einsatz dieser Insektizide befristet zu erlassen.

Diskussionsrunde mitten in der Natur (von links): Landwirt Benedict Wingen, SÜDKURIER-Redakteur und Moderator David Rutschmann und ...
Diskussionsrunde mitten in der Natur (von links): Landwirt Benedict Wingen, SÜDKURIER-Redakteur und Moderator David Rutschmann und SPD-Bundestagsabgeordnete Rita Schwarzelühr-Sutter. | Bild: Nico Talenta

Benedict Wingen steht nach eigener Aussage vor der Entscheidung, ob er zu einer konventionellen Anbauweise zurückkehrt oder weiterhin auf Biolandwirtschaft setzt. „Da würde ich Ihnen eine gute Empfehlung geben“, entgegnete Schwarzelühr-Sutter dem Jungbauern. Sie empfahl ihm, abzuwarten, bis die neue Förderperiode beschlossen sei. Die Parlamentarische Staatssekretärin stellte Gelder der Europäischen Union in Aussicht und verwies auf Förderprogramme des Landes Baden-Württemberg für die Landwirtschaft. „Deshalb warten Sie erst mal ab, bevor Sie sich entscheiden“, schlug die 58-jährige Politikerin vor.

Benedict Wingen kam bei der Diskussionsrunde auch auf das Thema Düngen zu sprechen. „Wir sollen weniger düngen“, nannte er als Beispiel eine der behördlichen Auflagen für Landwirte. „Ihr nehmt uns dadurch unser Werkzeug weg. Eine Pflanze braucht einfach Nährstoffe“, fügte er erklärend hinzu.

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Der Biolandwirt fordert Studien, die belegen, ob Mobilfunkstrahlung Auswirkungen auf das Insektensterben hat. Dazu erklärte Rita Schwarzelühr-Sutter: „Es gibt eine Menge Studien, die sagen: Wenn die Grenzwerte eingehalten werden, ist überhaupt nichts zu erwarten.“

Die beiden Gesprächspartner hätten noch gut und gerne weiter über das Insektenschutzgesetz und ihre unterschiedlichen Haltungen dazu diskutieren können. SÜDKURIER-Redakteur und Moderator David Rutschmann musste die Debatte jedoch aus Zeitgründen unterbrechen. „Sie sehen, die landwirtschaftlichen Themen sind ein Riesengebiet“, sagte Rita Schwarzelühr-Sutter.

Das Video in ganzer Länge

Die gesamte Diskussion können Sie hier sehen:

Video: Nico Talenta

Alle Folgen des SÜDKURIER-Formats „Blind-Date“