Mittwoch vor einer Woche, am 1. April, starb der erste corona-infizierte Mensch innerhalb des Landkreises Waldshut. Doch sein Tod wirft noch im Nachhinein viele Fragen auf, die Angehörigen halten die Umstände seines Ablebens für mehr als zweifelhaft. Denn der 86-jährige Mann aus dem Hotzenwald kommt kurz vor seinem Tod ins Krankenhaus Waldshut, aber am selben Tag wird der Corona-Infizierte zurück ins Pflegeheim geschickt. Die Untersuchung im Krankenhaus dauert 15 Minuten. Drei Tage später stirbt er im Pflegeheim. Mittlerweile sind in dem Pflegeheim mindestens vier Corona-Fälle bestätigt.

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Die Angehörigen finden den Vorfall unfassbar

Der 86-jährige Mann war seit November letzten Jahres Bewohner des Pflegeheimes auf dem Hotzenwald. Wo und wann er sich infiziert hat, ist unbekannt. Fest steht: Sein Zustand verschlimmerte sich, sodass der ärztliche Notdienst den Mann am Sonntag, 29. März, nach Waldshut ins Klinikum Hochrhein einliefern ließ. Was dann passierte, finden die Angehörigen unfassbar: „Die haben ihn dort am selben Tag zurückgeschickt und nicht einmal einen Abstrich gemacht“, berichtet eine Tochter des Verstorbenen. Die Angehörigen nehmen zwar an, dass ein Arzt im Waldshuter Krankenhaus ihn untersucht hat, wissen es aber nicht wie intensiv. Und vor allem eines verstehen sie nicht: „Wie kann man einen 86-Jährigen mit Coronaverdacht in ein Pflegeheim zurückschicken, wo lauter Risikopatienten wohnen“, schüttelt ein Angehöriger den Kopf. Das sei grob fahrlässig und eine Gefahr für die ganze Einrichtung. Das Krankenhaus Waldshut hätte ihn testen und isolieren müssen, sind sich die Angehörigen einig, schon um die anderen Bewohner des Pflegeheimes zu schützen.

Es habe kein Anlass für einen Abstrich gegeben. Halsschmerzen seien nicht ausreichend – Hans-Peter Schlaudt, Geschäftsführer des Klinikums Hochrhein Waldshut
Es habe kein Anlass für einen Abstrich gegeben. Halsschmerzen seien nicht ausreichend – Hans-Peter Schlaudt, Geschäftsführer des Klinikums Hochrhein Waldshut. | Bild: Klinikum Hochrhein

Hausarzt Kühne: Der Patient kam vom Krankenhaus postwendend ohne Abstrich zurück

Den Test, der in Waldshut nicht gemacht wurde, nahm dann Hausarzt Sven Kühne von der der Gemeinschaftspraxis Boettcher und Höller in Rickenbach am Dienstag (31. März) selber vor. Als das positive Ergebnis des Tests zwei Tage später am Donnerstag (2. April) eintraf, war der 86-Jährige schon tot. Er war am Mittwoch gestorben (1. April). Hausarzt Sven Kühne sagt, er habe vom 86-Jährigen nach seiner Rückkehr aus Waldshut einen Abstrich gemacht, weil sein Allgemeinzustand dazu Anlass gegeben habe.

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Der Hausarzt macht selber einen Coronatest

Wegen des verschlechterten Zustandes habe die Pflege schon an jenem Sonntag, den 29. März, den diensthabende Notdienst der Kassenärztlichen Vereinigung ins Pflegeheim gerufen. Dieser habe den Patienten dann ins Krankenhaus Waldshut-Tiengen eingeliefert, ergänzte Hausarzt Kühne nach einem Blick in die Krankenakte des 86-Jährigen. Der Kollege des Notdienstes habe es offenbar nicht mehr verantworten können, ihn im Pflegeheim zu lassen. „Aber er kam wieder postwendend zurück“, so Kühne. Warum sein Patient im Krankenhaus Waldshut nicht getestet wurde, kann Kühne nicht sagen. Er selber hätte angesichts der Multimorbidität des 86-Jährigen den Covid-19-Verdacht in eine Differenzialdiagnose mit aufgenommen. Differenzialdiagnose ist eine abgrenzende Krankheitsbestimmung, wenn man mehrere mögliche Krankheitsbilder mit ähnlichen Symptomen untersucht. Im Fall von Corona wären das laut Kühne etwa bestimmte Grippeviren mit ähnlichen Symptomen. Wie wurde der 86-Jährige nach seiner Rückkehr im Heim untergebracht? Er sei isoliert worden, sagte Kühne. Dies sei die Regel, wenn jemand von außen kommt, in dem betreffenden Pflegeheim werde das sehr strikt gehandhabt.

Der 86-jährige Patient habe keine Symptome gezeigt, die eine stationäre Aufnahme gerechtfertigt hätten – Stefan Kortüm, Chefarzt der zentralen Notaufnahme im Klinikum Hochrhein Waldshut
Der 86-jährige Patient habe keine Symptome gezeigt, die eine stationäre Aufnahme gerechtfertigt hätten – Stefan Kortüm, Chefarzt der zentralen Notaufnahme im Klinikum Hochrhein Waldshut. | Bild: Olheide, Monika

Töchter in Schutzkleidung besuchen den Vater ein letztes Mal

Zwei Töchter haben ihren Vater am Mittwoch vor genau einer Woche kurz vor dem Tod noch besuchen dürfen. Das Pflegeheim hatte sie benachrichtigt. Falls sie ausreichende Schutzausrüstung hätten, so die Nachricht aus dem Heim, könnten sie ihren Vater noch einmal sehen, denn es gehe jetzt zu Ende. Ein Enkel des Verstorbenen verfügt beruflich über hochwertigste Schutzausrüstung der Klasse FFP3 für Asbest-Sanierungen oder auch gegen radioaktive Stäube, Gesichtsvollschutz und Anzüge. Mit diesen durften die beiden Töchter ein letztes Mal zu ihrem Vater. Er sei dann in ihrem Beisein verstorben. „Es war, als habe er auf uns gewartet, und dann konnte er gehen“, berichtet eine der Töchter.

Das sagt das Spital zu den Vorwürfen

Wir haben das Klinikum Hochrhein mit den Vorwürfen der Angehörigen konfrontiert und mit Stefan Kortüm, Chefarzt der zentralen Notaufnahme, und Geschäftsführer Hans-Peter Schlaudt gesprochen.

  • Wann wurde der 86-jährige Corona-Patient ins Krankenhaus Waldshut-Tiengen eingeliefert? Laut Information von Stefan Kortüm sei der Patient am Sonntag, 29. März, um 15.30 Uhr eingeliefert worden. 15 Minuten später, um 15.45 Uhr wurde er wieder entlassen und ans Pflegeheim, aus dem er kam, zurückgeschickt, so der Chefarzt.
  • Wurde der Patient untersucht? Der 86-Jährige sei untersucht worden, auf Covid-19 sei er jedoch nicht getestet worden, so Kortüm.
  • Warum wurde der 86-Jährige nicht stationär aufgenommen? Laut Stefan Kortüm habe der Mann keine Symptome gezeigt, die eine stationäre Aufnahme gerechtfertigt hätten. Der Patient habe zwar Halsschmerzen, aber keine Atemnot gehabt, die Kreislauffunktionen seien stabil im Normbereich gewesen, die Sauerstoffsättigung sei mit 93 Prozent normal für das Alter, und er sei fieberfrei gewesen.
  • Warum wurde der 86-Jährige als Patient aus der Risikogruppe nicht auf Covid-19 getestet? Für einen Abstrich gebe es klare Richtlinien, die nicht erfüllt waren, sagte Klinik-Geschäftsführer Schlaudt. Dem Mann „ging es zum Zeitpunkt seiner Untersuchung im Krankenhaus offenbar gut“, so Schlaudt. Es habe kein Anlass für einen Abstrich gegeben. Bloße Halsschmerzen seien nicht ausreichend. Hinzu komme laut Chefarzt Kortüm, dass der einweisende Arzt vom Notdienst auch nur „einen reduzierten Allgemeinzustand und Halsschmerzen“ angeführt habe. Auch wenn der Patient drei Tage später daran starb: Der untersuchenden Arzt im Krankenhaus an jenem Sonntag habe keine Anzeichen für eine Covid-19-Infizierung gehabt, so Kortüm.
  • Hätte man nicht sicherheitshalber testen müssen, um eine Gefährdung des Heimes bei seiner Rückkehr auszuschließen? Ein Krankenhaus sei kein Pflegeheim, so der Geschäftsführer und der Chefarzt übereinstimmen. Der Patient habe bei der Untersuchung die für eine stationäre Aufnahme sowie für eine Testung nötigen Kriterien nicht erfüllt. Er sei nicht behandlungsbedürftig gewesen. Darüber hinaus gebe es in den Pflegeheimen ebenfalls die Möglichkeiten zur Isolierung und zur Testung, das müsse nicht in einem Krankenhaus stattfinden. Eine zusätzliche Gefährdung anderer Heimbewohner durch die Rückkehr des 86-jährigen Patienten sehen Kortüm und Schlaudt nicht, zumal ihres Wissen bereits zuvor mehrere Menschen in dem Heim infiziert waren.
  • Nachdem der Patient drei Tage nach der Untersuchung starb – ist sein Zustand vielleicht doch falsch eingeschätzt worden? „Nein“, sagt Chefarzt Kortüm.
  • Warum kann ein Krankenhaus nicht zur Sicherheit häufiger testen und isolieren? Die so genannte Contaiment-Phase sei vorbei, so Chefarzt Kortüm. Darunter verstehe man jene Phase zu Beginn einer Pandemie, wo man einzelne Personen bei schon geringerem Verdacht isoliere. Das funktioniere aber nur in der Frühphase und sei in der aktuellen Situation nicht mehr zu leisten. „Wir müssen unsere Strukturen versorgungsfähig halten“, ergänzte Geschäftsführer Schlaudt.
Andreas Gerber