Geht es um die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Krise, scheint kein Superlativ weitreichend genug, um den Schaden zu beschreiben, der in den vergangenen Monaten entstanden ist. Ganze Geschäftsbereiche liegen brach, allenthalben stellen Unternehmen teilweise oder komplett auf Kurzarbeit um.

Und doch sind all dies nur die unmittelbaren Auswirkungen der Krise in Form von Geschäftsschließungen, Beschränkungen und den anderen Begleiterscheinungen. Noch ist die grundlegende Hoffnung vorhanden, dass es in naher Zukunft wieder einigermaßen normal weitergeht und damit auch an alte wirtschaftliche Erfolge angeknüpft werden kann. Und doch: Prognosen über die Zeit danach scheinen aktuell mindestens ebenso schwierig wie die Beantwortung der Frage, wie viele Unternehmen und Institutionen die Krise dahinraffen wird, wie IHK Hochrhein-Bodensee und die Wirtschaftsregion Südwest im Gespräch mit unserer Zeitung darstellen.

„Wirtschaftlicher Fullstop von nie da gewesenem Ausmaß“

Dass Unternehmen immer wieder Rückschläge und konjunkturelle Einbrüche verkraften müssen, ist nichts Außergewöhnliches. Ungewöhnlich in der aktuellen Corona-Zeit ist jedoch die Dimension der Umsatzeinbrüche. IHK-Hauptgeschäftsführer Claudius Marx dazu: „Was wir jetzt haben, ist etwas ganz anderes, es ist ein so nie da gewesener Fullstop.“ Die Einnahmen seien „fallbeilartig und bis zu 100 Prozent“ weggebrochen, oft liefen aber betriebliche Ausgaben und Mietverträge unvermindert weiter. Viele Firmen könnten sich in dieser Konstellation „vielleicht vier bis sechs Wochen über Wasser halten, dann wird es eng“.

Damit einher geht natürlich auch die Angst vieler Arbeitnehmer um ihren Arbeitsplatz. Dies sorge für Verunsicherung und auch für Zurückhaltung bei größeren Ausgaben.

Malerisch schön, doch nur spärlich besucht: Die Kontaktsperre und weitere Einschränkungen zur Corona-Begrenzung, sorgen für herbe Verluste im Tourismussektor – hier eine Aufnahme aus Langenargen am Bodensee.
Malerisch schön, doch nur spärlich besucht: Die Kontaktsperre und weitere Einschränkungen zur Corona-Begrenzung, sorgen für herbe Verluste im Tourismussektor – hier eine Aufnahme aus Langenargen am Bodensee. | Bild: Felix Kästle

Betroffen sind von diesen unvorhergesehenen Einbrüchen im Grunde alle Wirtschaftsbereiche gleichermaßen: Die Industrie leide unter Erschwernissen bei den Produktionsketen. Der Tourismussektor sowie das Hotel- und Gaststättengewerbe lägen vollkommen brach. „Praktisch alle Unternehmen, deren Geschäftsmodell auf dem unmittelbaren Kontakt zum Kunden aufbaut, stehen, soweit sie nicht ohnehin behördlich geschlossen wurden, vor einem faktischen Shutdown jeder Geschäftstätigkeit“, bringt es Claudius Marx auf den Punkt.

Der Umsatzausfall allein für den Non-Food-Handel wird auf bundesweit über eine Milliarde Euro pro Tag geschätzt. „Wie hoch sich dieser Schaden gesamtwirtschaftlich aufsummieren wird, ist im Moment so wenig absehbar wie die Dauer der Situation“, so Marx.

Nur noch mit gutem Grund dürfen Schweizer nach Deutschland einreisen. Einkaufen zählt nicht dazu. An den Grenzübergängen wie hier in Bad Säckingen kommt es seither regelmäßig zu langen Staus.
Nur noch mit gutem Grund dürfen Schweizer nach Deutschland einreisen. Einkaufen zählt nicht dazu. An den Grenzübergängen wie hier in Bad Säckingen kommt es seither regelmäßig zu langen Staus. | Bild: Baier, Markus

Klein- und Kleinstunternehmen leiden am meisten

Aufgrund der strikten Konsequenzen, die im Falle von Corona-Infektionen in der Belegschaft, gezogen werden müssen, sind Klein- und Kleinstunternehmen insgesamt am härtesten getroffen, denn für sie bedeutet eine Infektion oft die Einstellung der Produktion.

Berücksichtige man, dass 87 Prozent aller Firmen in den Landkreisen Waldshut und Lörrach weniger als zehn Mitarbeiter haben, werde deutlich, was das bedeute, so Alexander Maas, Geschäftsführer der Wirtschaftsregion Südwest.

Generell hätten die Unternehmen aber schnell reagiert und Sicherheitsmaßnahmen eingeleitet, von Home-Office über Schichtbetrieb bis hin zur Freistellung von Mitarbeitern, um die Zahl der Infektion einzugrenzen. Daher hielten sich Unternehmensschließungen infolge von Infektionen bei den Mitarbeitern bislang in Grenzen. Betroffen seien höchstens einzelne Abteilungen, so Marx.

Desinfektion für den Wagen und freundlicher Hinweis für Schweizer Kunden: In einem Einkaufsmarkt werden Schweizer Kunden auf die Konsequenzen des Einkaufstourismus hingewiesen. Die Ausfuhr von Waren in die Schweiz ist aktuell nicht mehr möglich.
Desinfektion für den Wagen und freundlicher Hinweis für Schweizer Kunden: In einem Einkaufsmarkt werden Schweizer Kunden auf die Konsequenzen des Einkaufstourismus hingewiesen. Die Ausfuhr von Waren in die Schweiz ist aktuell nicht mehr möglich. | Bild: Baier, Markus

Kurzarbeit statt Entlassungen

Um Entlassungen zu vermeiden, haben zwischenzeitlich viele Unternehmen Kurzarbeitergeld beantragt. „Die Erfahrung aus der Finanzkrise 2008/2009 hat ihnen gezeigt, dass es sich lohnt, die Belegschaft so lange zu halten, bis die Wirtschaft wieder anspringt“, so Marx.

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Und die Erfahrung zeige, dass diese Strategie sich am Ende auszahle, denn am schnellsten könnten Firmen wieder zu alter Stärke auflaufen, wenn sie mit einer kompletten, motivierten und kompetenten Mannschaft am Start seien. Allerdings dürften die wenigsten Unternehmen Erfahrungen mit einer Krise dieses Ausmaßes haben.

Staatliche Unterstützungen gewähren Atempause

„Das ist ohne jeden Zweifel weitaus mehr als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.“ So kommentiert Claudius Marx das bereits eingeleitete Maßnahmenpaket für die Wirtschaft. Die zugesagten Hilfsmittel vom Bund in Höhe von 150 Milliarden Euro und weiteren 50 Milliarden Euro des Landes seien ein wichtiges Zeichen. Zudem wurde die Kreditversorgung über die KfW erleichtert, die Zinsen wurden gesenkt, die Hausbanken bis zu 90 Prozent aus dem Risiko genommen. Der Fiskus stunde großzügig und die kleinsten und kleinen Unternehmen erhalten schnell und unbürokratisch nicht rückzahlbare Zuschüsse.

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„Das Soforthilfeprogramm, das wir jetzt implementieren, hat einen Horizont von drei Monaten und zielt darauf, Insolvenzen wegen Zahlungsunfähigkeit zu vermeiden“, so Marx. Sollten die Maßnahmen zur Verlangsamung der Ausbreitung des Virus länger dauern, werden Bund und Land wohl nicht umhinkommen, weitere Programme zur Unterstützung von Klein- und Kleinstbetrieben aufzulegen oder bestehende zu verlängern.

„Digitalisierungsschub durch Corona„

Ein positiver Nebeneffekt der Corona-Krise ist derweil ein regelrechter „Digitalisierungsschub“, der sich in vielen Unternehmen vollziene, sagt IHK-Geschäftsführer Marx. Video-Konferenzen, die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, auch Beratung und Verkauf am Bildschirm, seien demnach überall im Gange und erfolge „gleichsam im Zeitraffer“.

Und es sei schon jetzt absehbar, dass sich die Unternehmen auch im Nachgang der Krise verstärkt dem Thema Digitalisierung widmen werden. Marx ist sich sicher: „Wir alle werden sehr viel digitaler aus dieser Krise herausgehen, als wir hinein gegangen sind. Und das kann durchaus von Vorteil sein.“

Ganz abgesehen davon, gebe es auch in der Unternehmerwelt eine enorme Solidarität, schildert Maas. Wo es Lieferangebote gebe, arbeiten häufig mehrere ansässige Unternehmen zusammen und schaffen so Synergien und Netzwerke. Dass auch diese Form der Kooperation Bestand habe, sei eine große Hoffnung der Wirtschaftsexperten, denn dadurch böten sich auch neue Möglichkeiten, wenn erst einmal wieder alles in gewohnten Bahnen laufe.

Weitere Prognosen gleichen Blick in die Glaskugel

Aktuell sind Voraussagen schwierig. „Diese Krise ist davon gekennzeichnet, dass alle Maßnahmen, die wir dagegen ergreifen, fast täglich nachgesteuert werden müssen“, sagt Claudius Marx. Es handle sich um einen kontinuierlichen Lernprozess. Das gelte für den medizinischen Bereich genauso wie für die Wirtschaft, die Politik und die Verwaltung.

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Nach Ansicht der IHK müssten Restriktionen sobald wieder gelockert werden, wie dies vertretbar sei. Denn alle ergriffenen Maßnahmen und Erleichterungen erleichterten zwar vorübergehend das Leben der Firmen und trügen dazu bei, kurzfristig eine Corona-bedingte Insolvenzwelle zu verhindern. Allerdings sei eine Rückkehr zum normalen Geschäftsalltag die einzige Möglichkeit für eine nachhaltige Erholung der Wirtschaft.

Die große Frage sei aktuell, ob der 20. April als Stichtag für das „Wiederhochfahren“ der Wirtschaft gehalten werden kann. Alexander Maas bezweifelt dies inzwischen: „Ich gehe davon aus, dass es eher Mai wird, bis die Bestimmungen gelockert werden.“ Und dann werde es voraussichtlich noch einmal ein bis zwei Wochen dauern, bis zumindest „eine Form von Normalbetrieb“ erreicht werde.

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Abgesehen davon sei die deutsche Wirtschaft stark exportorientiert. Die Aufhebung der Restriktionen im Inland seien also nur eine Seite der Medaille, so Maas: „Wir müssen insbesondere abwarten, wie sich die Lage in unseren Nachbarländern weiter entwickelt.“

Absehbar ist derweil aus IHK-Sicht, dass es auch dann noch staatliche Unterstützungen brauchen werde, wenn die Wirtschaft wieder normal laufe. Die Bandbreite müsse dabei sowohl öffentliche Investitionen bis zu einem robusten Konjunkturprogramm umfassen, so Claudius Marx.

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Wie schnell sich die wirtschaftliche Lage in der Region wieder erhole und auch wie krass die mittel- und langfristigen Auswirkungen sein werden, das haben nicht zuletzt die Kunden in der Hand: „Es kann schnell aufwärts gehen, wenn die Beschränkungen weg sind und man wieder normal weitermachen kann“, so Maas.

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