Es ist ein noch nie da gewesener Ausnahmezustand, den die Menschen in vielen Ländern derzeit erleben. Vor allem Italien hat die Corona-Pandemie hart getroffen: Mit mehr als 100.000 Infizierten gilt das Land als das am stärksten betroffene in Europa. Andreas Edinger aus Wutöschingen lebt seit 18 Jahren in Südtirol und erzählt von seinem Alltag, geprägt von einer strengen Ausgangssperre.

Dramatische Appelle an die Bevölkerung

In Italien spielt das gesellschaftliche Leben eine große Rolle. Familientreffen gehörten bis vor der Corona-Pandemie noch zur Tagesordnung. Doch nun ist alles anders. „Dass sich einige Menschen nicht an die Ausgangssperren hielten, führte dazu, dass auch das Spazierengehen verboten wurde“, erzählt Andreas Edinger.

„Die Straßen sind wie leer gefegt.“
Andreas Edinger

Seit Anfang März gilt die strenge Ausgangssperre und damit einher gehen drastische Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit der Menschen.

Dramatische Appelle an die Bevölkerung – auch von Ärzten – habe es auch hier gebraucht.

Die Straßen in Brixen in Südtirol sind wie leer gefegt – auch diese sonst sehr stark befahrene Straße, die Andreas Edinger von seinem Zuhause aus fotografiert hat.
Die Straßen in Brixen in Südtirol sind wie leer gefegt – auch diese sonst sehr stark befahrene Straße, die Andreas Edinger von seinem Zuhause aus fotografiert hat. | Bild: Andreas Edinger

Edinger habe jedoch das Gefühl, dass sich mittlerweile die meisten an die Ausgangssperren halten würden. Und er hofft, dass diese Maßnahmen bald wirken.

Der neidische Blick in den Nachbarsgarten

Andreas Edinger wohnt mit seiner Partnerin mitten in Brixen, der ältesten Stadt Südtirols.

„Ohne Garten sind wir wie eingesperrt in der eigenen Wohnung. Das braucht Durchhaltevermögen.“
Andreas Edinger

Der Blick auf den Nachbarsgarten, wo Menschen in der Frühlingssonne liegen, ließe da schon etwas Neid aufkommen.

An der Bushaltestelle wartet niemand. Das Leben in Italien steht still.
An der Bushaltestelle wartet niemand. Das Leben in Italien steht still. | Bild: Andreas Edinger

Aber Edinger darf noch arbeiten gehen. Denn als Teamleiter in der Staatlichen Jugendhilfe kümmert er sich um Kinder und Jugendliche, die nicht zuhause leben und gehört somit zu den systemrelevanten Berufstätigen.

Jeder Weg muss dokumentiert werden

Die Ausgangssperre in Italien ist streng. Hier darf nur das Haus verlassen, wer zur Arbeit oder zum Arzt muss oder lebenswichtige Besorgungen machen muss. „Jedes Mal, wenn ich das Haus verlasse, muss ich eine Eigenerklärung ausfüllen“, erklärt Edinger das Prozedere.

Auf der Erklärung muss stehen, von wo bis wohin sein Weg geht. Auf seinem zwei Kilometer langen Arbeitsweg wird er jeden zweiten Tag von Polizisten kontrolliert. Diese seien stets freundlich, beschreibt Edinger.

„Wenn man keinen Grund hat, unterwegs zu sein, sind die Polizisten mit Strafen nicht zimperlich.“
Andreas Edinger

Bis vor kurzem betrug die Strafe noch 206 Euro. Doch die Sanktionen wurden Ende März drastisch erhöht.

Auch an dieser Kreuzung ist nichts los.
Auch an dieser Kreuzung ist nichts los. | Bild: Andreas Edinger

Wer künftig sein Haus ohne die vorgesehene Eigenerklärung und ohne guter Begründung verlässt, muss mit Strafen von 400 bis 3000 Euro rechnen. Wer positiv auf das Virus getestet wurde und sein Zuhause verlässt, kann mit einem bis fünf Jahren Haft bestraft werden.

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Die Sorgen und Befürchtungen

Die Menschen hätten Sorgen wie lange die Pandemie noch andauert. Auch Andreas Edinger persönlich treibe dies um. „Die Einschränkungen wirken schon auf die Psyche“, beschreibt er. Auch die Bilder aus der Lombardei im italienischen Fernsehen seien ganz erschreckend. Dort stelle man die Frage, wen man behandle und wen nicht.

„Das Gesundheitssystem hier in Südtirol ist noch eines der besten in Italien. Dennoch herrscht die große Befürchtung, dass es auch hier schnell zu Engpässen in der Gesundheitsversorgung kommen kann.“
Andreas Edinger

Auch im Hinblick auf die Finanzen sei die Krise eine „harte Geduldsprobe“. Schließlich sei der italienische Staat finanziell längst nicht so gut aufgestellt wie Deutschland und könne Unternehmen und Selbstständigen nicht so hohe Zuschüsse bieten. Edingers Partnerin ist freischaffende Fotografin und auch sie erlebt nun finanzielle Einbußen.

„Ich habe schon die Hoffnung, dass das Gesundheitssystem bei uns in Südtirol nicht ähnlich kollabiert wie in der Lombardei. Es ist die Hoffnung, die das Ganze am Leben erhält.“
Andreas Edinger

Und trotz allem, seien die Italiener überwiegend positiv gestimmt. Nicht nur mit Balkonkonzerten zeigten sie der ganzen Welt ihre dennoch gute Stimmung in dieser Krise.

Andreas Edinger aus Wutöschingen lebt in Brixen in Südtirol. Dieses Bild wurde vor der Corona-Pandemie aufgenommen.
Andreas Edinger aus Wutöschingen lebt in Brixen in Südtirol. Dieses Bild wurde vor der Corona-Pandemie aufgenommen. | Bild: Michaela Complojer

„Ich erlebe nicht, dass Panik um sich greift“, sagt Edinger und spricht von „besonnenen“ Italienern. Grundsätzlich sei die Haltung der Menschen: „Wir müssen jetzt die Zähne zusammenbeißen, wir lassen uns nicht unterkriegen.“ Und er sagt: „Es ist die Hoffnung, die das Ganze am Leben erhält.“

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