Zu geringe Platzkapazitäten, veraltete, defektanfällige Fahzeugtechnik, Personalengpässe, wohin man auch schaut: Seit vielen Jahren hält die Kritik an den Zuständen bei der Deutschen Bahn auf der Hochrhein-Strecken an. Seit vielen Jahren werden Kunden auf die Elektrifizierung vertröstet – also auf die Zeit in etwa zehn Jahren.

Dabei erweisen sich die längst bekannten Defizite in der aktuellen Corona-Pandemie erst recht als Problem. Das zeigen Erfahrungsberichte. Experten bestätigen: Sicherheitsabstände sind in Zügen praktisch nicht einzuhalten. Was die Kontrolle bei der Einhaltung der Maskenpflicht in Öffentlichen Verkehrsmitteln anbelangt, sind den Bemühungen der Bahnmitarbeiter enge Grenzen gesetzt.

Bahn-Pendler: „Habe ein sehr ungutes Gefühl“

Von geradezu katastrophalen Zuständen berichtet Bernd Jägle, der regelmäßig auf der Hochrheinstrecke zwischen Bad Säckingen und Basel zur Arbeit pendelt. Zwar sei man als regelmäßiger Bahnfahrer in der Region einiges gewohnt, insbesondere technische Defekte oder Ausfälle aufgrund von Hitze im Sommer, schildert er in seinem Bericht an unsere Zeitung. Doch die Erlebnisse im Zusammenhang mit Corona und der Einhaltung der Schutzvorschriften hinterließen zumindest „ein sehr ungutes Gefühl“.

Eine Fahrt am Freitag vor einer Woche von Basel an den Hochrhein ist Jägle dabei besonders in Erinnerung geblieben, denn hier seien buchstäblich alle Probleme zusammengekommen, die seit vielen Jahren den Bahnverkehr auf der Hochrheinstrecke berüchtigt machen, und hätten vor dem Pandemie-Hintergrund eine ganz neue Brisanz entfaltet.

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Technische Probleme, kein Abstand, keine Kontrollen

Los ging es mit einem Zugausfall am Badischen Bahnhof in Basel an dem heißen Freitagnachmittag vor gut zwei Wochen. Nachdem bekannt gegeben wurde, dass das Fahrzeug definitiv nicht fahren würde, hätten die Wartenden am Bahnsteig zu allererst ihre Schutzmasken entfernt. Obwohl dies eigentlich nicht erlaubt ist, blieb die Sache unbeanstandet.

Der nachfolgende Zug, bestehend aus lediglich einem Triebwagen, besaß kaum genügend Platz, um alle Wartenden aufzunehmen: „Pendler mit und ohne Fahrrad, Reisende mit Gepäck und Jugendliche in kleinen Gruppen und sonstige Mitglieder der Gesellschaft drängen in den Zug. Der Zug ist so voll, dass sich die Türen erst im 3. Anlauf schließen lassen. An Abstand ist nicht zu denken“, schildert es Bernd Jägle.

Die Klimaanlage verschaffte bei hochsommerlichen Temperaturen kaum Abkühlung und schon während der Fahrt entfernen viele Fahrgäste ihre Masken. Schließlich blieb der Zug mit einem technischen Defekt vor Grenzach-Wyhlen liegen und musste abgeschleppt werden. Während der Wartezeit in der Hitze, so der Jägle, hätten wiederum viele Mitreisende ihre Schutzmasken gelockert oder diese entfernt. Gerade ältere Reisende hätten Mühe gehabt, die Situation zu ertragen.

In der Theorie gut gedacht, in der Praxis schwer umsetzbar: Angesichts zu kleiner Fahrzeugeinheiten lässt sich die Abstandsregelung in Bahnen und Bussen am Hochrhein kaum einhalten.
In der Theorie gut gedacht, in der Praxis schwer umsetzbar: Angesichts zu kleiner Fahrzeugeinheiten lässt sich die Abstandsregelung in Bahnen und Bussen am Hochrhein kaum einhalten. | Bild: Hendrik Schmidt

Wird die Bahnfahrt zum „Super-Spreading-Event“?

Abgesehen von der deutlich verspäteten Ankunft am Zielbahnhof, blicke er mit Sorge auf diese exemplarische Fahrt zurück, stehe sie doch exemplarisch dafür, was täglich auf der Hochrheinstrecke geschehe, fasst es Jägle zusammen: „Mitfahrer aus der ganzen Region, unterschiedlicher Firmen und jeder Altersgruppe waren dabei. Ein idealer Ort für ein „Super-Spreading-Event“.“ Und kontrolliert wurde eben auch nicht.

Es blieben aber auch viele Fragen – ob sich die Bahn dieser Problematik eigentlich bewusst ist, und wer eigentlich hafte, wenn sich wirklich Pendler in größerer Zahl anstecken.

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Bahn: „Kein Pardon mit Verstößen“

Die Deutsche Bahn reagiert auf Nachfrage beschwichtigend und verweist auf die geltenden Regelungen, auf deren Einhaltung gepocht werde. Generell gebe es eine hohe Bereitschaft der Reisenden, die Pflicht zum Tragen eines Mund-Nase-Schutzes einzuhalten.

Aber selbst wenn sich „eine kleine Minderheit“ nicht an die Vorgaben halte, sei dies für die Bahn nicht hinnehmbar, wie eine Unternehmenssprecherin betont: „Sollten sich Fahrgäste nach einer wiederholten Aufforderung weigern, eine Mund-Nase-Bedeckung zu tragen, können wir dies nicht akzeptieren und holen, wie in allen Konfliktsituationen, die Bundespolizei hinzu.“

Diese gewährleiste auch die Entfernung allzu renitenter Zeitgenossen aus dem Fahrzeug, sollten diese sich nachhaltig weigern, die Regelungen zu befolgen. Zudem ist inzwischen ein bundesweites Bußgeld für Maskenmuffel in Bussen und Bahnen in Planung. Dieses soll bei mindestens 100 Euro liegen.

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Dass gerade im Regionalverkehr häufig gar nicht kontrolliert wird, zu diesem schon früher häufig kritisierten Problem, bezieht die Bahn keine Positionen. Vielmehr gibt es den Aufruf, sich im Sinne der „gegenseitigen Rücksichtnahme“ an die geltenden Regeln zu halten.

Die Bahn habe nämlich ein lebhaftes Interesse daran, dass eben die Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel nicht vollständig in Verruf gerate. Immerhin hat das Unternehmen seit Beginn der Corona-Krise mit massiven Einbrüchen bei der Nutzung zu kämpfen: „Aktuell haben wir in den Zügen und Bussen von DB Regio bundesweit durchschnittlich wieder über 60 Prozent der Nachfrage, die wir vor Corona hatten.“

Was die Bereitstellung zu kleiner Transporteinheiten anbelangt, sieht die Bahn die Verantwortung freilich an anderer Stelle: „Die Leistung im Regionalverkehr wird vom Land als Aufgabenträger bestellt, und wir stehen hier im ständigen Austausch.“

Veraltete Technik wie die defektanfälligen IRE-Triebwagen, die am Hochrhein verkehren, erschweren die Einhaltung von Corona-Richtlinien. Kurzfristige Lösungen für dieses Problem sind nicht zu erwarten.
Veraltete Technik wie die defektanfälligen IRE-Triebwagen, die am Hochrhein verkehren, erschweren die Einhaltung von Corona-Richtlinien. Kurzfristige Lösungen für dieses Problem sind nicht zu erwarten. | Bild: Schlichter, Juliane

Fahrgastverband: „Kurzfristige Lösungen nicht denkbar“

Den Fahrgastverband „Pro Bahn„ überraschen Schilderungen wie die von Bernd Jägle nicht, wie dessen Landesvorsitzender Stefan Buhl im Gespräch mit unserer Zeitung sagt. Die Missstände auf allen Ebenen seien seit Langem bekannt. Unternommen habe aber niemand etwas, stets mit Verweis darauf, dass ja mit der Elektrifizierung ohnehin alles besser werde, so Buhl: „Unter den gegebenen Rahmenbedingungen sind jetzt auch kurzfristige Lösungen nicht denkbar.“

In diesem Sinne sei es wohl vor allem „Glück“, dass es bislang kein erhöhtes Infektionsgeschehen im Zusammenhang mit Bahnreisen gegeben habe, so Buhl.

Gleichzeitig betont er: Dass viele Bahnreisende mit einem „mulmigen Gefühl“ in die Züge einstiegen, könne er zwar nach vollziehen. Grund zur Panik gebe es aber trotz allem nicht: „Die Bahn ist ein Massentransportmittel. Ein gewisses Risiko ist damit selbst unter idealen Bedingungen immer verbunden.“

Lokführer-Gewerkschaft: „Es mangelt an Personal und Handhabe-Möglichkeiten“

Gut gedacht, doch in der Praxis schwer umsetzbar – so schätzt Lutz Dächert, Bezirksvorsitzender Süd-West bei der Lokführer-Gewerkschaft GdL, die von der Bahn eingeführten Corona-Regelungen ein. Denn defacto mangle es gerade im Regionalverkehr an allem, was zur Gewährleistung der Einhaltung notwendig ist.

Personal, das die Einhaltung der Vorschriften kontrollieren soll, gibt es zu wenig. Insofern könne sich die Bahn glücklich schätzen, dass die Bereitschaft zum Tragen der Masken sehr hoch ist. Denn: „Es ist häufig schon mit Anfeindungen verbunden, wenn ein Fahrgast keine Fahrkarte vorweisen kann. Wenn dann noch der Hinweis auf die Schutzmaske hinzu kommt, ist was los“, so Dächert. Verbale und körperliche Übergriffe seien keine Seltenheit. Hilfe von anderen Mitreisenden erhielten die Bahn-Bediensteten dabei nur selten.

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Die Polizei werde in der Praxis allerdings in den seltensten Fällen hinzugezogen, schon gar nicht auf Nebenstrecken. Das liege häufig daran, dass Zugbegleiter Verzögerungen im Betriebsablauf vermeiden wollten, da diese zwangsläufig das Risiko weiterer Auseinandersetzungen mit Reisenden nach sich ziehe.

Insofern sei es dringend notwendig, dass Zugbegleiter mit mehr Befugnissen ausgestattet würden, um sich gegen renitente Fahrgäste effektiver zur Wehr setzen zu können.

Maske einziger Schutz bei Bahnfahrt

Denn das Tragen der Maske sei nach Einschätzung des Gewerkschafters der einzig mögliche Schutz von Mitarbeitern und Mitreisenden: „Nicht einmal im Fernverkehr können die Mindestabstände eingehalten werden.“

Die marode Technik auf der Hochrhein-Strecke sei wiederum ein altbekanntes Problem, das die Situation noch verschärfe, so Dächert. Hier kämen verschiedene Faktoren zusammen – Lieferengpässe, Defektanfälligkeit und ablaufende Verkehrsverträge: „Da wird vorerst niemand mehr neue Fahrzeuge anschaffen, vor allem weil ja die Elektrifizierung kommen soll“, sagt Dächert. Insofern werde man noch eine ganze Weile mit den bestehenden Problemen leben müssen.

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