Es ist eine landesweite Premiere: 100 Rickenbacher Senioren über 80 Jahre wurden am Dienstag in ihrer Heimatgemeinde gegen Corona geimpft. Sie mussten nicht ins Kreisimpfzentrum nach Tiengen fahren, der Impfdoktor kam gemeinsam mit dem Roten Kreuz nach Willaringen in die Gemeindehalle. Die Vor-Ort-Impfung in Rickenbach ist ein Pilotprojekt im Landkreis, übrigens das einzige im Land Baden-Württemberg. Das Landratsamt selber konnte dazu jedoch keine näheren Auskünfte geben.

Hans-Joachim Schrödter aus Rickenbach wurde heute im eigenen Dorf geimpft. Florian Sprinzl vom DRK (hinten von links), Rickenbachs Bürgermeister Dietmar Zäpernick und der impfende Mediziner Rolf Joist freuen sich mit ihm über die erste Vor-Ort-Impfaktion im Landkreis Waldshut.
Hans-Joachim Schrödter aus Rickenbach wurde heute im eigenen Dorf geimpft. Florian Sprinzl vom DRK (hinten von links), Rickenbachs Bürgermeister Dietmar Zäpernick und der impfende Mediziner Rolf Joist freuen sich mit ihm über die erste Vor-Ort-Impfaktion im Landkreis Waldshut. | Bild: Olaf Boettcher

Private Pflegefälle, Senioren mit und ohne Rollatoren, teils in Rollstühlen oder am Arm einer Angehörigen bevölkerten die Gemeindehalle Rickenbach-Willaringen heute Vormittag. Einer von ihnen war Hans-Joachim Schrödter. Er ist nicht mehr mobil und deshalb glücklich, dass er ein Impfangebot im eigenen Heimatdorf erhalten hat. Dasselbe galt auch für alle anderen, die am Dienstag zuhause einen Termin hatten. „Die Menschen sind unglaublich dankbar, manche haben richtig Tränen in den Augen“, sagt Rickenbachs Bürgermeister Dietmar Zäpernick.

Pilotprojekt im Land

Diese Impfung vor Ort ist ein Pilotprojekt, berichtet der Mediziner Olaf Boettcher. Der Arzt ist Impf- und Pandemiebeauftragter des Landkreises Waldshut und hat den Anstoß gegeben für diese Aktion. Für Rickenbach standen gestern 100 Impfungen bereit. Künftig soll es für weitere Vor-Ort-Impfungen im Landkreis Waldshut 400 Dosen pro Woche geben.

Aber wo kommt der Impfstoff plötzlich her? „Der wurde bisher in den Altenheimen verimpft“, erklärt Boettcher, da die Heimbewohner nun alle ein erstes Mal geimpft seien, gebe es momentan freie Kapazitäten. Konkret gehe es dabei um jene Dosen, die mobile Teams des Zentralen Impfzentrums Freiburg (ZIZ) im Landkreis verimpft haben. Auch personell sei bei den eigenen mobilen Impfteams im Landkreis nun etwas Luft, sagt Boettcher.

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„Es ist doch sinnvoller, mit der Impfung zu den alten Menschen zu gehen als umgekehrt“, beschreibt Boettcher den Hintergrund des Pilotprojektes. Vor allem gehe es dabei um ein Angebot für Gebrechliche und Senioren, die nicht mehr mobil sind. Boettcher zieht eine sehr positive Bilanz des Impftages in Rickenbach. „Ich hoffe, dass das die Regel wird“, fügt er hinzu. Der nächsten Termin sei schon in Sicht. Kommende Woche sollen die über 80-Jährigen in Häusern, einer anderen Gemeinde im Landkreis Waldshut, geimpft werden.

Gemeinde organisiert Anmeldung und Logistik

Boettchers Idee und sein Vorstoß haben jedenfalls die dezentrale Leistungskraft der örtlichen Verwaltung unter Beweis gestellt. Die Gemeindeverwaltung Rickenbach hat das Anmeldesystem und die Logistik in der Gemeindehalle innerhalb weniger Tage aus dem Boden gestampft. Boettcher hatte bei Rickenbachs Bürgermeister Dietmar Zäpernick erst am Dienstag letzte Woche angefragt: „Kriegst Du die Logistik in einer Woche hin“, wollte Boettcher vom Bürgermeister wissen. Beide kennen sich, denn Boettchers Hausarztpraxis ist im Rathaus untergebracht. „Ich habe keinen Moment gezögert“, sagte Zäpernick.

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Bereits tags drauf waren anhand der Einwohnermeldedaten insgesamt 270 über 80-Jährige in Rickenbach ermittelt und angeschrieben. Am vergangenen Freitag dann waren im Rathaus fünf Anmelde-Hotlines geschaltet, 100 Termine wurden vergeben. Übers Wochenende haben Rathausmitarbeiter und Bauhof die Infrastruktur in der Gemeindehalle eingerichtet. „Unsere Mitarbeiter sind toll, das hat richtig geflutscht“, freut sich der Bürgermeister.

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Der Impfstart Mitte Januar war extrem holprig und deshalb heftig in die Kritik geraten. Das Land hat nach eigenen Aussagen zwar nachgebessert. Was aber lange ungeklärt blieb: Wie kommen gebrechliche Senioren in die teils weit entfernten Impfzentren? In diesem Punkt hat das Sozialministerium mittlerweile auf Vor-Ort-Impfungen eingeschwenkt. Die Rickenbacher Impfaktion sei genau die Linie des Ministeriums, sagte Ministeriumssprecher Markus Jox, „wir planen genau das.“ Allerdings sei Rickenbach in der Umsetzung jetzt einen bisschen schneller gewesen, fügte er hinzu. Die Aktion könne er jedenfalls nur begrüßen.

Wie es mit den Vor-Ort-Impfungen im Landkreis Waldshut weitergehen wird, konnte das Landratsamt Waldshut gestern nicht sagen. Die Behörde sei vorab nicht über jeden Schritt des Freiburger ZIZ informiert, sagte Pressesprecher Tobias Herrmann. Ob in der kommenden Woche tatsächlich in der Gemeinde Häusern der nächste Vor-Ort-Impftermin stattfinde, könne er nicht beantworten, so Herrmann. Allerdings war gestern bereits Häusern Bürgermeister Thomas Kaiser in Rickenbach, um sich zu informieren, was sein Amtskollege Zäpernick in so kurzer Zeit gestemmt hat.

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