Herr Uhl, vor allem schüchterne Menschen, die mit einer schriftlichen Prüfung keine Probleme haben, tun sich mit der mündlichen schwer. Gibt es für diese Menschen spezielle Tipps?

In mündlichen Prüfungen haben Menschen in erster Linie Angst vor der Bewertung durch andere. Schüchterne Menschen haben meist auch in anderen Situationen die Befürchtung, dass andere schlecht von Ihnen denken. Deshalb meiden sie oft Menschen und bleiben lieber alleine oder verbringen ihre Zeit mit wenigen engen Freunden. Gespräche mit unbekannten Menschen versuchen Schüchterne meist zu vermeiden wo es nur geht.

In einer mündlichen Prüfung begegnet man allerdings häufig Fremden, die einen dann auch noch mit einer Note bewerten. Der Druck ist entsprechend hoch, vor allem weil jemand der schüchtern ist, Situationen mit fremden Menschen meidet und sie deshalb nicht gewohnt ist.

Glücklicherweise ist unsere Fähigkeit, mit anderen ins Gespräch zu kommen, wie eine Art Muskel, den man trainieren kann.

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Deshalb ist mein erster Tipp für schüchterne Menschen immer: Gehen Sie unter Leute! Unterhalten Sie sich jeden Tag mit mindestens einem Menschen, den sie noch nie zuvor gesehen haben. Das müssen keine langen und tiefgründigen Gespräche sein. Ein simpler Smalltalk beim Bäcker reicht vollkommen!

Dann werden Sie bemerken, dass andere Menschen keine Gefahr darstellen und die meisten freundlich sind. Dadurch trainieren Sie nicht nur für mündliche Prüfungen, sondern ihr Leben wird insgesamt bereichert, weil Sie neue Kontakte knüpfen.

Der Psychologe Tobias Uhl aus Rickenbach ist Experte für die gezielte Vorbereitung auf das erfolgreiche Bestehen von Prüfungen.
Der Psychologe Tobias Uhl aus Rickenbach ist Experte für die gezielte Vorbereitung auf das erfolgreiche Bestehen von Prüfungen. | Bild: Leonie Baumgärtner

Man sagt, als Kind lernt es sich leichter – vor allem Fremdsprachen. Können Sie das bestätigen oder können auch Erwachsene im Handumdrehen eine neue Sprache erlernen?

Es stimmt tatsächlich, dass Kinder sehr schnell Sprachen lernen. In der Sprachentwicklung gibt es im Alter von circa 18 Monaten die sogenannte Wortexplosion, in der Kinder plötzlich unglaublich viele Worte lernen. Kinder können auch parallel zwei Sprachen lernen. Hier muss beispielsweise nur die Mutter konsequent die eine Sprache und der Vater ausschließlich die zweite mit dem Kind sprechen. Dann geht das Sprachenlernen in diesem Alter sehr leicht.

Allerdings können auch Erwachsene schnell neue Sprachen lernen, wenn die Motivation stimmt. So könnte beispielsweise ein Mann, der sich mit 50 in eine Italienerin verliebt und die Sprache lernen möchte, deutlich erfolgreicher damit sein, als ein unmotivierter Elfjähriger.

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Ein weiterer wichtiger Punkt im Erwachsenenalter: Wenn Sie Ihr Gedächtnis regelmäßig trainieren und fordern, wird es weit mehr leisten können, als Sie vielleicht denken.

Wenn Sie beispielsweise Bücher lesen, statt sich abends immer vom Fernseher berieseln zu lassen, wird ihr Gedächtnis fit gehalten. Das Gehirn funktioniert wie ein Muskel: Wenn Sie es benutzen, bringt es Leistung, wenn Sie es nicht einsetzen, verkümmert es. Genauso, wie Sie keinen Marathon laufen können, wenn Sie jeden Tag auf dem Sofa sitzen, werden Sie auch nur schwer eine neue Sprache lernen können, wenn Sie Ihr Gedächtnis nicht auf Trab halten.

Die gute Nachricht: Wenn Sie geistig aktiv bleiben, kann ihr Gedächtnis bis ins hohe Alter sehr leistungsfähig bleiben!

Ist das Lernen Ihnen selbst immer leicht gefallen? Wie war Ihre Schul- und Studienzeit?

Ich habe Glück, ein fotografisches Gedächtnis zu haben. Damit kann ich mir Dinge, die ich sehe von Natur aus sehr gut merken, weil ich sie in einer Prüfung vor meinem inneren Auge abrufen und sozusagen ansehen kann. Das hat mir in meiner Schulzeit das Lernen sehr erleichtert.

Allerdings hat das Ganze auch seine Nachteile. Denn ich gehöre mit diesem Gedächtnis zum sogenannten visuellen Lerntyp. Das heißt zwar, dass ich alles was ich mit den Augen wahrnehme, sehr gut abspeichern kann. Wenn ich aber beispielsweise etwas höre, ist das deutlich schwerer. Aus diesem Grund ist mein Gedächtnis für Namen nicht besonders gut, weshalb ich hier immer mit psychologischen Lerntechniken nachhelfe.

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Während ich in der Schulzeit tatsächlich sehr gut damit zu Recht kam, zwei bis drei Tage vor einer Prüfung mit dem Lernen zu beginnen, hat sich das im Studium massiv geändert.

An der Uni haben die Lernstrategien, die ich vom Gymnasium kannte, auf ganzer Linie versagt. Ganz einfach, weil die Menge an Lernstoff im Studium damit nicht zu schaffen war.

Deshalb war ich im Grundstudium verunsichert und wäre bei einer Klausur sogar fast durchgefallen, obwohl ich mich lange darauf vorbereitet hatte.

Dieses Schock-Erlebnis hatte aber langfristig etwas Gutes: Denn ich wusste, dass es so nicht weitergehen konnte. Deshalb beschäftigte ich mich die nächsten Jahre sehr intensiv mit psychologischen Lerntechniken und wie das Gedächtnis funktioniert. Und mit diesem Wissen kann ich heute Menschen in meinen Seminaren und Coachings dabei helfen, mit Freude zu lernen und ihre Prüfungen erfolgreich zu bestehen, was ich als sehr erfüllend empfinde.

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