Im Schutze der Dunkelheit stemmen sie Türen auf, dringen in Wohnhäuser ein – und stehlen dort, was wertvoll ist: Organisierte Einbrecherbanden gehen bei ihren Streifzügen meist nach immer gleichen Mustern vor.

Doch nach vollbrachter Tat sind sie genauso schnell wieder verschwunden, meist ins benachbarte Ausland. Ebendies macht es für die Polizei schwierig, den Einbrechern das Handwerk zu legen.

Doch die sich wiederholenden Handlungsmuster bieten Ansatzpunkte, um den Kriminellen mithilfe moderner Computer-Software zu Leibe zu rücken, noch bevor diese Gelegenheit haben, ein weiteres Mal zuzuschlagen.

Eine Software, die Einbrüche vorhersagt

Precobs (Pre Crime Observation System) heißt ein solches Programm, das Prognosen erstellt, um so die nächsten potenziellen Ziele von Wohnungseinbrechern vorherzusagen. Die nämlich schlagen innerhalb kürzester Zeit meist mehrfach zu – wie Ende Oktober am westlichen Hochrhein in den Landkreisen Lörrach und Waldshut.

Derzeit läuft ein Pilotprojekt mit der Software in Stuttgart und Karlsruhe. Werden die erhofften Erfolge erzielt, könnte das Programm bald in ganz Baden-Württemberg eingesetzt werden.

Wie funktioniert Precobs?

Die Annahme, dass Menschen gewissen Handlungsmustern unterliegen, ist Grundlage des Prognosemodells, auf dem die Software basiert. Sogenannte Operatoren, Computerspezialisten in Polizeilagezentren, füttern die Software mit anonymisierten Daten von vergangenen Einbrüchen, darunter Tatort, Tatzeit, Vorgehensweise und Beute bei voran gegangenen Einbrüchen. Aber auch die Art des Gebäudes und dessen Lage – ob es alleine steht oder ob in der Nähe Schnellstraßen für eine Flucht existieren – sind wichtig.

Precobs auf dem Bildschirm: Für Wohnungen und Häuser, die im roten Bereich liegen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs über 70 Prozent. Das berechnet ein Algorithmus aus den Daten bereits begangener Taten.
Precobs auf dem Bildschirm: Für Wohnungen und Häuser, die im roten Bereich liegen, beträgt die Wahrscheinlichkeit eines Einbruchs über 70 Prozent. Das berechnet ein Algorithmus aus den Daten bereits begangener Taten. | Bild: Bernd Thissen

Aus diesem Datensatz errechnet Precobs mittels eines Algorithmus anschließend gefährdete Gebiete, in denen in den nächsten 72 Stunden eine Folgetat wahrscheinlich ist. Löst die Software einen Alarm aus, kann die Polizei reagieren – und das, noch bevor die Einbrecherbanden zuschlagen.

Sie verstärkt ihre Präsenz in diesen Gebieten. Mögliche Serien sollen so bereits in einem Frühstadium erkannt, Täter abgeschreckt und Folgeeinbrüche verhindern werden. So weit die Theorie.

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Wo findet Precobs Anwendung in der Praxis?

Wie die Software in der Realität funktioniert, zeigt ein Blick über die südliche Landesgrenze in den schweizerischen Kanton Aargau. Hier kommt Precobs bereits seit Ende 2015 zum Einsatz und ist ein Teil in der präventiven Einbrecherbekämpfung, wie Bernhard Graser von der Kantonspolizei erklärt.

"Wir setzen natürlich nicht ausschließlich auf dieses System." Dennoch, so Graser weiter, ermögliche Precobs eine schnelle und zielgerichtete Analyse der Einbruchsdaten, die früher "eher nach Gutdünken" bewertet worden seien.

"Die Software ersetzt nicht kluges polizeitaktisches Vorgehen und die gute Nase des Fahnders." – Bernhard Graser, Pressesprecher Kantonspolizei Aargau/CH
"Die Software ersetzt nicht kluges polizeitaktisches Vorgehen und die gute Nase des Fahnders." – Bernhard Graser, Pressesprecher Kantonspolizei Aargau/CH | Bild: Kantonspolizei Aargau

Etwa zwölf Mal pro Jahr schlägt Precobs im Kanton Aargau Alarm, schätzt Graser: "Unsere Spezialisten bewerten die Gefahrenmeldungen dann, denn die Software liegt nicht zwangsläufig richtig." Tut sie es doch, übermitteln sie die Lagemeldung auf digitalem Wege an die Streifen auf den Straßen. Auch hier verlassen sich die Polizisten aber nicht ausschließlich auf die Daten: "Die Software ersetzt nicht kluges polizeitaktisches Vorgehen und die gute Nase des Fahnders", so Graser.

Im Kanton Aargau, der angesichts der guten Verkehrsanbindung immer wieder Ziel von "Kriminaltourismus" aus Frankreich, Deutschland und Osteuropa werde, wie Graser erklärt, ist die Zahl der Wohnungseinbrüche mittlerweile seit Jahren rückläufig: waren es 2015 noch über 900, sind es mittlerweile knapp 600. "Inwieweit der Rückgang auf die Software zurückzuführen ist, lässt sich nur schwer sagen", sagt Graser. Aber er ist sich sicher: "Precobs hat sicher einen Teil dazu beigetragen."

Wie geht die Polizei am Hochrhein vor?

Auch am Hochrhein nutzt die Polizei mittlerweile die Hilfe von Computerprogrammen. Precobs zählt dabei noch nicht zu ihren Instrumenten. "Wir sammeln natürlich auch Daten von Einbrüchen, um uns ein Bild über die aktuelle Lageentwicklung bei Einbruchserien zu verschaffen", erklärt Mathias Albicker, Polizeipressesprecher für den Landkreis Waldshut.

Mathias Albicker, Polizeipressesprecher für den Landkreis Waldshut
Mathias Albicker, Polizeipressesprecher für den Landkreis Waldshut | Bild: Reinhardt, Lukas

Das Auswerten, Abgleichen und die Aufbereiten der Daten übernimmt an dieser Stelle jedoch kein Algorithmus, sondern finde manuell statt, so Albicker. Vor allem Erfahrung und Bauchgefühl ersetzen hier die künstliche Intelligenz.

Einsatzkräfte gezielter in gefährdete Gebiete schicken, um Einbrecher abzuschrecken oder gar auf frischer Tat zu erwischen – das ist die Idee hinter Precobs. Auch ohne die Software hatte die Polizei am Hochrhein im Oktober dieses Jahres Erfolg – hier bei einer Kontrolle an der Bundesstraße 34 in Schwörstadt.
Einsatzkräfte gezielter in gefährdete Gebiete schicken, um Einbrecher abzuschrecken oder gar auf frischer Tat zu erwischen – das ist die Idee hinter Precobs. Auch ohne die Software hatte die Polizei am Hochrhein im Oktober dieses Jahres Erfolg – hier bei einer Kontrolle an der Bundesstraße 34 in Schwörstadt. | Bild: Reinhardt, Lukas

Ihren Spürsinn setzten am Hochrhein vor allem die Ermittler der die sogenannte Besondere Aufgabenorganisation (BAO) Einbrecher ein. Sie ist die Antwort des Polizeipräsidiums Freiburg auf die explodierenden Wohnungseinbruchzahlen im Herbst 2016, auch im Landkreis Waldshut.

Hier, angesiedelt beim Kriminalkommissariat Waldshut-Tiengen, behandelt die Ermittlergruppe Einbruch seither Serien- und Bandenstraftaten. Nach einem Abschwung im vergangenen Jahr scheint der Trend für 2018 jedoch wieder nach oben zu zeigen, so Albicker.

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Ist Precobs eine Option für den Hochrhein?

Objektiv messbar ist der Erfolg der Software nur schwer. Das sagt Dominik Gerstner, Kriminologe am Freiburger Max-Planck-Institut für ausländisches uns internationales Strafrecht. Er hat den Einsatz von Precobs während des ersten Pilotprojektes vor drei Jahren in Stuttgart und Karlsruhe genauer unter die Lupe genommen.

"Am Hochrhein gibt es stark ausgeprägte Wiederholungsmuster bei Einbrüchen. Es wäre durchaus sinnvoll, die Software auch im Dreiländereck zu testen." – Daniel Gerstner, Kriminologe Max-Planck-Institut Freiburg
"Am Hochrhein gibt es stark ausgeprägte Wiederholungsmuster bei Einbrüchen. Es wäre durchaus sinnvoll, die Software auch im Dreiländereck zu testen." – Daniel Gerstner, Kriminologe Max-Planck-Institut Freiburg | Bild: Max-Planck-Institut

Gerstners Fazit fällt vergleichsweise nüchtern aus: „Wir haben bei der ersten Auswertung keine gravierende Kriminalitätsminderung feststellen können, etwaige Effekte sind als eher moderat einzuschätzen.“ Besonders im ländlichen Raum, wo Einbrecherbanden seltener zuschlagen, sei die Software weniger tauglich.

Für den westlichen Hochrhein aber, der immer wieder das Ziel organisierter Einbrecherbanden ist, kann sich der Kriminologe den Einsatz von Precobs durchaus vorstellen. "Hier gibt es stark ausgeprägte Wiederholungsmuster. Es wäre durchaus interessant, diese oder ähnliche Software auch im Dreiländereck zu testen."

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Mit dem Pilotprojekt, das unter der Leitung des Landeskriminalamtes (LKA) in eine zweite Testphase startet, soll nun endgültig geklärt werden, ob Precobs künftig in Baden-Württemberg und damit auch am Hochrhein eingeführt wird. Denn eine Entscheidung hierzu stehe noch aus, heißt es vonseiten der Pressestelle des LKA: "Das entscheidet das Innenministerium des Landes, wenn die beiden Pilotprojekte in Stuttgart und Karlsruhe evaluiert wurden." Bis Ende April 2019 läuft der zweite Versuch noch.