Trotz mehrerer meldepflichtiger Vorkommnisse im vergangenen Jahr bescheinigt das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) den Schweizer Kernkraftanlagen einen sicheren Betrieb. Dies geht aus dem Aufsichtsbericht 2018 des Ensis hervor. „Der Schutz der Bevölkerung und der Umwelt war jederzeit gewährleistet“, schreibt darin Ensi-Direktor Hans Wanner. Welches Kernkraftwerk die meisten Vorkommnisse verzeichnete, und wie das Ensi diese auf der Internationalen Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse einstufte, lesen Sie hier.

1. Was ist das Ensi und was sind seine Aufgaben?

Das Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat (Ensi) mit Sitz in Brugg im Kanton Aargau ist die Aufsichtsbehörde über die Kernanlagen in der Schweiz. Es begutachtet und überwacht die fünf Schweizer Kernkraftwerke Beznau 1 und 2 sowie Leibstadt im Kanton Aargau, Gösgen im Kanton Solothurn und Mühleberg im Kanton Bern, die Zwischenlager bei den Kraftwerken, das Zentrale Zwischenlager der Zwilag in Würenlingen sowie die Kernanlagen des Paul-Scherrer-Instituts (PSI), der Universität Basel und der École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL).

Das könnte Sie auch interessieren

Das Ensi wacht darüber, dass die Betriebsführung gesetzeskonform und den Bewilligungen entsprechend erfolgt. Zudem gehören die Transporte radioaktiver Stoffe von und zu den Kernanlagen sowie die Vorbereitungen zur geologischen Tiefenlagerung radioaktiver Abfälle in seinen Aufsichtsbereich.

2. Wie stuft das Ensi Vorkommnisse an den Schweizer Kernanlagen ein?

Das Ensi verwendet zur Einstufung die Internationale Bewertungsskala für nukleare und radiologische Ereignisse, abgekürzt Ines. Die Skala unterscheidet sieben verschiedene Stufen. Die Stufe 0 wird als Abweichung, die Stufen 1 bis 3 werden als Störungen und Störfälle, die Stufen 4 bis 7 als Unfälle klassifiziert. Ein Übergang auf die nächste Stufe bedeutet einen zehn Mal so großen Schweregrad.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Ines-Skala wurde von einer internationalen Expertengruppe erarbeitet, die gemeinsam von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) und der Kernenergiebehörde der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) einberufen wurde, und 1990 offiziell eingeführt.

3. Wie viele meldepflichtige Vorkommnisse gab es 2018 an Schweizer Kernkraftwerken?

Das Ensi listet 33 Vorkommnisse auf. Drei davon betrafen den Block 1, der nach drei Jahren Stillstand 2018 wieder in Betrieb ging, und ein weiteres Vorkommnis den Block 2 des Kernkraftwerks Beznau. Vier Vorkommnisse gab es beim Kernkraftwerk Mühleberg, 13 beim Kernkraftwerk Gösgen und zwölf beim Kernkraftwerk Leibstadt.

Das könnte Sie auch interessieren

Eine eingeschränkte Verfügbarkeit von drei der insgesamt fünf Divisionen mit Systemen zur Nachwärmeabfuhr und Kernnotkühlung in Leibstadt führte zu einer Ines-1-Bewertung auf der internationalen Ereignisskala. Ebenfalls mit Ines 1 bewertete das Ensi einen Dosisleistungsanstieg bei der Lagerung des Wasserabscheiders in Leibstadt. Die übrigen Vorkommnisse wurden als Ines 0 eingestuft.

4. Was wurde im vergangenen Jahr im Zentralen Zwischenlager (Zwilag) Würenlingen gelagert?

Ende 2018 befanden sich in der Behälterlagerhalle in Würenlingen, zehn Kilometer Luftlinie von Waldshut-Tiengen entfernt, 64 Transport- und Lagerbehälter mit abgebrannten Brennelementen und sogenannten Glaskokillen sowie ein Behälter mit den Brennelementen aus dem stillgelegten Forschungsreaktor Diorit des PSI und sechs Behälter mit Stilllegungsabfällen aus dem Versuchsatomkraftwerk Lucens. Bei der Zwilag verzeichnete das Ensi im vergangenen Jahr kein meldepflichtiges Vorkommnis.

5. Wie weit ist die Standortsuche für ein geologisches Tiefenlager?

Seit dem Jahr 2008 läuft die Suche nach einem Lagerort für radioaktive Abfälle. Drei Regionen – Jura Ost, Nördlich Lägern und Zürcher Nordost – werden auf ihre Tauglichkeit untersucht. 2029 soll die Schweizer Bundesregierung über den Standort eines Tiefenlagers entscheiden. Das Tiefenlager für schwach- und mittelaktive Abfälle soll 2050 und jenes für hochaktive Abfälle im Jahr 2060 in Betrieb gehen.

Das könnte Sie auch interessieren

Neu ist nun, dass parallel dazu zusätzlich drei weitere Standorte untersucht werden, an denen später möglicherweise der Schweizer Atommüll von Transport-Behältern in Endlager-Behälter umgefüllt wird. Konkret geht es dabei um das Gelände der Atomkraftwerke Leibstadt und Gösgen sowie das Zwischenlager in Würenlingen.

Störfallskala und Beispiele für Zwischenfälle

7 Schwerwiegender Unfall: Beim Reaktorunglück von Tschernobyl in der Ukraine (damals Sowjetunion) wurde 1986 eine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre freigesetzt. 2011 löste ein Tsunami die Nuklearkatastrophe von Fukushima in Japan aus.

6 Ernsthafter Unfall: Der Unfall von 1957 in der sowjetischen kerntechnischen Anlage Majak, einer Anlage zur industriellen Herstellung spaltbaren Materials, gilt als drittschwerster Atomunfall der Geschichte nach den Katastrophen von Tschernobyl und Fukushima.

5 Unfall mit Gefährdung der Umgebung: Im britischen Kernreaktor in Windscale (heute Sellafield) kam es 1957 zu einem Brand, der eine Wolke mit erheblichen Mengen radioaktiven Materials freisetzte, die sich über Großbritannien und über das europäische Festland verteilte. Im Kernkraftwerk ThreeMile Island im US-Bundesstaat Pennsylvania ereignete sich 1979 ein Kernschmelzunfall im Reaktor 2, der dabei zerstört wurde.

4 Unfall ohne signifikante Gefährdung der Umgebung: Im französischen Kernkraftwerk Saint-Laurent in der Nähe der Waldshut-Tiengener Partnerstadt Blois ereigneten sich in den Jahren 1969 und 1980 zwei partielle Kernschmelzen.

3 Ernsthafter Zwischenfall: 2005 wurde im britischen Nuklearkomplex Sellafield ein Leck entdeckt, durch das etwa 83.000 Liter einer hochradioaktiven Flüssigkeit, bestehend aus Salpetersäure, Uran und Plutonium, monatelang unbemerkt entwichen.

2 Zwischenfall: Bei der Jahreshauptrevision im Kernkraftwerk Leibstadt kam es 2010 zu einem Zwischenfall. Ein Mitarbeiter wurde bei Taucharbeiten an der Hand verstrahlt. Dabei wurde der Jahresdosisgrenzwert für Hände überschritten.

1 Anomalie: Im November 2008 wurde der Sicherheitsbehälter des Atomkraftwerks Leibstadt bei Arbeiten einer externen Firma irrtümlich durch sechs Bohrlöcher beschädigt. Die Öffnungen dienten dazu, zwei Handfeuerlöscher zu befestigen. Die Bohrlöcher wurden erst 2014 zufällig entdeckt.

0 Abweichung: Für 2018 listet das Ensi insgesamt 33 Vorkommnisse in den Schweizer Kernkraftanlagen auf. 31 davon werden auf der Internationalen Bewertungsskala als Abweichung (Ines 0) eingestuft. Vier Abweichungen betreffen das Kernkraftwerk Beznau, zehn das Kernkraftwerk Leibstadt. (Quelle: Wikipedia)

75 Jahre Geschichte. 75 Jahre Erfahrung. 75 Jahre Journalismus. Sichern Sie sich jetzt für kurze Zeit ein ganzes Jahr zum Jubiläumspreis von 75 €.