Was haben Inge Meysel, Reinhold Messner und Rex Gildo gemeinsam? Alle drei waren bereits Gäste in der Wehrer Stadthalle. Am Sonntag feiert das Kulturzentrum in aller Stille sein 30-jähriges Bestehen, ein Kristallisationspunkt des Wehrer Kulturlebens ist es bis heute geblieben.

Viel Anlauf hat die Stadt Wehr damals für eines ihrer größten Bauprojekte genommen: Schon Anfang der 60er Jahre wurde über eine Stadthalle diskutiert. Und schon Ende der 70er Jahre gab es unter Bürgermeister Otto Wucherer Pläne des Wehrer Architekten und Stadtplaners Hermfried Richter, die dann doch wieder in einer Schublade verschwanden.

In den 80er Jahren passte dann alles zusammen: Anfang des Jahrzehnts fiel die Standortscheidung. Die Zeit drängte: Der altehrwürdige Wehrahof-Saal war baufällig und musste im Februar 1989 abgerissen werden, es wurde ein neuer Veranstaltungsort benötigt. Dank der Gewerbesteuereinnahmen, insbesondere der Ciba-Geigy, war das Stadtsäckel gut gefüllt und sowohl Stadtverwaltung als auch Gemeinderat waren entscheidungsfreudig – nach ausführlichen Vorbereitungen stimmt man am 9. September 1986 dem Bauantrag zu. Dann ging alles ganz schnell: Schon weniger als ein Jahr später war am 9. Juli 1987 der Spatenstich, am 22. September 1988 konnte das Richtfest gefeiert werden und am 19. Januar 1990 wurde die neue Stadthalle festlich eingeweiht. Eine ganze Woche gab es Programm für alle Zielgruppen: Vom Kindertheater bis zum Seniorennachmittag.

Die Größe der Wehrer Stadthalle zeigt sich am besten aus der Luft. Dennoch wirkt der Bau in der Nachbarschaft von Rathaus und Altem Schloss nicht wuchtig.
Die Größe der Wehrer Stadthalle zeigt sich am besten aus der Luft. Dennoch wirkt der Bau in der Nachbarschaft von Rathaus und Altem Schloss nicht wuchtig. | Bild: Obermeyer, Justus

Gebaut wurde aber weit mehr als „nur“ eine Stadthalle: Das Gebäude vereint verschiedene Veranstaltungsräume mit dem Kultur- und Tourismus­amt, dem Stadtmuseum und dem festen Proberaum der Wehrer Stadtmusik sowie Platz für die VHS. „Die Räume für das Stadtmuseum hat mein Mann insgeheim vorgesehen“, verrät die Ehefrau des Architekten, Margot Richter.

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Der ehemalige Kulturamtsleiter Reinhard Valenta erinnert sich an die Anfänge: „Bürgermeister Denzinger hatte die Idee, nicht nur zum Betrieb der Stadthalle ein Kultur- und Verkehrsamt einzurichten, sondern die Kulturarbeit und den Tourismus in Wehr auf neue Beine zu stellen.“ Im Zuge dieser Neuorganisation wurde auch die Stelle des Kulturamtsleiters der Stadt Wehr neu geschaffen und ab 2. Mai 1990 von Reinhard Valenta für die nächsten rund 30 Jahre mit Leben gefüllt.

Ein Gebäude voller Emotionen

„Die Stadthalle ist unser zu Hause. Unsere Räumlichkeiten oben sind quasi unser Arbeitszimmer und die Halle das Wohnzimmer“, bringt es die Dirigentin der Stadtmusik Brigit Trinkl auf den Punkt: Von Anfang an waren beim Bau der Stadthalle viele Emotionen im Spiel. So orientierte sich der Architekt Hermfried Richter am innig geliebten Wehrahofsaal und gestaltete den Saal annähernd quadratisch mit Empore. „Wir hatten schlaflose Nächte darüber: Wie schaffen wir wieder die Atmosphäre des Wehrahofs?“, erinnert sich auch Altbürgermeister Klaus Denzinger. Eine im Nachhinein wohl unbegründete Sorge: „Zur Einweihung haben wir eine ganze Woche gefeiert. Damals herrschte eine Aufbruchstimmung in der Stadt, die in der 900-Jahr-Feier 1992 ihren Höhepunkt fand“, sagt Zeitzeuge Denzinger. Als einer der ersten Gäste spielte die Geigerin Anne-Sophie Mutter in der neuen Halle und lobt den Architekten Richter im Anschluss für die hervorragende Akustik.

Kunst am Bau: Ein wichtiges Stück im Herzen der Stadthalle ist für Altbürgermeister Klaus Denzinger das große Wandbild „Hymne an die Kultur“ von Lothar Weiß im Empfangsbereich.
Kunst am Bau: Ein wichtiges Stück im Herzen der Stadthalle ist für Altbürgermeister Klaus Denzinger das große Wandbild „Hymne an die Kultur“ von Lothar Weiß im Empfangsbereich. | Bild: Julia Becker

Zusammen mit seinem Stellvertreter Günter Kramer nutzte Kulturamtsleiter Reinhard Valenta die ihm zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nach Kräften aus: „Bis Mitte der 1990er Jahre beziehungsweise zum Novartis-Schock erlebte Wehr einen riesigen Kulturboom. Wir zählten regelmäßig über 30.000 Besucher im Jahr. Viele Abonnenten kamen aus Rheinfelden, Lörrach, Schopfheim, Bad Säckingen und Laufenburg, natürlich auch vom Hotzenwald. In den ersten Jahren hat das Kultur- und Verkehrsamt mit der Volkshochschule bis zu 100 Veranstaltungen organisiert, teilweise in der Saison bis zu drei in der Woche – von der Theateraufführung bis zum Dia-Vortrag der VHS war alles dabei.“

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Prominente gaben sich die Klinke in die Hand: Rex Gildo, der junge Stefan Mross und Max Greger mit seiner Bigband waren in Wehr, genauso wie die Autoren Martin Walser und Peter Härtling. Inge Meysel stand hier auf der Bühne, auch Hans-Joachim Kuhlenkampf, Reinhold Messner und Arwed Fuchs kamen nach Wehr. „Da die Stadthalle von der Innenausstattung und der Architektur sehr ansprechend war, zog sie allein schon als damals beste Kulturstätte am Hochrhein viel auswärtiges Publikum an.“ Das lockte auch Gäste an, die sich nicht jeder gewünscht hat: Im Juli 1997 trafen sich hier die Republikaner zu ihrem Landesparteitag und riefen einen der größten Polizeieinsätze in der Region hervor: 300 Polizisten, bis zu 400 Gegendemonstranten und 180 Delegierte sorgten so für eine andere Art Ausnahmezustand in Wehr. Der Gemeinderat wollte ähnliche Vorfälle verhindern: Fortan wurden die städtischen Hallen für landes- und bundespolitische Veranstaltungen gesperrt.

Für die Zukunft gerüstet

„In 30 Jahren hat die Stadthalle nichts von ihrem Charme verloren“, stellt Bürgermeister Michael Thater fest. Die vielen Details von der Farbgebung der zu der Akustik passenden Stühle bis zur guten Nutzung der Topografie und der sich am Schloss orientierenden Dachform passe hier alles zusammen. Behutsam habe man manches modernisiert, zuletzt die Beleuchtung durch LED-Technik auf den aktuellen Stand gebracht. Dabei habe man aber immer das Gesamtwerk des Architekten im Blick behalten, so Thater.

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Als nächste Maßnahme stehe im Frühjahr die Modernisierung des Kultur- und Verkehrsamts an. 50.000 Euro werden in Sanierung, neue Möbel und Technik investiert. „Besucher sollen einfacher ihren Ansprechpartner finden, auch brauchen wir dringend einen besseren Schallschutz“, erklärt Kulturamtsleiter Frank Johannes Wölfl. Die Stadthalle mit ihren Möglichkeiten schätzt auch der neue Kulturamtsleiter: im Vergleich zu anderen Orten sei man hier sehr gut aufgestellt. „Besonders die Akustik ist fantastisch, auch noch nach 30 Jahren“, lobt er. Die große Bühne mit ihren drei Vorhängen sei gut für modernes Theater geeignet. Und auch die Stadtmusik möchte ihre Räume nach drei Jahrzehnten nicht missen: „Die Halle ist eine der schönsten und am besten klingenden in dieser Gegend. Ich empfinde es als großen Luxus und als Geschenk, hier unsere Konzerte spielen zu dürfen“, sagt Birgit Trinkl.