Kunst hat viele Gesichter. Die bekanntesten in Wehr sind sicher Anne-Sophie Mutter, Paul Gräb und – Reinhard Valenta. Die Weltklassegeigerin und Wehrer Ehrenbürgerin, der Öflinger „Kunstpfarrer“ und Ehrenbürger und der nach 29 Jahren nun scheidende Kulturamtsleiter haben das kulturelle Gesicht der Stadt stark geprägt.

Kulturmacher und -ermöglicher

Reinhard Valenta, der Kulturmacher und Kultur-Ermöglicher, ist eine Institution in Wehr. Niemand hat so wie er der Stadtkultur, der Öffentlichkeitsarbeit und der Erforschung der Geschichte Wehrs den Stempel aufgedrückt und bei der Förderung örtlicher Kulturinitiativen vieles in Bewegung gesetzt. Als Kind der Generation „Kultur für alle“ der 1970 und 80er Jahre ist Valenta der Überzeugung, dass in jedem Menschen Kreativität steckt und dass, wie Künstler Joseph Beuys meinte, jeder Mensch ein Künstler ist.

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Offenheit, Neugierde und der Gedanke, dass die Sinnsuche der Motor der Kultur ist, haben Valenta als Ausgangspunkt seines Kulturverständnisses gedient. In diesem Sinne gehörten die exklusive Kultur des sogenannten „Höhenkammes“, wie er es nennt, und die Kultur des Alltags unbedingt zusammen. Die programmatische Ausrichtung seiner vielseitigen Kulturarbeit steckt – noch in der Sprache und Terminologie der 90er Jahre – schon in seinem Bewerbungsschreiben, welches das Grundgerüst seines Kulturprogramms gewesen ist und das er während seiner Zeit als Kulturamtsleiter komplett abgearbeitet hat.

Stellenwert der Stadt steigern

Nur bei einem musste er Abstriche machen: Es hat nicht geklappt, die neue Stadthalle als Kongress- und Tagungszentrum zu etablieren. Das hat sich aufgrund der verkehrstechnischen Lage als illusorisch erwiesen. Ansonsten konnte Valenta seine Vorstellungen und Träume verwirklichen. Auf seine in die Tat umgesetzten Kulturmodelle kann er mit Stolz zurückblicken. Schließlich konnte er allein nach außen das Ansehen, die Wahrnehmung und den Stellenwert der Kleinstadt Wehr in der Region steigern und auch die, wie er es nennt, „spezifische Identität des Ortes“ deutlich machen.

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Für Valenta stellte sich die Kleinstadt Wehr als ein „atmender Organismus“ dar. Dabei wollte er eigentlich in den Literaturbetrieb, als Lektor. Aus seiner Konstanzer Zeit kannte er viele Autoren, war mit einigen Schriftstellern befreundet und hatte von einer Schriftstellerkarriere geträumt. Eines wollte er nicht werden: Lehrer. Doch dann kam das Leben. Seine Frau Katharina hat er 1989 geheiratet, und eine Anstellung gesucht. Seine Frau las in Konstanz eine Anzeige im SÜDKURIER, auf die sich Valenta hin bewarb. Das Kulturamt in einer Kleinstadt schien ihm eine Option: Wehr war ja nicht aus der Welt.

Lebendige Regionalgeschichte

Mit seinem durchdachten Kulturkonzept hat er den Gemeinderat überzeugt. Die Kennzeichen seines Kulturansatzes waren griffig, klar, vielversprechend und verheißungsvoll. Als Literaturhistoriker und Historiker war Valenta von Anfang an stark historisch orientiert und an der Regionalgeschichte interessiert. „Die Wehrer Identität verstehen, lesen und weiterentwickeln“ wurde sein großes Thema. Deshalb gab es auch viele Veröffentlichung von ihm in diesem geschichtlichen Bereich.

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Vor allem aber bezieht er die Menschen in die Aufarbeitung der Geschichte mit ein. Schon im Studium machte er Interviews mit Verfolgten des Nazi-Regimes. Anfangs noch auf Kassetten, heute mit digitalem Aufnahmegerät, führte Valenta mehr als 100 biografische Interviews mit älteren Wehrer und Öflinger Persönlichkeiten, weil er überzeugt ist, dass auch die Geschichte von „normalen“ Menschen interessant sein kann. Eine bis anderthalb Stunden lang sind diese spannenden Gesprächs­aufnahmen, die zu einem Archiv der „Oral History“ („mündliche Geschichte“) wurden, einer Richtung, die aus den angelsächsischen Ländern kam.

Förderung kulturereller Talente

Folgerichtig war für Valenta, dass Kultur selbst machen wichtiger ist, als Kultur einkaufen. Deshalb förderte er alle Kulturschaffenden und örtlichen Kulturinitiativen wie die Fotofreunde Wehr, junge Musiktalente oder die VHS-Kunstkurse. Für Valenta ist dies ein Aspekt von Breitenkultur; das sei in der Kultur auch nicht anderes als im Sport, wo es zum Spitzensport noch den Breitensport gibt. Diese Kulturansätze hat der selbst Gitarre spielende Liedermacher Valenta, der auch selbst aufgetreten ist, immer gefördert. Nicht zu vergessen die Großausstellungen von Kunst und Diakonie, „Dialoge“ (2003) und „Begegnungen“ (2006), und die mehr als 250 Vernissagereden, die er gehalten hat, überhaupt die Organisation des ganzen Ausstellungs- und Galeriebetriebs im Alten Schloss.

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Als Historiker lag ihm die Heimatgeschichte am Herzen, das spiegelte sich in den Heimattagen (1997) mit einer prominent besetzten Podiumsdiskussion mit Martin Walser, aber auch in den Burgen- und Walther-von-Klingen-Symposien, veranstaltet in Zusammenarbeit mit der Fricktalisch-Badischen Vereinigung für Heimatkunde.

Mediathek bis Anne-Sophie-Mutter

An vorderster Stelle ist sein Beitrag zum Aufbau kultureller Institutionen zu nennen. Bleibend sind die Mediathek, das Textilmuseum, die Hanna- und Paul-Gräb-Stiftung, der von ihm mit auf den Weg gebrachte Lothar-Späth-Förderpreis, der sich als bedeutender Kunstpreis etabliert hat, mit der Späth-Stiftung. Überhaupt ist es die Vielfalt an Organisation klassischer Abo-Konzerte, den Benefizkonzerten Anne-Sophie Mutters bis hin zum Sagenpfad am Schlössle, dem Wehratalpfad und davon inspiriert dem Schluchtensteig, was dem umtriebigen, hellwachen Kulturmenschen Spaß machte und ihn antrieb. Sagt er doch von sich selber: „Ich kann alles vertragen, nur Langeweile nicht.“ Als Ende der 1990er Jahren nach dem „Novartis-Schock“, dem Rückzug des Unternehmens, die Anzahl der Theater- und Konzertabonnenten eingebrochen war, musste die Kulturarbeit darauf reagieren.

Vater der Kulturkooperation

2006 wurde die Kulturkooperation aufs Gleis gesetzt. Es war zu diesem Zeitpunkt die richtige Aufgabenteilung, das Tourneetheater in Schopfheim zu konzentrieren und die Klassikkonzerte in Wehr. Für Valenta die richtige Entscheidung, klassische Musik in Wehr auszurichten und Orchester, wie zuletzt Sinfonieorchester der Region, mit hineinzunehmen. Diese Neuausrichtung zeigte Wirkung; es gab einen Aufschwung mit zunehmenden Abonnentenzahlen. Mehr als 1200 Besucher zählte man in der vergangenen Saison. Zu einzelnen Konzerten kommen jetzt mehr als 300 Zuhörer in die Stadthalle – „davon hat man nur geträumt, als Novartis wegzog“, bilanziert Valenta.

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Auch der Austausch mit der Kunstszene im Wiesental, dem Kunstverein Schopfheim ist rege und lebendig. Nicht zu vergessen Valentas zahlreiche Publikationen zu historischen Themen der Region und über Künstler, womit er das kulturelle Gedächtnis der Region wachhält. Nebenberuflich hat er sich bald Freiräume geschaffen, war er als Publizist, freischaffender Historiker, Referent, Vernissageredner, Redakteur und Mitherausgeber der Zeitschrift „Allmende“ tätig. Das alles konnte er nur machen, weil er eine Nebenverdienstgenehmigung vom damaligen Bürgermeister Klaus Denzinger bekam, der gesehen hat, dass Valenta mit seinen zahlreichen historischen Artikeln und einem Fotoband über Wehr wesentlich dazu beitrug, dass der Ort als Kulturstadt im alemannischen Raum bekannter wurde.

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Dieser kulturpolitische Ansatz war schon früh im Konzept von Valenta angelegt: Die Geschichtsarbeit als Basis seiner Kulturarbeit ging mit der regionalen Kunst eine konstruktive Verbindung ein. Dass der kulturell denkende Valenta eine ganze Legislaturperiode (von 1999 bis 2003) für die Freien Wähler im Kreistag saß, bleibt mehr eine Episode in seinem Lebenslauf. Dass er die Leitung der Paul Gräb-Stiftung abgegeben hat, passt in das Bild, so wenig wie möglich mit Bürokratie zu tun haben zu müssen: „Ich will Projekte machen und nicht Termine.“

Kulturarbeit schafft Identität

Und so wird dieser Kulturmacher, der die städtische Identität wie kein anderer gestaltete und das Vereinsleben als wesentlichen Kulturfaktor der Wehrer Stadtkultur belebte, auch im „Unruhestand“ weiterhin vielfältigen Tätigkeiten nachgehen. Sicher, er wird einen neuen Rhythmus finden müssen, denn er hat eine gewisse innere Unruhe in sich, das gibt er offen zu.

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Aber er geht auch gerne in den Ruhestand, weil er das Gefühl hat, „dass mein Nachfolger Frank Johannes Wölfl als glühender Theatermann das Spielfeld Theater wieder auftun wird.“ Da sieht er Spielraum für weitere kommunale Kulturentwicklung. „Da wird etwas kommen“, verspricht er, die erste Veranstaltung sei schon gebucht. Eine gute Nachricht: Wölfl steige als Regisseur und Theatergruppenleiter bei der VHS ein und werde die Theatergruppe „wieder aufbauen und neue Akzente setzen“. Auch bei der VHS gehe die Arbeit „wunderbar weiter“, was nur zeige, dass seine Kulturarbeit akzeptiert werde, die er jetzt in jüngere Hände abgebe.

Menschen weiter im Mittelpunkt

Der 66-Jährige gewinnt dadurch mehr Freiheit. Valenta muss nicht mehr organisieren, was für ihn zuletzt doch eher eine Last war. Er möchte künftig viel schreiben, Interviews führen, demnächst mit Ladenbesitzern in der Hauptstraße reden, ältere Wehrer und Öflinger Bürger im Hinblick auf Migration und Gastarbeiter befragen und die Aufarbeitung von Kriegserlebnissen in lebendiger journalistischer Form einbringen. Reinhard Valenta wird also weiter in dem Bereich tätig sein, in dem er über einen großen Fundus verfügt: die Geschichte und die damit verbundenen Lebensgeschichten von Menschen. Und er freut sich schon darauf: „Jetzt kann ich schreiben, recherchieren, forschen“.