„Ich brauche ein Hinterteil“, sagt Nadine Siebert zu ihrem Lebensgefährten Thomas Binkert, der einen kleinen Igel in der Hand hält. Das Tier hat sich zu einer Kugel zusammengerollt. Damit Nadine Siebert dem Igel ein Medikament gegen Würmer mit einer Spritze verabreichen kann, muss sie allerdings wissen, wo vorn und hinten bei ihrem kleinen Patienten ist. Thomas Binkert hat eine einfache Lösung: Er streichelt dem Stacheltier so lange über den Rücken, bis es sich entrollt. „Da ist die Nase“, sagt er lachend, bevor seine Partnerin sanft die Nadel ins Hinterteil des Igels drückt.

Ein 29 Gramm leichter Igel als Feuertaufe

Vor acht Jahren hat Thomas Binkert aus Tiengen damit begonnen, eine Igelstation auf dem Gelände der früheren Zimmerei seines Großvaters an der Neumattstraße einzurichten. Seitdem haben der 50-Jährige und seine Lebensgefährtin etwa 800 verletzte oder verwaiste Tiere aufgepäppelt, die er selbst findet oder die Leute zu ihm bringen. „Unsere Feuertaufe war ein 29-Gramm-Igel. Der Säugling war so groß wie ein Daumen“, erzählt Binkert von den Anfängen.

Das Wissen über die Insektenfresser haben er und Nadine Siebert sich bei der Igel-Expertin Iris Hander aus Murg-Hänner angeeignet. „Sie hat uns das alles beigebracht“, berichtet der Tierfreund. Von Hander habe Binkert auch gelernt, wie er selbst Kotproben unter dem Mikroskop untersuchen und so herausfinden kann, wie stark die Verwurmung des kranken Tieres ausfällt. „Wenn die husten, haben sie sogenannte Lungensaugwürmer“, weiß der Igelexperte.

Thomas Binkert hält einen Igel in der Hand, während seine Lebensgefährtin Nadine Siebert dem Tier eine Spritze gegen eine Wurmerkrankung gibt.
Thomas Binkert hält einen Igel in der Hand, während seine Lebensgefährtin Nadine Siebert dem Tier eine Spritze gegen eine Wurmerkrankung gibt. | Bild: Juliane Schlichter

Um akute Problemfälle kümmert sich das Paar in seiner Tiengener Wohnung. Dafür haben die beiden einen eigenen Raum als Krankenstation eingerichtet, der aussieht wie eine Mischung aus Kinderzimmer und Arztpraxis. In der einen Ecke stapeln sich bunte Handtücher und Wärmflaschen.

Gegenüber auf einem Tisch liegen unter anderem Medikamente und sterile Injektionsnadeln. Igelfiguren aus Keramik schmücken das Fensterbrett. Und auf dem Boden stehen vier Käfige, jeweils ausgelegt mit Zeitungen und ausgestattet mit einem blickdichten Unterschlupf aus Karton, in dem die scheuen und stacheligen Patienten leben.

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Thomas Binkert erzählt, wie zeitaufwendig die Pflege seiner Schützlinge sein kann: „Kleine Igel muss man alle drei Stunden füttern. Nachts stellen wir uns den Wecker.“ Und tagsüber könne es schon mal vorkommen, dass der Lokführer einen Babyigel mit zur Arbeit nimmt. „Er fährt dann in einer Katzentransportbox mit mir im Führerstand, und in der Pause füttere ich ihn auf dem Abstellgleis“, erzählt er lachend.

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Sieben Igelbabys besuchen die Ford-Werke

Sieben Igelbabys begleiteten ihn und seine Lebensgefährtin im vergangenen Jahr sogar mit zum 50. Jubiläum des Autoklassikers Ford Capri. „Wir haben sie ins Ford-Werk nach Köln mitgenommen“, erzählt der Autofan, der nach eigener Angabe selbst fünf Ford Capri besitzt.

Der ehrenamtliche Igelpfleger Thomas Binkert aus Tiengen mit einem seiner stacheligen Schützlinge.
Der ehrenamtliche Igelpfleger Thomas Binkert aus Tiengen mit einem seiner stacheligen Schützlinge. | Bild: Juliane Schlichter

Normalerweise halten Igel zu dieser Jahreszeit Winterschlaf. Die Patienten von Thomas Binkert und Nadine Siebert sind allerdings zu leicht, um ohne Nahrung durch die kalte Jahreszeit zu kommen. Das Paar füttert sie unter anderem mit Katzenfutter. „Das hier ist unsere Problemmaus“, sagt Siebert liebevoll über den kleinen Igel, den ihr Lebensgefährte gerade auf eine Küchenwaage legt. 493 Gramm zeigt das Display an. „Der wäre zu klein. Erst bei 700, 800 Gramm gehen wir in den Winterschlaf“, fügt die Angestellte eines Lebensmittelmarkts hinzu.

Sobald die Nachttemperaturen über plus acht Grad steigen, werden die aufgepäppelten Igel ausgewildert. „Igel stehen unter Artenschutz. Wir dürfen sie nur aufnehmen, um sie gesund zu pflegen. Danach müssen wir sie der Natur übergeben“, erzählt Thomas Binkert. Außerdem seien Igel als Haustiere völlig ungeeignet, fügt er hinzu. „Sie würden irgendwann den Käfig demolieren“, sagt er über die freiheitsliebenden Tiere.

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