Eine außergewöhnliche Förderungszusage erhielt in diesen Tagen der Vorsitzende der Heinrich Kaminski Gesellschaft, Herbert Müller-Lupp, von der Vorstandsvorsitzenden der Stoll-Vita-Stiftung, Adelheid Kummle, im Rahmen eines Pressegespräches im Haus der Stiftung in der Brückenstraße in Waldshut. Adelheid Kummle informierte bei der Übergabe des Förderungsbescheides darüber, dass der Vorstand der Stoll-Vita-Stiftung beschlossen habe, ein außerordentliches und wohl einmaliges Projekt der Heinrich Kaminski Gesellschaft mit bis zu 10 000 Euro zu fördern.

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Bei dem Projekt geht es darum, für die von Heinrich Kaminski komponierte und im Jahr 1929 in Dresden uraufgeführte Oper „Jürg Jenatsch„ von dem einzigen handschriftlichen Scriptum eine Partitur herzustellen (siehe Kasten das Projekt). Wichtig sei es für die Stiftung, dass der Komponist ein Hiesiger sei, so Adelheid Kummle (Kaminski wurde 1886 im Schloss in Tiengen geboren). Ebenso sei es ein großes Anliegen der Heinrich Kaminski Gesellschaft, das Ansehen und die Bedeutung des Komponisten Heinrich Kaminski in der Bevölkerung bekannt zu machen, ergänzt Müller-Lupp. Darum würde sich die Gesellschaft nun schon 35 Jahre lang intensiv bemühen.

Hommage an Schwizer Nationalhelden

Müller-Lupp erläuterte kurz, warum es sich gerade um das Drama „Jürg Jenatsch„ handelt, das aufgearbeitet werden soll. Kaminski hatte in den 1920er Jahren viel in der Schweiz gelebt und dabei die Geschichte des Schweizer Nationalhelden „Jürg Jenatsch„, der auch als „Retter von Graubünden‘“ bezeichnet wird, kennengelernt. Und so sei es zur Komposition der gleichnamigen Oper gekommen.

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Bei der Planung des zweiten Beethovenfestes 2016 in Bonn mit dem Thema „Revolutionen“ unter der Regie von Nike Wagner, der Enkelin von Richard Wagner, sei vom stellvertretenden Generalintendanten des Bonner Opernhauses, Andreas K.W. Meyer, die Oper „Jürg Jenatsch„ als Programmpunkt vorgeschlagen worden. Technische Probleme und vor allem eine fehlende Partitur hätten aber zur Ablehnung des Projektes geführt, berichtet Müller-Lupp.

Regisseur erwägt Aufführung der Oper

Bei einer Sitzung der Kaminski-Gesellschaft mit Schweizer Musikwissenschaftlern vor einem Jahr sei das Thema „Jürg Jenatsch„ wieder aufgegriffen worden. Er, Müller-Lupp, habe auch einen Schweizer Regisseur gefunden, der die Möglichkeit einer Aufführung ins Auge fassen würde, aber nur bei Vorliegen einer „vernünftigen“ Partitur. Das habe die Gesellschaft letztendlich bewogen, sich mit Nachdruck um die Erstellung der Partitur für die Oper „Jürg Jenatsch„ zu bemühen. Gleichzeitig sei es ein glücklicher Zufall, dass sich die Stoll-Vita-Stiftung entschlossen habe, das Projekt maßgeblich zu fördern. Dies sei letztendlich dieser Zeitung zu verdanken, so Adelheid Kummle.

Auszug aus dem handschriftlichen Skript der Oper „Jürg Jenatsch“, abgeschrieben durch einen Zeitgenossen von Heinrich Kaminski. Bild: Kaminski-Gesellschaft
Auszug aus dem handschriftlichen Skript der Oper „Jürg Jenatsch“, abgeschrieben durch einen Zeitgenossen von Heinrich Kaminski. Bild: Kaminski-Gesellschaft

Die Zeitung hatte am 24. Januar 2019 mit dem Titel „Vor dem Vergessen gerettet“ über das Engagement der Heinrich Kaminski Gesellschaft berichtet. Auf die Frage der Autorin Rosemarie Tillessen, was die Gesellschaft machen würde, wenn jemand 10 000 Euro spenden würde, hatte Müller-Lupp spontan geantwortet, dass man das Geld sofort in die Opern-Partitur von Kaminskis Oper „Jürg Jenatsch„ stecken würde. Da sei der Funke übergesprungen, erläutert Adelheid Kummle und meint: „Das wäre eine wunderbare Förderung im Sinne von unserem Stiftungszweck „Bildung“. Besonders freut uns, wenn wir dazu beitragen können, das Andenken an einen „Sohn“ der Stadt aufrecht zu erhalten.“

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Der Komponist und seine Oper

  • Das Projekt: Die Herstellung einer Druckpartitur von einer Vorlage, in diesem Fall die handschriftliche Abschrift der Komposition von Heinrich Kaminski, erfolgt durch manuelle Übertragung jeder einzelnen Note, jedes Zeichens und sämtlicher Zusätze der Vorlage in ein elektronisches Notenschreibprogramm, ein sogenanntes Finalprogramm. Die handschriftliche Vorlage der Oper Jürg Jenatsch umfasst rund 150 DIN-A-3-Seiten, die bei entsprechender Umsetzung rund 250 DIN-A-4-Seiten ergeben. Man schätzt, dass musikalisch sachkundige Personen, zum Beispiel Musikstudierende im Fach Kompositionslehre, für die Übertragung einer einzigen Seite mindestens drei Stunden benötigen. Die Arbeit ist äußerst diffizil, weil kleinste Ungenauigkeiten sofort zu Fehlern führen können. Man kann die Übertragung der Noten daher nur mit entsprechenden zeitlichen Pausen bewältigen, weshalb die Gesamtdauer der Arbeit derzeit nicht eingeschätzt werden kann. Aus der fertiggestellten Orchesterpartitur müssen dann die Registernoten sowie die Noten für Vokalsolisten und Chorstimmen entwickelt werden, damit als Fernziel die Oper später aufgeführt werden kann.
  • Die Heinrich Kaminski Gesellschaft: Nach dem Tod von Heinrich Kaminski im Jahre 1946 war seine Musik und damit seine Person aufgrund ungünstiger Umstände weitgehend in Vergessenheit geraten. Bei vielen Gedenkveranstaltungen und Konzerten anlässlich des 100. Geburtstages des Komponisten in Waldshut war es im Jahre 1986 sein Biograf Hans Hartog, der damals die Idee einer Gesellschaft zur Pflege des Nachlasses von Heinrich Kaminski ins Spiel brachte. So kam es ein Jahr später am 16. Mai 1987 im Tiengener Schloss unter der Regie des damaligen ehrenamtlichen Kulturreferenten der Stadt Waldshut-Tiengen, Jürgen Klein, zur Gründung der Kaminski Gesellschaft, deren Vorsitzender Herbert Müller-Lupp seit 2001 ist. Von Beginn an war Müller-Lupp Schatzmeister der Gesellschaft. Die Gesellschaft umfasst heute 70 musikbegeisterte Mitglieder. Vor allem die Vorstandsmitglieder leisten seit Jahren eine immense ehrenamtliche Arbeit für die künstlerische und wissenschaftliche Pflege des musikalischen Erbes von Heinrich Kaminski. Hierzu haben die Verantwortlichen der Gesellschaft unter anderem im Tiengener Schloß ein Kaminski-Archiv eingerichtet.
  • Der Komponist: Heinrich Kaminski wurde am 3. Juli 1886 im Tiengener Schloss geboren. Da er trotz Reifeprüfung nicht studieren wollte, begann er eine Banklehre. 1907 wurde sein musikalisches Talent entdeckt und durch verschiedene Mäzenen kontinuierlich gefördert. Bereits ab 1912 begann er sein umfangreiches kompositorisches Wirken. Neben vielen anderen Werken entstand 1929 die Oper „Jürg Jenatsch“. 1930 erhielt er eine Professur und wurde Leiter einer Meisterklasse an der Preußischen Akademie der Künste in Berlin. Noch im gleichen Jahr erfolgte seine Berufung zum Städtischen Musikdirektor in Bielefeld. Nach dem Aufführungsverbot seiner Musik durch die Nationalsozialisten zog er sich in die Emigration zurück, komponierte aber weiter bis zu seinem Tod am 21. Juni 1946 im oberbayerischen Ried bei Benediktbeuren. (hsc)