Das jetzt 150 Jahre alte Bild „Kirchgang der Hotzen“ gibt Anlass zu einem Rückblick auf die Geschichte der auf einem Hochplateau zwischen dem Murgtal und dem Andelsbachtal liegenden Ortschaft Hänner. Das Gemälde mit der darin enthaltenen Darstellung der Kirche, aber auch die literarischen Werke der einst in Hänner tätigen Lehrerin Elisabeth Walter, machen das Dorf weit über seine Grenzen hinaus bekannt.

Die Ursprünge der heutigen Pfarrkirche

Die Entstehung des 1973 nach Murg eingemeindeten Ortes fällt in die Zeit zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert, wurde allerdings erst 1240 mit „Henricus de Henere“ – einem Seelsorger von Hänner – urkundlich erwähnt. Doch haben wahrscheinlich eine Kirchengemeinde und ein dazugehöriges Gotteshaus schon vor 1240 bestanden.

Das könnte Sie auch interessieren

Die Baugeschichte der den beiden Schutzheiligen Leodegar und Marcellus geweihten Pfarrkirche ist bemerkenswert. Das Rundbogenportal an der Westseite des Turmuntergeschosses der heutigen Kirche stammt vermutlich aus einem spätromantischen Vorgängerbau, der gegen Ende des 12. Jahrhunderts entstanden ist.

Das Gotteshaus als Prunkbau

Allem Anschein nach wurde im 14. Jahrhundert ein gotischer Neubau errichtet und 1539 erweitert, dem 1773/1774 ein zeittypischer barocker Umbau folgte. Darüber hinaus wurde von 1901 bis 1904 der Turmhelm und der Eingangsbereich des Gotteshauses erneuert. Eine Renovation von 1936 hatte das Ziel, die prunkvolle Glorie zu mindern; doch von 1979 bis 1982 und 2014 erfolgten umfangreiche Restaurierungen, die der Kirche wieder zum Glanz des 18. Jahrhunderts verhalfen, was ihr von Denkmalpflegern das Prädikat „Ein Bauwerk allerersten Ranges“ einbrachte.

Wertvolle Gemälde und Stuckmarmor

Neben der Kanzel, die als architekturgeschichtliche Kuriosität gilt, weil sie nicht vom Kirchenraum aus betreten werden kann, sondern nur über eine steile Treppe und durch die Wand der angebauten zweistöckigen Sakristei aus, sind auch der Hochaltar und die beiden Seitenaltäre von besonderer Qualität. Sie sind hier nicht, wie in anderen Dorfkirchen, aus Holz gearbeitet und mit einem marmorierten Anstrich versehen, sondern aus Stuckmarmor.

Das könnte Sie auch interessieren

Nach Kunsthistoriker Hans Jakob Wörner (1941 bis 2002) war Stuckmarmor in jener Zeit so ziemlich das Kostbarste, was es gegeben hat. Ebenso sind die Ausstattungen der Kirche und ihre Gemälde von enormer Bedeutung. In ihnen spiegelt sich vor allem der Einfluss des Säckinger Fridolinstifts wider, mit der die Pfarrei auf das Engste verbunden war.

Kirchgang als Quelle für Neuigkeiten

Es ist ein günstiger Umstand, dass der Münchner Maler Theodor Pixis (1831 bis 1907) um 1870 ein Bildnis schuf, das einen Eindruck aus dem damaligen Leben auf dem Hotzenwald vermittelt. Es zeigt Gottesdienstbesucher beim Verlassen der Kirche in Hänner. Der sonntägliche Kirchgang war ein Treffpunkt und ein Ort zum Austausch von Neuigkeiten.

Das Gemälde „Kirchgang der Hotzen“ wurde um 1870 von Theodor Pixis geschaffen. In ihm ist die Kirche von Hänner noch mit dem alten Kirchdach und davor das Feuerwehrgerätehäuschen zu sehen. Beim Gasthaus rechts im Bild könnte es sich dem Wirtschaftsschild nach um den „Hirschen“ gehandelt haben, später wurde das „Gasthaus zur Tanne“ daraus und heute befindet sich das Café Heimelig darin.
Das Gemälde „Kirchgang der Hotzen“ wurde um 1870 von Theodor Pixis geschaffen. In ihm ist die Kirche von Hänner noch mit dem alten Kirchdach und davor das Feuerwehrgerätehäuschen zu sehen. Beim Gasthaus rechts im Bild könnte es sich dem Wirtschaftsschild nach um den „Hirschen“ gehandelt haben, später wurde das „Gasthaus zur Tanne“ daraus und heute befindet sich das Café Heimelig darin. | Bild: Richard Kaiser

Vom Pfarrer erfuhren die Besucher, wer verstorben war, wer heiraten wollte, oder wessen Neugeborenes getauft werden sollte. Auf dem neben der Kirche angelegten Friedhof war der Gräberbesuch der verstorbenen Verwandten obligatorisch. Im naheliegenden Wirtshaus wurde über das Tagesgeschehen debattiert, über Steuern und Vieles mehr. Und für die jungen Leute war der Kirchgang eine Gelegenheit, die Sonntagstracht anzulegen, sich fein herauszuputzen und vielleicht eine Liebschaft zu beginnen.

Der „Schmiedledick“ aus Hänner

Ob es der feinfühligen und tief religiösen Lehrerin Elisabeth Walter (1897 bis 1956), die von 1923 bis 1931 in der Hänner Dorfschule unterrichtete, zu einer derartigen Liaison reichte, ist nicht bekannt. Wohl aber, dass sie die Liebe zur Literatur fand, was sich in ihrem 1930 fertiggestellten Buch „Die abenteuerliche Reise des kleinen Schmiedledick“ zeigte.

Frühere Pädagogen bezeichneten das Werk als „Glücksfall für Baden und seine Schulen“, sowie als „das Heimatbuch“. Der Schmiedledick, ein Hotzenwälder Bauernbub, wird im Murgtal von Zigeunern gestohlen und erlebt auf seiner unfreiwilligen Reise durch das ganze badische Land zahlreiche Abenteuer. Zuletzt gelingt es dem Jungen, den Hegauer Burggeist, den Poppele vom Hohenkrähen, zu erlösen. Alsdann kehrte er wieder in seine Heimat zurück. Das Buch erschien zuletzt 2006 in der 17. Auflage.

Die einzelnen Aufenthaltsorte des kleinen Schmiedledick zeigt die illustrierte Karte des Badener Landes auf.
Die einzelnen Aufenthaltsorte des kleinen Schmiedledick zeigt die illustrierte Karte des Badener Landes auf. | Bild: Richard Kaiser

Aber auch mit weiteren Werken zeichnete sich Elisabeth Walter aus. So vor allem mit der autobiografischen Erzählung ihrer Jugend „Madleen kann nichts wissen“ (1934) und dem alemannischen Gedichtband „Rosmarin und Nägili“ (ebenfalls 1934).

In Hänner gibt es zwar den Schmiedledick-Saal, jedoch keine Elisabeth-Walter-Straße, wie beispielsweise in Freiburg oder Neckargmünd. Falls in der Gemeinde Murg wieder einmal nach einem Straßennamen in einem Neubaugebiet gesucht wird, könnte man sich vielleicht an die warmherzige Schriftstellerin erinnern. Ebenso in Weilheim und Dietlingen. Denn dort unterrichtete Elisabeth Walter von 1936 bis 1948.