Obwohl durch die Textilindustrie die Zahl der Arbeiter gestiegen war, wurde der katholische Hochrhein keine Hochburg der Sozialdemokratie. So geht aus einem Eintrag im „Familien- und Heimatbuch“ der Öflinger Volksschülerin Ida Kaiser – Tochter des MBB-Webmeisters August Kaiser – hervor, dass die Zentrumspartei bei den Gemeinderatswahlen 1930 mit vier, die Einwohnervereinigung (Vorläufer der Freien Wähler) mit zwei Sitzen und die SPD sowie KPD jeweils nur mit einem Sitz im Rat des Arbeiterdorfes Öflingen vertreten waren. Viel anders sah es bis zum Aufstieg der NSDAP im Verlauf der Wirtschaftskrise auch in Säckingen und Wehr nicht aus. Dominante Kraft war die katholische Zentrumspartei.

Trotzdem gab es profilierte Sozialdemokraten. Sie waren Teil des gesellschaftlichen Lebens und wurden nach der „Machtergreifung“ 1933 von den Nazis auf die Liste der Regimekritiker gesetzt und verfolgt. Es handelte sich unter anderem um Gustav Fribolin in Säckingen und Rudolf Berger sowie Ernst Büche in Wehr. In Lebensgefahr schwebten sie nach dem Stauffenberg-Attentat auf Hitler am 20. Juli 1944.

Mit Hitlergruß salutierende Nationalsozialisten auf der Rathaustreppe von Wehr: Im Dritten Reich war das Rathaus fest in der Hand der NSDAP und deren Schaltzentrale.
Mit Hitlergruß salutierende Nationalsozialisten auf der Rathaustreppe von Wehr: Im Dritten Reich war das Rathaus fest in der Hand der NSDAP und deren Schaltzentrale. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Wie Tausende andere wurden sie in der Aktion „Gitter“ verhaftet und kamen ins KZ oder zur Zwangsarbeit. Unterlagen der SPD Wehr – von Alt-SPDlerin Karin Kaiser zur Verfügung gestellt – erhellen das Schicksal von Rudolf Berger. Der Weber war 1932 in den Gemeinderat gewählt worden.

Ein Bild des Wehrer Sozialdemokraten Ernst Büche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: Es sollte nicht lange dauern, dann wurde er von den Nationalsozialisten zu Zwangsarbeit verpflichtet.
Ein Bild des Wehrer Sozialdemokraten Ernst Büche zu Beginn des Zweiten Weltkriegs: Es sollte nicht lange dauern, dann wurde er von den Nationalsozialisten zu Zwangsarbeit verpflichtet. | Bild: Archiv Reinhard Valenta

Er stand, wie Ernst Büche, auf der Verhaftungsliste. Der 88-jährige Bernhard Kuhne, dessen Vater Albert mit seinen Nachbarn Rudolf Berger und Ernst Büche befreundet war, erinnert sich noch heute an Bergers Verhaftung. Als sein Vater, der ebenfalls Probleme mit den Nazis hatte, 1944 zu Grabe getragen wurde, sagte der „Wehratal“-Wirt Döbele nach der Beerdigung zu ihm: „Gut, dass Dein Vater unter der Erde liegt. Sie hätten ihn auch geholt.“ Der Wirt des „Wehratals“ musste es wissen, weil Albert Kuhne, Rudolf Berger und wohl auch Ernst Büche in seinem Gasthaus ihren Stammtisch hatten.

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Berger überlebte das KZ. Der Papierfabrikant Ernst Lenz (anfangs ein NS-Befürworter, später auf Distanz zum Regime) sorgte dafür, dass er Ende 1944 freikam. Nach dem Krieg wurde Berger von den Franzosen als Bürgermeister eingesetzt. Er hatte unter anderem den Auftrag, 1946 die Wahl zum Gemeinderat zu organisieren. Aus dessen Mitte wurde schließlich Eugen Schmidle zum ersten Bürgermeister Wehrs nach dem Ende der Nazi-Diktatur gewählt. Rudolf Berger aber konnte die Früchte der Demokratie nicht mehr ernten. Er verstarb 1947 infolge der im KZ erlittenen Folter und Schläge.

Glimpflicher kam der Spulermeister Ernst Büche davon. Er war seit 1920 SPD-Mitglied und wurde 1944, obwohl er schon 51 Jahre zählte, zur Zwangsarbeit verpflichtet: Zuerst beim Straßenbau im Schwarzwald, dann auf der heftig bombardierten Kriegswerft in Wilhelmshaven. „Wenn er mal Urlaub hatte,“ so erinnert sich seine 1932 geborene Tochter Christel Senn, „hat die Mutter immer gesagt, dass er die Klappe halten soll“. Die massiven Angriffe auf die Werft zeigten die gewaltige Übermacht der Alliierten. Frieda Büche hatte Angst, ihr Mann könne, wie Rudolf Berger, ins KZ kommen. Wer am Endsieg laut zweifelte, lebte auch in Wehr bis zur Befreiung durch die Franzosen gefährlich.

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Übel erging es dem Säckinger Sozialdemokraten Gustav Fribolin. Wie Berger wurde auch er von einem Fabrikanten gerettet. Zwei Briefe an die französische Militärbehörde von 1945 und 1948 lassen sein Schicksal erahnen.

Der Säckinger Sozialdemokrat Gustav Fribolin (Mitte) in den 1950er Jahren: Dass er das KZ Dachau überlebte, hatte er dem Textilunternehmer Carl Denk zu verdanken.
Der Säckinger Sozialdemokrat Gustav Fribolin (Mitte) in den 1950er Jahren: Dass er das KZ Dachau überlebte, hatte er dem Textilunternehmer Carl Denk zu verdanken. | Bild: Stadtarchiv Bad Säckingen

Vor 1933 war er SPD-Stadtrat und „Mitglied im Reichsbanner, der Eisernen Front, der Liga für Menschenrechte und der Friedensgesellschaft“ gewesen. Kein Wunder, dass ihm von den Nazis „fortgesetzt Schikanen verschiedenster Art bereitet wurden“. 1943 drohte ihm das Arbeitsbataillon, 1944 wurde er schließlich verhaftet und kam über das KZ Struthof-Schirmeck nach Dachau und „zuletzt in die Typhusabsonderung in Allach“. Das wäre für den typhuskranken Säckinger wohl die Endstation gewesen, hätte ihn nicht Carl Denk herausgeholt. Der MBB-Chef hatte Fribolin nämlich 1940, trotz dessen Problemen mit der NSDAP, in seine Verwaltung eingestellt. Wie er den SPDler aus dem KZ herausbekam, bleibt sein Geheimnis – immerhin wurde auch Denk von den Nazis als „Schwarzer“ und Regimegegner eingestuft, hatte er sich doch schützend sogar vor den Brenneter Kommunisten Hans Keser gestellt.

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Alle drei Sozialdemokraten spielten nach dem Krieg bedeutende Rollen beim Aufbau demokratischer Strukturen in ihren Heimatgemeinden. Sie hatten die Nazi-Diktatur am eigenen Leib erlitten und kannten den Preis von Frieden, Freiheit und Demokratie.

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