Das Coronavirus hat das Leben grundsätzlich verändert. Das spüren Familien in der Region mit zunehmender Deutlichkeit. Denn die Corona-Verordnung und die damit verbundene Kontaktsperre in Kombination mit Perspektivlosigkeit in vielen Bereichen, belastet die Menschen – vor allem die, die einander seit mehreren Wochen nicht ausweichen können. Diplom-Psychologe Dieter Scheibler ist Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Hochrhein in Bad Säckingen. Er spricht darüber, warum der Stress weiter zunehmen wird, es verständlich ist, dass viele Familien Sorgen haben und wie sich eine Eskalation verhindern lässt.

Wie hoch ist das Stress-Niveau in den Familien derzeit?

Die Familien haben sich bis Ostern an die von außen gesetzten Regelungen bestmöglich angepasst, so Scheibler. „Jede sucht nach einem guten Umgang. Wir denken, dass sich der Stresslevel bisher noch im Grenzbereich des Kräftehaushalts bewegte“, sagt der Psychologe.

„Unterstützend ist es, nach Ressourcen und Möglichkeiten zu schauen, die die Familie trotz der Anspannung nutzen kann.“ Diplom-Psychologe Dieter Scheibler ist Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Hochrhein in Bad Säckingen
„Unterstützend ist es, nach Ressourcen und Möglichkeiten zu schauen, die die Familie trotz der Anspannung nutzen kann.“ Diplom-Psychologe Dieter Scheibler ist Leiter der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Hochrhein in Bad Säckingen | Bild: Marcel Jud

Allerdings nehme die Belastung immer mehr zu: „Mit den neuen Perspektiven jedoch, dass auch nach Ostern die Einschränkungen weiter gehen müssen, die meisten Kinder erneut zuhause lernen müssen, die Kinderbetreuung ausfällt und Planungen über das ganze Jahr unsicher sind, werden nach unserer Einschätzung die Verunsicherung und Existenzängste – ‚wie schaffen wir das?‘ – in den nächsten Wochen spürbar ansteigen“, so Scheibler.

Rund um die Osterfeiertage gab es laut Scheibler über das Stress-Telefon bei der Caritas 14 neue Beratungsanliegen sowie drei Fachberatungen zum Kinderschutz. Kinderschutz bedeutet beispielsweise, dass es brenzlig zuhause und gefährlich für die Kinder werden kann. Eine Problematik, die viele Experten, aber auch Eltern am Ende ihrer Kräfte fürchten.

Welche Hilfestellung gibt es?

Es zeige sich bei den Anrufern, dass vor allem Familien sich melden, in denen sich eine Situation bereits zugespitzt habe. Er erklärt: „Dies ist dann bedingt durch das angespannte Zusammensein zuhause und die Sorgen, die die Eltern jeweils bewegen.“ Schon allein, dass jemand ansprechbar ist, aufmerksam zuhöre und mit überlege, werde als hilfreich erlebt, so der Leiter der Beratungsstelle. Vor allem eine Perspektive sei wichtig: „Unterstützend ist es, nach Ressourcen und Möglichkeiten zu schauen, die die Familie trotz der Anspannung nutzen kann. Im Rahmen der Caritas können wir so auch auf unsere speziellen Dienste wie den Caritas Sozialdienst, der für finanzielle Fragen Ansprechpartner ist, oder an den Sozialpsychiatrischen Dienst verweisen.“

Welche Probleme beschäftigen die Anrufer in dieser Zeit?

„Die Arbeitssituation, Kurzarbeit, Verdienstausfall, Sorge um die Familie, die Großeltern, in Trennungsfamilien die Frage, wie der Umgangskontakt mit dem anderen Elternteil gut geregelt werden kann, die Betreuung der Kinder und wie es mit der Schule weiter geht“, dies seien laut Scheibler die Fragen, die sich hauptsächlich stellen.

Bundesweite Notfallnummern und -kontakte

Doch nicht nur Erwachsene, auch einige Jugendliche hätten sich in den vergangenen Wochen gemeldet, um über einen zunehmenden Stress zuhause mit den Eltern zu sprechen und nach Wegen zu suchen, da heraus zu kommen, wie Scheibler ausführt. Konnten die Berater helfen? „Es geht in solchen Gesprächen darum, mit ihnen zu schauen und zu klären, was sie tun können, um mit den Eltern wieder ins Gespräch zu kommen. Wenn dies nicht geht oder wenn Aggressionen deutlich werden, müssen wir weiterdenken und individuelle Lösungswege finden“, sagt Scheibler.

Wie schafft man es als Eltern, den Stress zu reduzieren?

Damit es gar nicht erst so weit kommt: Was rät der Experte Eltern, wie sie in angespannten Situationen reagieren sollten? Scheibler rät: „Wir schauen darauf, wie Räume im Miteinander entzerrt werden können. Welche guten Erfahrungen haben die Familien? Was könnten kleine „Inseln“ sein, wo einer aus der Situation herausgeht? Wer gerne Sport macht, kann vielleicht da schauen, kann bspw. joggen gehen. Oder was könnten sie entspannt gemeinsam machen? Eine Serie oder einen Film gemeinsam anschauen?“

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Das sei allerdings alles sehr individuell, deshalb sei es wichtig, in den Gesprächen immer auf die jeweiligen persönlichen Umstände und Möglichkeiten der Menschen einzugehen.

Wie bleiben die Berater mit den Menschen in Kontakt?

Schon vor Corona unterstützte die Caritas Familien und auch während der Kontaktsperre bleibe der Austausch bestehen. Scheibler erläutert, dass mit etwa 200 Familien die weiteren Beratungen abgestimmt worden seien. „Es besteht immer die Möglichkeit, mit uns in Kontakt zu bleiben.“ In der Regel würde dieser telefonisch stattfinden, einige Jugendliche würden auch das Skypen, eine Form der Videotelefonie, nutzen.

Das Coronavirus hat das Leben von Familien stark verändert. Das Bild zeigt verschiedene Motive die 2019 in der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Hochrhein in Bad Säckingen auf einem Tisch liegen.
Das Coronavirus hat das Leben von Familien stark verändert. Das Bild zeigt verschiedene Motive die 2019 in der Psychologischen Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und Eltern der Caritas Hochrhein in Bad Säckingen auf einem Tisch liegen. | Bild: Marcel Jud

„Bei kleinen Kindern, die therapeutisch begleitet werden und wo der Kontakt nur schwer über Distanz geführt werden kann, senden wir immer wieder mal eine Botschaft per Brief. So hat sich bei einem Drittel der Klientinnen und Klienten der Beratungskontakt verdichtet. Es ist uns wichtig, in der Krisensituation haltgebend und stetig ansprechbar zu bleiben.“

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