Bis 2029 will die Schweizer Regierung bekanntgeben, wo sie das Endlager für radioaktive Abfälle einrichten will. Der Bözberg südlich Laufenburg ist einer von noch drei möglichen Standorten dafür. Für wie wahrscheinlich halten sie ein Atomendlager im Bözberg?

Vor wenigen Wochen hat der schweizerische Bundesrat entschieden, dass der Bözberg als eines von drei potenziellen Gebieten für ein Atomendlager nun vertieft untersucht wird. Da die Schweiz genau genommen zwei Endlager baut, nämlich eines für schwach-mittelradioaktiven Abfall und eines für hochradioaktiven Abfall und die beiden Lager auch an verschiedenen Standorten stehen können, ist die Wahrscheinlichkeit – leider – sehr hoch.

Welche Auswirkungen hätte Ihrer Meinung nach ein Atomendlager im Bözberg auf Laufenburg und andere benachbarte deutsche Gemeinden?

Hier gehen die Meinungen weit auseinander. Erste Untersuchungen der Schweiz über die sozio-ökonomischen Wirkungen sollen belegen, dass ein Endlager wenige Auswirkungen hat. Ich persönlich halte die Auswirkungen für enorm. Das Endlager soll über mehrere tausend Jahre bestehen, die Auswirkungen auf unsere Umwelt sind derzeit nicht absehbar. Ebenso ist eine solche Anlage immer auch ein Sicherheitsrisiko. Hinzu kommt der mögliche Imageverlust für unsere bedeutende Tourismusregion.

So könnte das Eingangsbauwerk für ein Atomendlager unter dem Bözberg aussehen. Die Regionalkonferenz Jura Ost möchte es in der Nähe des PSI Villigen platziert haben.
So könnte das Eingangsbauwerk für ein Atomendlager unter dem Bözberg aussehen. Die Regionalkonferenz Jura Ost möchte es in der Nähe des PSI Villigen platziert haben. | Bild: NAGRA

Hätten Laufenburg oder andere deutsche Gemeinden beim Bau eines Endlagers Anspruch auf irgendeine Art von Ausgleich oder Entschädigung?

Der Schweizer Bund hat sich bislang zur Frage nach der Beteiligung der deutschen Seite an etwaigen Abgeltungen politisch sehr bedeckt gehalten. Die Gefahren und Beeinträchtigungen eines Atomendlagers machen jedoch vor keiner Landesgrenze halt. Ich denke, hier müsste die Bundesrepublik Deutschland aktiv von der Schweiz entsprechende Abgeltungen einfordern und gegebenenfalls auch über einen Staatsvertrag absichern, so dass schweizerische und deutsche Gemeinden gleich behandelt werden.

Bereits im Februar 2018 hat sich der Gemeinderat Laufenburg gegen ein Endlager im Bözberg ausgesprochen, ebenso weitere Gemeinderäte entlang der Grenze. Werden diese Stimmen in der Schweiz gehört und bewirken sie dort etwas?

Der Gemeinderat hat im Rahmen der Anhörung vor dem Bundesratsentscheid in seiner Stellungnahme verschiedene Punkte wie zum Beispiel den Grundwasserschutz angesprochen und in der Summe ein Endlager am Bözberg aufgrund der negativen Auswirkungen abgelehnt. Diese Stellungnahme wurde vom Bundesamt für Energie auch angenommen und bewertet. Dass die Schweizer Regierung aufgrund unserer Stellungnahme nun jedoch ihre Position ändert, war unwahrscheinlich und ist nun auch nicht eingetreten. Unabhängig davon hat man an den entsprechenden Stellen zur Kenntnis nehmen müssen, dass wir starke Bedenken gegen das Endlager haben und uns das Projekt große Sorgen bereitet. Und damit stehen wir nicht alleine da.

Mitglieder der Regionalkonferenz Jura Ost, die in der Stadthalle Laufenburg tagte.
Mitglieder der Regionalkonferenz Jura Ost, die in der Stadthalle Laufenburg tagte. | Bild: Horatio Göllin

Verschiedene deutsche Gemeinden, darunter Laufenburg und Murg, sind in der Regionalkonferenz Jura Ost vertreten, die das Verfahren zur Einrichtung eines Endlagers begleiten soll. Welche Möglichkeiten hat die Konferenz, Suche, Planung und Bau eines Endlagers zu beeinflussen?

Die Regionalkonferenz ist das Instrument des Schweizer Bundes, die betroffenen Gemeinden und die Bevölkerung im Rahmen eines Partizipationsprozesses über das geplante Endlager zu informieren. Die Information steht hier also klar im Vordergrund. Ebenso wird die Regionalkonferenz im Voraus vieler Entscheidungen angehört, so zum Beispiel bei der Platzierung der Oberflächenanlagen. Die Regionalkonferenz kann auch eigene Stellungnahmen zu den jeweiligen Gutachten und Verfahrensschritten abgeben. Die Entscheidungen zum Endlager werden jedoch an anderer Stelle getroffen.

Wie beurteilen Sie das Schweizer Sachplanverfahren zum Atomendlager grundsätzlich? Wäre es auch ein Vorbild für die Endlagersuche in Deutschland?

Den Ansatz, die Öffentlichkeit bei einem solch schwierigen Thema frühzeitig mit einzubinden, ist sicherlich richtig. Ob die jetzt praktizierte Verfahrensweise die Richtige ist, bezweifle ich allerdings immer mehr. Oft habe ich den Eindruck, dass es sich vielfach um eine Alibi-Übung handelt und unsere Sorgen nicht ernst genommen werden. Die Zusammensetzung der Regionalkonferenz ist darüber hinaus das Ergebnis eines politischen Kompromisses und deckt sich nicht mit unserer Betroffenheit auf deutscher Seite. Eine Blaupause für Deutschland kann das jetzige Verfahren deshalb sicherlich nicht sein. Ich würde mir wünschen, dass die Bundesrepublik für die eigene Endlagersuche hier aus den gemachten Fehlern lernt.

Bild: Michaela Geng

In der deutschen Öffentlichkeit – auch am Hochrhein ­– ist das Schweizer Atomendlager nur wenig präsent. Wie erklären Sie sich dieses relativ geringe Interesse?

Es ist bei Großprojekten dieser Art vermutlich immer so: Die wichtigen Entscheidungen werden zu einem Zeitpunkt getroffen, wo keine Betroffenheit spürbar ist. Das liegt vor allem daran, dass die Genehmigungsverfahren eine halbe Ewigkeit dauern. Bis zum Baubeginn des Endlagers werden vermutlich fast 50 Jahre vergangenen sein. Die Menschen bekommen in der Praxis also von den Genehmigungsverfahren wenig mit, wo sie noch Einfluss nehmen könnten. Und beim Baubeginn spüren die Menschen plötzlich die Auswirkungen, für eine Einflussnahme ist es dann aber zu spät. Beim Atomendlager kommt ein weiterer Faktor noch dazu: Es ist für uns ein Bauwerk, was wir so noch gar nicht kennen. Es fällt uns deshalb schwer, das Bauwerk mit einem anderen zu vergleichen und deshalb schon heute auch die Auswirkungen auf alles abschätzen zu können.

Schon jetzt befindet sich in Würenlingen südlich Waldshut das zentrale Schweizer Zwischenlager für atomare Abfälle. Ist ein Endlager im Bözberg nicht auf jeden Fall die bessere weil sicherere Lösung als das jetzige Zwischenlager?

Man kann diese Frage so eigentlich nicht beantworten. Ein atomares Zwischenlager und ein Atomendlager sind völlig verschiedene Bauwerke und haben einen völlig anderen Zweck. Von einem oberirdischen Zwischenlager gehen andere Gefahren als von einem Endlager aus. Das Endlager wird für die Ewigkeit gebaut. Viele Fragen des Betriebs, der Sicherheit, etc. sind hier noch gar nicht geklärt. Es besteht die Gefahr, dass das, was jetzt geplant wird, bis zum Baubeginn technisch völlig veraltet ist und neue Erkenntnisse vorliegen oder das unsere Nachfahren irgendwann vergessen, was im Endlager vergraben wurde, weil das Lager über tausende von Jahren für die Nachfahren z. B. nicht gekennzeichnet werden kann.

Fragen: Markus Vonberg