Kreishandwerksmeister Thomas Kaiser ist ein leidenschaftlicher Handwerker. Der Installateurmeister für Gas und Wasser führt seinen Sanitärbetrieb in Waldshut in der fünften Generation. Er erklärt, welche Berufe weniger und welche besonders beliebt sind.

1. Wie sieht die Situation im Landkreis Waldshut aus?

In ganz Deutschland sei die Stellenbesetzung rückläufig, nur im Landkreis Waldshut habe man immer ein leichtes Plus verzeichnen können. In diesem Jahr gab es mit einer Steigerung der Ausbildungsverträge von 20 Prozent sogar ein starkes Plus, erklärt der Kreishandwerksmeister. Dennoch sei die Situation nicht befriedigend. Denn mit der starken Konjunktur wachse auch die Zahl der Lehrstellen und damit auch jene der unbesetzten.

Kreishandwerksmeister Thomas Kaiser in seinem Sanitär-Fachgeschäft in der Rheinstraße in Waldshut.
Kreishandwerksmeister Thomas Kaiser in seinem Sanitär-Fachgeschäft in der Rheinstraße in Waldshut. | Bild: Verena Wehrle

2. In welchen Berufen ist es besonders schwer, Nachwuchs zu finden?

Die Vielfalt der Ausbildungsberufe im Handwerk ist groß, es gibt über 130. Weniger beliebt sind laut Thomas Kaiser die Ausbildungen zum Metzgerei- oder Bäckereifachverkäufer: „Schon in den Arbeitszeiten liegt der Hund begraben, denn beispielsweise als Bäcker muss man nachts um drei anfangen. Die jungen Leute wollen die gleichen Arbeitszeiten wie ihre Freunde. Da spielt das soziale Leben eine große Rolle.“

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3. Woran liegt das geringe Interesse an Handwerksberufen?

„Die Hauptentscheidung wird im Elternhaus getroffen. Der Gedanke, dass es dem Kind später gut gehen soll, ist oft mit einem Studienberuf verbunden“, sagt Kaiser. „Auf 4000 Architekturstudenten treffen 400 Maurerlehrlinge, so hat jeder Maurer auf der Baustelle zehn Architekten hinter sich stehen“, zeichnet Kaiser ein Bild, das die aktuelle Ausbildungssituation beschreibt. Das Verhältnis stimme nicht. „Wir brauchen auch Menschen, die das ausführen, was die Studierenden sich ausdenken“, so der Kreishandwerksmeister. „Wenn wir morgen niemanden mehr haben, der mit den Händen arbeitet, dann sieht‘s schlecht für uns aus.“

In der Werkstatt: Ein Mädchen im Blaumann hat sich für eine Ausbildung im Bereich Metallbearbeitung entschieden.
In der Werkstatt: Ein Mädchen im Blaumann hat sich für eine Ausbildung im Bereich Metallbearbeitung entschieden. | Bild: imago stock&people

4. Welche Rolle spielt die Abwanderung in die Schweiz nach der Ausbildung?

Das ist laut Thomas Kaiser ein großes Problem im Landkreis Waldshut. „Die Schweiz lockt unsere Facharbeiter mit exorbitanten Löhnen. Das ist unfair, weil sie unsere Ausbildungsarbeit klauen“, sagt der Installateurmeister. Ein Viertel aller Facharbeiter im Landkreis würden nach der Ausbildung in die Schweiz abwandern.

5. Doch was macht eigentlich den Reiz an einem Handwerksberuf aus?

„Handwerk ist Familie. Wir arbeiten in kleinen Teams, die Freundschaft ist stark. Und abends kommen wir nach Hause und sehen, was wir geschafft haben“, schwärmt Kaiser. Er betont die Vielfältigkeit und die Kreativität. „Ich möchte um nichts auf der Welt meinen Beruf mit einem Bürojob eintauschen“, betont der Installateurmeister.

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6. Welche Berufe sind besonders beliebt?

Kaiser selbst beschäftigt aktuell fünf Auszubildende als Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Dies sei ein beliebter Beruf, der an der neuen Berufsschule in Waldshut ausgebildet wird. Sie hat unter dem Dach der Bildungsakademie in Waldshut ihren Platz. In seinem Betrieb sei er aktuell nicht auf der Suche nach neuen Azubis. Beliebt seien auch die Berufe im Elektronik- und Metallbereich, noch beliebter sei die Ausbildung zum Kfz-Mechatroniker. Der Frisör gelte als der Beruf mit den meisten Lehrlingen.

7. Welche Voraussetzungen muss jeder mitbringen?

Für einen Beruf im Handwerk sei zwar ein Realschulabschluss von Vorteil, jedoch kein Muss, so Kaiser. Auch Azubis aus der Hauptschule oder gar aus Förderklassen werden regelmäßig angenommen und bekämen, wenn nötig, ausbildungsbegleitende Maßnahmen. Einen Einblick bekämen die jungen Leute in einem Betriebspraktikum, in dem sie das Handwerk hautnah erleben und herausfinden können, welche Berufe ihnen gefallen.

Im Salon: Die größte Gruppe der Lehrlinge bei den Handwerksberufen stellen auch im Kreis Waldshut die Friseure.
Im Salon: Die größte Gruppe der Lehrlinge bei den Handwerksberufen stellen auch im Kreis Waldshut die Friseure. | Bild: Britta Pedersen (dpa)

8. Welche Weiterbildungsmöglichkeiten gibt es?

Weiterbildungen gibt es zu Facharbeitern, Meistern und Betriebswirten, auch neben der Arbeit. In der Meisterschule in Waldshut-Tiengen werden etwa Maler und Schreiner weitergebildet, in Bad Säckingen die Arbeiter im Metallfach und in Singen die Kfz-Mechaniker sowie Anlagenmechaniker.

9. Wie viele Betriebe suchen eine Firmennachfolge?

Im Handwerk ist der überwiegende Teil der Firmen Familienbetriebe, so auch der Betrieb von Thomas Kaiser. Er führt das Sanitärgeschäft in der fünften Generation. Und er hat Glück: Sein Patensohn wird den Betrieb in einigen Jahren übernehmen. Doch so gut gelingt die Nachfolgeregelung nicht immer. Aktuell wird laut Kaiser in 60 Betrieben im Landkreis nach einem Nachfolger gesucht. „Viele Ein-Mann-Betriebe müssen für immer schließen“, beschreibt Kaiser die Problematik.

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Die niedrigsten und höchsten Verdienste in der Ausbildung im Handwerk

  • Der Niedrigverdiener: Schlecht verdienen Schornsteinfeger: erstes Lehrjahr 450 Euro, zweites Lehrjahr 510 Euro und drittes Lehrjahr 595 Euro, Durchschnitt: 518 Euro. Auch der beliebte Ausbildungsberuf Friseur zählt zu denen mit geringem Lohn: erstes Jahr 498 Euro, zweites Jahr 598 Euro, drittes Jahr 721 Euro, Durchschnitt: 606 Euro.
  • Der Mittel-Verdienst: In der Ausbildung zum Maler- und Lackier erhält man beispielsweise einen mittleren Verdienst. Im ersten Jahr sind dies 620 Euro, im zweiten 685 Euro und im dritten Jahr 850 Euro, Durchschnitt: 718 Euro.
  • Der Top-Verdiener: Den höchsten Lohn während der Ausbildung erhalten Maurer, Zimmerer, Trockenbaumonteure, Stuckateure, Straßenbauer, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger sowie Beton- und Stahlbetonbauer. Sie alle verdienen jeweils im ersten Lehrjahr 850 Euro, im zweiten 1200 Euro und im dritten 1475 Euro.
  • Die aussterbenden Berufe: Zu den aussterbenden Berufe zählen laut Thomas Kaiser der Sattler, der Schuhmacher, der klassische Portrait-Fotograf und der Seiler.

Quelle: Tabelle der Deutschen Handwerks-Zeitung, die sich auf Daten des Bundesministeriums für Berufsbildung beruft (Stand: Oktober 2018). Bei diesen Zahlen handelt es sich um den Verdienst in den alten Bundesländern. Thomas Kaiser macht deutlich, dass man die Verdienste nicht vergleichen könne, weil jede Arbeit andere Anforderungen und Risiken habe und deshalb auch unterschiedlich bezahlt werden müsse. Friseure erhielten außerdem Trinkgeld von ihren Kunden, was andere Auszubildende wiederum nicht oder nur unregelmäßig bekommen würden.