Heimat kann verbinden und begeistern – dies beweisen immer wieder Freilichtaufführungen, die – besonders in ländlichen Gegenden – die Geschichte und Kultur des eigenen Orts lebendig werden lassen. Was dort theaterbegeisterte Amateure mit oder ohne professionelle Unterstützung ehrenamtlich auf die Beine stellen, ist enorm. Was sie verbindet, sind die Neugier und Freude am Entdecken früherer Ereignisse in ihren Heimatorten und die Lust, sie mit schauspielerischen Mitteln im heimischen Dialekt darzustellen.

Ein Probenbild der Zeitschleuse.
Ein Probenbild der Zeitschleuse. | Bild: Ursula Freudig

Die lokale Verwurzelung, die Darstellung von Lebenswirklichkeit vor Ort, ist die große Stärke von Amateurtheatern, die sich dem Thema Heimat verschrieben haben. Hinzu kommt ihre integrierende, zusammenführende Funktion. Alle können mitmachen, vom Kind bis zum Senior. Dass diese Stärken eine große Anziehungskraft ausüben, zeigen auch Freilichtbühnen in unserer Region. Ein junger „Senkrechtstarter“ unter ihnen ist der Theaterverein Zeitschleuse in Ühlingen-Birkendorf, der im Klostergarten in Riedern am Wald spielt. Sein Motto ist „Geschichten von früher für Menschen von heute“.

Die Theatergruppe Zeitschleuse in Ühlingen widmet sich dem Heimattheater.
Die Theatergruppe Zeitschleuse in Ühlingen widmet sich dem Heimattheater. | Bild: Ursula Freudig

Im Juni 2016 – damals noch nicht im Verein organisiert – wurden zur Feier 1200 Jahre Ühlingen, mit durchschlagendem Erfolg Geschichten aus Ühlingen von 1889 bis 1947 gespielt. Rund 3000 Zuschauer haben nach Aussage von Regisseurin Corinna Vogt die Aufführungen gesehen. Ein-schließlich der Kindertheatergruppe Freudekids zählt der Verein derzeit rund 120 Mitglieder aus Riedern am Wald und Umgebung.

Die Vorsitzende Corinna Vogt vom Ühlinger Theaterverein Zeitschleuse führt auch Regie bei den Aufführungen.
Die Vorsitzende Corinna Vogt vom Ühlinger Theaterverein Zeitschleuse führt auch Regie bei den Aufführungen. | Bild: Ursula Freudig

Aktuell wird für die zweite Aufführung im nächsten Jahr geprobt. Einstudiert wird „Zwischen den Welten“, frei nach dem Buch „Die Amerikafahrt“ von Heinrich Ernst Kromer. Es thematisiert die Auswanderung von Riedernern Mitte des 19. Jahrhunderts nach Amerika im Zuge von bitterer Not und Ausweglosigkeit in der Heimat. Geschehnisse wie diese auf die Bühne zu bringen, kann das bewirken, was Theaterpädagoge Wolfgang G. Schmidt Theater-Erfahrungen nennt, die zur Horizonterweiterung beitragen können.

Dana Probst (links, 13) und Mariel Vogt (neun) spielen bei der Zeitschleuse mit. Die Integration der Jugend ist dem Zeitschleuse-Verein überaus wichtig.
Dana Probst (links, 13) und Mariel Vogt (neun) spielen bei der Zeitschleuse mit. Die Integration der Jugend ist dem Zeitschleuse-Verein überaus wichtig. | Bild: Ursula Freudig

„Zwischen den Welten“ macht bewusst, dass auch Deutsche sich einmal aufmachten, um woanders ein besseres Leben zu finden. Bereits jetzt ist die mediale Aufmerksamkeit für das Projekt groß. Seine professionelle Dimension wird besonders deutlich durch das authentisch nachgebaute Auswandererschiff aus Holz, das als Hauptkulisse dienen wird und demnächst getauft wird.

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Für die beiden Vorsitzenden der Zeitschleuse, Corinna Vogt und Kerstin Kaiser, ist das Spielen realer Ereignisse der eigenen Dorfgeschichte ein Erwecken der eigenen Vorfahren zu neuem Leben. Dass dafür gründliche Recherche nötig ist, um möglichst originalgetreu zu arbeiten, ist für beide – in Würdigung des Lebens dieser Vorfahren – oberstes Gebot.

Das Dogerner Kom(m)ödle bringt jedes Jahr im Sommer ein Stück auf die Bühne des "Hirschen". Prominenter Schauspieler ist Landrat Martin Kistler (sitzend, rechts).
Das Dogerner Kom(m)ödle bringt jedes Jahr im Sommer ein Stück auf die Bühne des "Hirschen". Prominenter Schauspieler ist Landrat Martin Kistler (sitzend, rechts). | Bild: Doris Dehmel

Während die Zeitschleuse für die Aufführungen 2019 probt, haben vier weitere Freilichtbühnen ihre diesjährigen Aufführungen beendet. Alle mit großem Erfolg. Während das Kom(m)ödle in Dogern im Hof des "Hirschen" mit einer Komödie unterhielt, spielten die drei anderen Ereignisse aus der eigenen Geschichte.

Auch Landrat Martin Kistler (links) steht regelmäßig auf der Bühne, wie beim Dogerner Kom(m)ödle in seiner Heimatgemeinde. Auch bei den Domfestspielen in St. Blasien (im Bild) hatte er – neben anderen Bürgermeistern aus der Region – einen Auftritt.
Auch Landrat Martin Kistler (links) steht regelmäßig auf der Bühne, wie beim Dogerner Kom(m)ödle in seiner Heimatgemeinde. Auch bei den Domfestspielen in St. Blasien (im Bild) hatte er – neben anderen Bürgermeistern aus der Region – einen Auftritt. | Bild: privat

Jeweils rund 1600 Besucher sahen die fünf Aufführungen von „Säulen der Hoffnung“ bei den Domfestspielen in St. Blasien. Rund 250 Ehrenamtliche wirkten mit. Die Domfestspiele in der jetzigen Form finden in Trägerschaft der Stadt St. Blasien seit 1997 im Fünfjahres-Rhythmus statt.

Zum Waldshuter Heimatfest Chilbi gehört Theater fest dazu. Beim Bürgertheater am Heimatabend wirken rund 200 Personen mit.
Zum Waldshuter Heimatfest Chilbi gehört Theater fest dazu. Beim Bürgertheater am Heimatabend wirken rund 200 Personen mit. | Bild: Theresia Rüdiger

Mit rund 900 Zuschauern und mehr als 200 Mitwirkenden war das diesjährige Chilbi-Bürgertheater in Waldshuts Kaiserstraße ein Spektakel. Gestaltet wird es von den Waldshuter Traditionsvereinen und der Theaterwerkstatt Heidelberg.

Theaterpädagoge Wolfgang G. Schmidt führt Regie beim Waldshuter Chilbi-Theater.
Theaterpädagoge Wolfgang G. Schmidt führt Regie beim Waldshuter Chilbi-Theater. | Bild: Ursula Freudig

Wie der Strom in den Hotzenwald kam, zeigte die Freilichtbühne Klausenhof Herrischried-Großherrischwand, die seit 1983 besteht und rund 60 Mitglieder hat. Laut der Vorsitzenden Yvonne Fischer-Lueg besuchten mehr als 2000 Menschen die acht Aufführungen. Authentisch gespielte Vergangenheit der Heimat war und ist ein Publikumsmagnet. „Genau so war's“, ist ein typischer Kommentar von Besuchern, die das dargestellte Ereignis selbst erlebt haben.

Die Schiffstaufe des Theatervereins Zeitschleuse mit Bewirtung und Programm ist am Samstag, 29. September, 16 Uhr, im Klostergarten in Riedern am Wald. Weitere Termine und Infos stehen im Internet (www.zeitschleuse.com).

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"Den eigenen Horizont erweitern"

Der Theaterpädagoge Wolfgang G. Schmidt ist Gründer (1992) und Leiter der Theaterwerkstatt Heidelberg (www.theaterwerkstatt-heidelberg.de), die eine Brücke zwischen theaterbegeisterten Menschen als „Experten des Alltags“ und der professionellen Theaterwelt herstellt. Er hat vor wenigen Wochen zum 15. Mal beim Waldshuter Chilbi-Bürgertheater Regie geführt.

Herr Schmidt, kann man sagen, dass immer mehr Menschen in ihrer Freizeit als Laienschauspieler ehrenamtlich auf der Bühne stehen und Theater spielen?

Ja. Das hat aber weniger damit zu tun, dass sich Menschen heute häufiger gern im Rampenlicht sehen. Sie erkennen vielmehr, dass keine andere Methode so sehr Körper, Geist und Seele fordert und fördert wie das Theaterspielen. Sie erkennen, dass die Auseinandersetzung mit sich, mit anderen und zugleich mit dem Thema, nirgends so tiefgreifend und authen-tisch ist, wie im Umgang mit Theater. Auf der Bühne ist der Mensch Geschöpf und Schöpfer zugleich. Das ist einzigartig. Theaterspielen ermöglicht Erfahrungen und Erkenntnisse, die den eigenen Horizont erweitern können und zugleich Erfahrungen vom Ich zum Du zum Wir und umgekehrt bringen. Werden derartige Erlebnisse in der Gruppe reflektiert, können diese zum Weltfrieden beitragen. Schiller sagte schon, der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.

Im Waldshuter Chilbi-Bürgertheater und auch in anderen hier vorgestellten Theatern bringen Bürger Themen aus ihrer Vergangenheit auf die Bühne. Ist Heimattheater der passende Ausdruck für diese Theaterform?

Heimattheater ist kein klar definierter Begriff. Es muss nicht zwangsläufig die Geschichte und Kultur des eigenen Orts aufgegriffen werden. Ein Theater, das das Thema Heimat aufgreift, kann auch persönliche Themen der Bürger im Sinne von biografischem Theater bearbeiten. Oder wenn ein Verein ein Lustspiel in der hiesigen Mundart spielt, ist das ebenfalls Theater mit heimatlichem Bezug.

Glauben Sie, dass die zu beobachtende Theaterlust an der eigenen Geschichte – allgemein ausgedrückt an Heimat – auch eine Reaktion auf globalisierte Zeiten ist?

Nein, eher nicht. Denn darum geht es nicht. Die Besinnung auf das eigene Selbst, auf Heimat im Sinne von „Wo komme ich her, wo gehe ich hin?“, war schon immer abhängig von der Fähigkeit einer gewissen Selbstreflexion und dem Bildungsgrad. Heimat ist für jeden etwas anderes. Aber gerade in einer globalisierten Welt ist es wichtig, dass jeder seinen eigenen Heimatbegriff findet. Hierfür halte ich Theater für eines der besten Mittel, denn es macht sichtbar und hält den Spiegel vor und ermöglicht so Reflexion und Verortung.

Stiftet das Spielen der eigenen Ortsgeschichte und, damit verbunden, der Blick auf die Herkunft der Ortsbewohner Gemeinschaft?

Ja, unbedingt. Auf der Theaterbühne wird Geschichte gelebt, sie ist zum Greifen nah, emotional und sinnstiftend. Die Bilder, die der Zuschauer wahrnimmt, können mit anderen geteilt werden und bestenfalls reflektiert werden. Sie sind Material für das Gespräch, sind identitätsstiftend und schaffen vielschichtig Vertrauen im Miteinander.