Monika Olheide: Hallo Markus, immer öfter sehe ich Menschen, die beim Spaziergang herumliegenden Müll am Wegesrand und auf öffentlichen Plätzen aufheben und entsorgen. Manche nehmen sogar extra eine Mülltüte mit. Es scheint, dass der Trend von den Küstengebieten mit den so genannten „Cleanups“ oder auch das „Plogging“ aus Schweden, nun den Hochrhein erreicht. Ich finde das klasse! Was hältst du davon?

"Müllsammeln geht auch ohne Facebook-Likes"

Markus Baier: Hallo Monika, ganz ehrlich: Natürlich stört es mich genauso, wenn ich spazieren gehe, und an verschmutzten Grillplätzen vorbeikomme oder über Unrat am Wegesrand hinwegsteigen muss. Aber muss man denn wirklich aus allem eine Trendsportart für soziale Netzwerke machen? Es sollte doch selbstverständlich sein, den Müll wegzuräumen, den man selbst verursacht hat. Schließlich kann man die allermeisten Dinge kostenlos auf dem Recyclinghof entsorgen. Und das geht auch, ohne Applaus dafür zu erhalten. Und wer glaubt, sich nicht an solche Spielregeln halten zu müssen, sollte eben zur Verantwortung gezogen werden. Es kann doch nicht angehen, dass irgendwelche Leute kommen und sich des Unrats annehmen müssen, oder wie siehst du das?

ARCHIV – 20.11.2015, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Am Ostseestrand Hohe Düne sammeln Aktivisten Müll. Naturschützer wollen am Wochenende Deutschlands Strände sauber machen. (zu dpa "Naturschutzbund ruft zum Küstenputz an Nord- und Ostsee auf") Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit
ARCHIV – 20.11.2015, Mecklenburg-Vorpommern, Rostock: Am Ostseestrand Hohe Düne sammeln Aktivisten Müll. Naturschützer wollen am Wochenende Deutschlands Strände sauber machen. (zu dpa "Naturschutzbund ruft zum Küstenputz an Nord- und Ostsee auf") Foto: Bernd Wüstneck/dpa-Zentralbild/dpa +++ dpa-Bildfunk +++ | Verwendung weltweit | Bild: Bernd Wüstneck

Monika Olheide: Ich gebe dir Recht, dass der Müll da gar nicht erst liegen sollte und jeder eigenverantwortlich schauen sollte, etwaige Hinterlassenschaften selbst zu entfernen. Und was ich auch komplett daneben finde, sind immer wieder diese Fotos, die gleich jammernd ins Internet gestellt werden, gefolgt von zig Kommentaren mit dem immer gleichen Inhalt. Mein Favorit ist ja: „Früher hätten wir uns das nicht getraut.“ In der Zeit, die in das Fotografieren, Posten, Liken und Kommentieren investiert wird, wäre längst aufgeräumt. Aber trotzdem ist es natürlich ungerecht, wenn man selbst darauf achtet, seinen Müll zu entsorgen, und andere nicht. Wie würdest du dieses Problem denn angehen?

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Markus Baier: Auch ich halte Handeln immer für besser. Das geht auch ganz geräuschlos und ohne in sozialen Netzwerken herumjammern zu müssen. Aber dass sich jemand gezwungen sieht, beispielsweise auf einem Grillplatz die Hinterlassenschaften anderer wegzuräumen, sollte die Ausnahme sein und nicht die Regel. Es kann doch nicht so schwer sein, ein paar Müllsäcke mitzunehmen, wenn man ein Grillfest organisiert. Das könnten auch diejenigen zur Bedingung machen, die die Grillplätze vermieten. Das wären häufig die Gemeinden. Und wenn es nicht funktioniert, müssen die Vermieter eben härter durchgreifen.

Das kann ganz schön teuer werden: In Bad Säckingen kostet das Wegwerfen von Zigarettenkippen 20 Euro pro Stück.
Das kann ganz schön teuer werden: In Bad Säckingen kostet das Wegwerfen von Zigarettenkippen 20 Euro pro Stück. | Bild: Baier, Markus

Monika Olheide: Generell finde ich diese Idee nicht schlecht, aber wäre das nicht ein immenser Aufwand? Ich müsste also zu Rathaus-Zeiten anmelden, wenn ich am Wochenende irgendwo grillen möchte? Eventuell einen Antrag stellen, oder mich sogar in eine Warteliste eintragen lassen? Hier vermisse ich ein bisschen die Spontaneität. Außerdem: Was würdest du machen, wenn Leute, die nicht angemeldet waren, danach den Platz nutzen und zumüllen? Dann ist der, der offiziell angemeldet ist, in der Pflicht. Verriegeln scheint mir keine Lösung. Wie würdest du dieses Problem lösen wollen?

Markus Baier: Klar, Spontaneität bleibt natürlich auf der Strecke. Aber irgendwo muss man doch anfangen. Sicher gibt es ein paar Unwägbarkeiten zu beachten. Was den Nachweis anbelangt, könnte man ja einfach ein Foto machen, wenn man den Platz aufgeräumt hat. Falls noch jemand danach kommt und Unordnung macht, kann ich meine Unschuld relativ leicht beweisen. Und sofern ich das Grillplatzgelände nicht abschließen kann, bin ich dann eben auch nicht mehr in der Verantwortung. Dann müsste eben der Grillplatz-Besitzer dafür sorgen, dass die Verursacher ausfindig gemacht werden.

"Die Frage ist, was die Umwelt der Gesellschaft wert ist"

Monika Olheide: Hast du dir mal Gedanken darüber gemacht, wie teuer und aufwendig das wäre? Es ist eben die Frage, wie viel uns als Gesellschaft die Umwelt wert ist… Wo ich dir zustimme: Die Strafen für Umweltvergehen sind zu niedrig. Was kostet es denn beispielsweise in Bad Säckingen, einen Grillplatz vermüllt zurückzulassen, wenn man erwischt wird?

Markus Baier: Das lässt sich so pauschal nicht sagen. Zuerst muss man mal jemanden erwischen und ihm das Vergehen auch nachweisen können. Das stellt sich in der Praxis wohl als ziemlich schwierig heraus. Das heißt dann: Wenn ein öffentlicher Grillplatz vermüllt wurde, rücken die Mitarbeiter des technischen Diensts an und räumen auf. Wird kein Verantwortlicher ausfindig gemacht, zahlen wir praktisch alle mit, denn das wird über Gebühren finanziert. Dann fehlt halt Geld an anderer Stelle. Übrigens: Wenn es sich bei dem vermüllten Grundstück um Privatbesitz handelt, ist der Grundstücksbesitzer für die Entsorgung verantwortlich.

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Monika Olheide: Ganz schlimm finde ich es ja auch, wenn Leute Fastfoodverpackungen einfach aus dem Autofenster werfen. Warum machen die das? Das macht ja die Sache selbst für freiwillige Müllsammler schwierig. Ist es so schwierig, den Müll zuhause zu entsorgen? Oder der Fall von vollen Hundekottüten, die einfach ins Gebüsch geworfen werden. Hundekot an sich verrottet ja schon nicht so gut – abewelche Logik steckt dahinter, ein Häufchen erst noch in Plastik einzuwickeln, was ja noch viel länger braucht, um zu verrotten? Vielleicht ist das Problem der wilden Müllentsorgung sogar ein Zeichen eines Werteverfalls? Dass immer mehr Menschen nur noch an sich denken? Wie können wir lernen, rücksichtsvoller mit der Natur und auch miteinander umzugehen?

Nicht nur hier stört Müll im Schilf die Naturidylle. Viele Menschen werfen wie selbstverständlich ihren Unrat aus dem Autofenster.
Nicht nur hier stört Müll im Schilf die Naturidylle. Viele Menschen werfen wie selbstverständlich ihren Unrat aus dem Autofenster. | Bild: Baier, Markus

"Es hapert offenbar bei vielen bei der Grundhaltung"

Markus Baier: Vielleicht müsste man grundsätzlich viel früher ansetzen. Im Kindergarten und in der Schule sollte das Thema Umweltschutz wesentlich stärker thematisiert werden. Man muss den Menschen ganz deutlich vor Augen führen, was Sie damit anrichten, wenn Sie sich nicht an ein Mindestmaß an Spielregeln halten. Denn die Folgen sind ja oft wirklich dramatisch. Der Müll verrottet nicht, die Überreste geraten in Bäche oder Tiere machen sich darüber her. Möglich, dass viele Leute trotz allem, was man in Nachrichten sieht und liest, immer noch nicht begreifen, was sie da anrichten. Insofern muss gezielt etwas unternommen werden, um die Grundhaltung in der Gesellschaft zu ändern.

Monika Olheide: Ich denke, da kann sich jeder leider selbst beobachten. In Sachen Umgang mit unserer Umwelt hat wahrscheinlich jeder von uns noch Luft nach oben. Deshalb finde ich Aktionen wie Stadtputzeden so toll. Aber wenn jeder das zum Umweltschutz beitragen, was er selbst ganz persönlich leisten kann, wäre schon viel gewonnen. Vor diesem Hintergrund könnte ich auch mit den Leuten leben, die den Müll nur aufsammeln, um von anderen gelobt, geliked oder anerkannt zu werden. Denn unterm Strich zählt das Ergebnis.

Auch unschön: Die Vesper-Tüte auf dem Rasen.
Auch unschön: Die Vesper-Tüte auf dem Rasen. | Bild: Baier, Markus

Markus Baier: Sicher, ehrenamtlicher Einsatz für eine gute Sache ist nie verkehrt und immer lobenswert. Aber ich denke, wenn sich jeder ein bisschen an die eigene Nase greifen würde, wäre dieser Einsatz vielleicht gar nicht notwendig. Es ist halt wie bei vielen Problemen im Alltag: Die Lösung wäre ganz einfach. Es scheitert halt wie so oft an der Bequemlichkeit. Und andere müssen es dann ausbügeln.

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