Frau Erdmann, das Coronavirus ließ der VHS Waldshut-Tiengen keine andere Wahl, als den Lehrbetrieb zu unterbrechen, oder?

Die Unterbrechung des Lehrbetriebs war aufgrund einer Verordnung der Landesregierung über infektionsschützende Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Coronavirus alternativlos. Die Gesundheit aller geht vor. Die Entscheidung seitens der Stadt Waldshut-Tiengen, alle Schulen und Bildungseinrichtungen zu schließen, wurde am 13. März getroffen, als der Inhalt der Landesverordnung bereits bekannt war. Der Lehrbetrieb an unserer VHS ruht seit dem 16. März. Das VHS-Team hat die Teilnehmenden sowie die Lehrkräfte offiziell informiert. Auch auf unserer Homepage, in der Zeitung sowie im Mitteilungsblatt der Stadt Waldshut-Tiengen konnten wir die Information bekanntgeben. Aber ich möchte in diesem Zusammenhang betonen, dass es sich nicht um eine grundsätzliche Streichung der VHS-Veranstaltungen handelt, sondern um eine Unterbrechung.

Wie viele Kurse sind momentan unterbrochen und wie haben Ihre Kunden darauf reagiert?

Wir mussten 85 Kurse unterbrechen und 14 Einzelveranstaltungen komplett absagen. Wir haben schon Anfang März, also vor der Unterbrechung des gesamten Lehrbetriebs, zahlreiche Anrufe und Mails von Teilnehmenden erhalten, die verunsichert und besorgt waren, ob ein Kursbesuch aus gesundheitlichen Gründen noch zu vertreten ist. Wir haben ja auch eine Fürsorgepflicht und hatten daher in diesem Zeitraum schon Einzelfallentscheidungen getroffen, zum Beispiel eine Veranstaltung abgesagt, deren Lehrkraft zuvor in einem Risikogebiet gewesen war. Nach der endgültigen Entscheidung, den Kursbetrieb zu unterbrechen, sind wir daher ausnahmslos auf Verständnis und wohl auch Erleichterung gestoßen.

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Was ist, wenn die Unterbrechung der Kurse sehr lange dauert?

Zum jetzigen Zeitpunkt können wir das weitere Vorgehen noch nicht abschließend festlegen, da zu viele Unbekannte im Spiel sind. Laut offizieller Verordnung sind die Bildungseinrichtungen zunächst bis zum 19. April definitiv geschlossen. Sollte Ende April der Betrieb wieder in vollem Umfang aufgenommen werden dürfen – wovon wir aber nicht ausgehen können – hätten wir eventuell die Möglichkeit, die ausgefallenen Unterrichtsstunden nachzuholen. Sollte der Kursbetrieb nach dem 19. April weiter ruhen müssen, so werden einige Kurse sicher für den Rest des Semesters komplett abgesagt werden müssen. Unsere Kursleitenden und unsere Teilnehmenden werden wir umgehend informieren, sobald Klarheit herrscht. Selbstverständlich zahlen unsere Teilnehmenden die Kursgebühren nur für die Unterrichtszeit, die auch tatsächlich stattgefunden hat.

Wie gehen Ihre Dozenten mit der Situation um?

Unsere Dozenten und Dozentinnen haben ausnahmslos mit großem Verständnis reagiert. Man darf aber nicht vergessen, dass unsere Kursleitenden ohne Ausnahme Honorarkräfte sind und somit für die Zeit der Zwangspause keine Honorarzahlungen erhalten. Für einige von ihnen ist der ruhende Lehrbetrieb somit auch eine Frage der Existenzsicherung. Wir sind froh, dass die Politik da eine entsprechende Lösung für Solo-Selbstständige auf den Weg gebracht hat. Besonders zu loben ist es, dass einige Kursleitende ihre Teilnehmenden während der Zwangspause freiwillig auf digitalem Wege mit Lernmaterialien versorgen, damit diese ihren Lernprozess nicht zu lange unterbrechen müssen. Dieser Service wird nicht nur von den Teilnehmenden, sondern auch von uns sehr geschätzt, zumal die Lehrkräfte dafür nicht bezahlt werden.

Sind Ihre Geschäftsstellen weiterhin besetzt?

Ja. Allerdings ist das VHS-Team mit Geschäftsführerin Cindy Fehrenbacher, Gertrud Falkenstein, Nathalie Mittermaier und mir nur noch per Telefon oder E-Mail erreichbar. Persönliche Besuche sind zurzeit nicht möglich. Aber wir stehen zu den regulären Öffnungszeiten für alle Anfragen zur Verfügung.

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Die „Zwangspause“ ist organisatorisch sicher eine große Herausforderung, oder?

Ja, alle Teilnehmenden und Kursleitenden über den ruhenden Lehrbetrieb zu informieren, gegebenenfalls Rechnungen auf die gekürzten Kurse anzupassen und gezahlte Gebühren anteilig zurückzuerstatten, neue Termine für abgesagte Einzelveranstaltungen wie zum Beispiel Gesundheitsvorträge, Kochkurse, Live-Reportagen zu fixieren, waren, sind und werden Herausforderungen bleiben. Außerdem müssen wir Entscheidungen über das weitere Vorgehen treffen und danach alle am VHS-Geschehen Beteiligten darüber informieren. Gleichzeitig sehen wir die aktuelle Situation aber auch als Chance für neue Wege.

Welche neuen Wege meinen Sie?

Wir sind vor Kurzem der vom Deutschen Volkshochschulverband initiierten VHS.Cloud beigetreten, um in Zukunft den Unterricht um digitale Elemente erweitern zu können. Die Zeit hierfür ist günstig, auch wenn die entsprechenden Plattformen technisch an ihre Grenzen zu kommen scheinen, weil das Interesse zurzeit riesig ist.

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Blickt das VHS-Team schon auf nächste Saison?

Die Planungen für die nächste Saison haben wir ein wenig vorgezogen. Wir arbeiten bereits verstärkt am neuen Programm. Der Druck des Programmhefts soll wie üblich erfolgen und wir freuen uns, wenn wir es wie üblich Ende August der Öffentlichkeit präsentieren können. Darüber hinaus nutzen wir die Zwangspause, um systematisch Bestandspflege in unserer Verwaltungsdatenbank zu betreiben. Dies zählt zu den Aufgaben, die im Alltagsgeschäft immer zu kurz kommen.

Welche finanziellen Auswirkungen hat die aktuelle Situation auf die VHS?

Da es offen ist, wann wir den Lehrbetrieb wiederaufnehmen können, ist das im Moment schwer zu sagen. Unsere Geschäftsführerin Cindy Fehrenbacher hat unter der Prämisse, dass wir „nur“ drei Wochen Zwangspause einlegen, erste Zahlen zusammengestellt. Danach gehen wir davon aus, dass uns rund 10.000 Euro fehlen werden.

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Die VHS ist eine Einrichtung der Stadt Waldshut-Tiengen, wie unterstützt die Stadt die VHS in dieser schwierigen Zeit?

Zunächst einmal hatten wir schon vor der Unterbrechung des Lehrbetriebs stets kompetente Ansprechpartner bei der Stadt, die uns bei Bedarf tagesaktuell mit Informationen und Einschätzungen versorgt und mit Rat und Tat zur Seite gestanden haben. Dieses Kompetenzzentrum steht uns in Form des ins Leben gerufenen Verwaltungsstabs unter der Leitung des Ordnungsamtsleiters weiterhin ständig zur Verfügung. Die uns von der Stadt gestellten Räumlichkeiten in Waldshut erlauben uns durch die Einzelbüros, unsere Arbeit in den Geschäftsstellen unter den erforderlichen Empfehlungen des Mindestabstands und der Hygienemaßnahmen weiterhin auszuüben. Eine große Hilfe ist in diesen Zeiten für uns auch der VHS-Verband Baden-Württemberg, der wertvolle Empfehlungen gibt. Auch der Austausch mit den benachbarten Volkshochschulen am Hochrhein unterstützt uns bei der Entscheidungsfindung.

Wie gehen Sie und Ihre Kolleginnen ganz persönlich mit der Situation um?

Es ist für uns wie für alle Menschen auf der Welt eine Ausnahmesituation, mit der wohl niemand gerechnet hat. Es gilt, die Waage zu halten zwischen der nötigen Vorsicht und einer gesunden Portion Optimismus. Erstes setzen wir um, indem wir Abstand halten, um uns und andere nicht zu gefährden. Dennoch versuchen wir, optimistisch zu bleiben, was sich auch daran zeigt, dass die Planungen für die kommende Saison auf Hochtouren laufen. Ob bis zum Herbst die Normalität wieder eingekehrt ist, das kann wohl niemand sagen. Ich möchte an dieser Stelle dem SÜDKURIER herzlich für die Gelegenheit danken, die Situation der VHS in diesem Rahmen darlegen zu können.

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