Susann Duygu-D‘Souza beim Telefoninterview mit Thomas Kummle.
Susann Duygu-D‘Souza beim Telefoninterview mit Thomas Kummle. | Bild: privat

Herr Kummle, Sie waren über 14 Jahren lang Präsident des Amtsgerichtes in Freiburg, einem der größten in Baden-Württemberg. Ihre Anfänge hatten Sie allerdings 1986 in Waldshut-Tiengen. Was hat sich Ihrer Meinung nach in der Justiz in den über 30 Jahren Ihrer Tätigkeit grundsätzlich verändert?

Die Informations- und Kommunikationstechnologie hat – wie andere Lebensbereiche auch – den Arbeitsplatz in der Justiz stark verändert. Bis Ende der 80-er Jahre gab es in Waldshut-Tien­gen – wenn auch wenige – Sachbearbeiter, die Texte zur Mitschrift in Steno diktierten oder ihre Entscheidungen handschriftlich verfassten. Über das Diktat auf Band und das digitale Diktieren, dann die Spracherkennung sowie Fachanwendungsprogramme mit Textbausteinen, weiter über den elektronischen Rechtsverkehr bis hin zur elektronischen Akte gab es eine rasante Entwicklung. Außer der Arbeitsplatzsituation hat sich das Selbstverständnis der Justiz hin zum Dienstleistungsgedanken gewandelt. Beim Grundbuchamt oder beim Registergericht oder beim Nachlassgericht liegt dies noch nahe, aber etwa auch in Zivilrechtsverfahren zeigt sich dies: Der Gesetzgeber hat beispielsweise im Jahr 2012 das Güterichterverfahren, also die Streitbeilegung durch Mediation oder alternative Methoden, durch eine Gesetzesänderung gefördert; dies ist eine kostenlose Zusatzleistung der Justiz. In Strafverfahren ist in diesem Zusammenhang etwa das Modell Täter-Opfer-Ausgleich zu nennen.

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Was muss man Ihrer Meinung nach für den Beruf des Richters mitbringen?

Der Beruf der Richterin beziehungsweise des Richters erfordert zu allererst eine ausgezeichnete juristische Qualifikation. Das Ministerium als personalverwaltende Stelle für den höheren Dienst setzt für eine Einstellung weit überdurchschnittliche Staatsexamina voraus. Heruntergebrochen auf einzelne Grundfähigkeiten halte ich eine hohe sprachliche Kompetenz und logisches Denkvermögen für wichtig. Ein großes Allgemeinwissen ist immer von großem Vorteil ebenso wie eine Begeisterungsfähigkeit für neue Dinge.

Als Präsident des Amtsgerichtes mussten Sie auch viele Verwaltungs-Aufgaben übernehmen. Haben Sie das gern gemacht und können Sie kurz umreißen, was dabei zu Ihren Aufgaben zählte?

Meine richterliche Tätigkeit nahm in der Tat nur noch rund 25 Prozent in Anspruch, Verwaltungsaufgaben machten etwa 75 Prozent meiner Arbeitskraft aus. Am Amtsgericht Freiburg sind rund 280 Richter, Beamte, Angestellte und Auszubildende beschäftigt. Dies erfordert eine entsprechend große Personalverwaltung. Diese Aufgabe habe ich sehr gerne wahrgenommen.
Es gab in meiner Dienstzeit mehrere große organisatorische Änderungen. So wurde beispielsweise das Amtsgericht Freiburg ab Januar 2007 mit der Führung des Handelsregisters für ganz Südbaden und damit auch für den Landgerichtsbezirk Waldshut-Tiengen zuständig. Eine entsprechende Zentralisierung ist ab dem Jahr 2015 auch für die Registrierung der Vereine erfolgt. Ungefähr 37.000 Firmen und 18.000 Vereine sind seither im Registergericht des Amtsgerichts Freiburg zentral erfasst. Eine ganz spezielle Aufgabe nimmt der Präsident des Amtsgerichts Freiburg für das ganze Land Baden-Württemberg wahr. Er ist zuständig für in EU-Verordnungen und Abkommen geregelte Rechtshilfeersuchen in Zivilsachen. Darunter fällt insbesondere die Zustellung von in den USA erhobenen Klagen gegen in Baden-Württemberg ansässige Unternehmen. Dabei gingen Klagen mit für das deutsche Recht unvorstellbar hohen Forderungen – auch Milliardenbeträge – über meinen Schreibtisch.

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Was lag Ihnen immer besonders am Herzen?

Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf lag mir sehr am Herzen – dies vor allem, da die Frauenquote mit über 70 Prozent sehr hoch war. Die Einrichtung zweier Justiz-Kitas in den Jahren 2012 und 2013 war ein wichtiger Beitrag für die Berufsausübung von Eltern. Dem gleichen Ziel diente die großzügige Praxis bei der Gestaltung von Teilzeitarbeitsplätzen. Sehr wichtig war für mich die Presse- und Öffentlichkeitsarbeit: Galt zu Bismarcks Zeiten noch „Je weniger die Leute davon wissen, wie Würste und Gesetze gemacht werden, desto besser schlafen sie“, so hinterfragen die Menschen und insbesondere auch die Medien heute die Dinge. Auch die Justiz reagiert darauf zunehmend und erklärt sich. Beim Amtsgericht Freiburg haben wir nicht nur mit Presseerklärungen, sondern auch mit zahlreichen Informationsveranstaltungen, dem Internetauftritt, Informationsflyern und vielem anderen mehr dazu beigetragen.

Gibt es einen Fall, der Sie bis heute beschäftigt?

Es gibt natürlich viele Fälle – auch unaufgeklärte schwerste Straftaten – an die man denkt. Erfreulich sind die Erinnerungen an Güterichterverfahren, weil diese in aller Regel mit einer gütlichen Einigung sowie in einer guten und entspannten Atmosphäre endeten.

Können Sie ein Beispiel nennen?

In einem Erbfall stritten die fünf Kinder des verstorbenen Vaters über die Teilung des Nachlasses. Es gelang mir in der Verhandlung, die streitigen Nachlassgegenstände einvernehmlich auf fünf Lose zu verteilen und danach jeden Erben ein Los ziehen zu lassen. Alle gingen nach dieser Aufteilung friedlich und glücklich auseinander. Zu meiner Überraschung rief mich einige Wochen später der Rechtsanwalt einer Partei an und wollte bezüglich weiterer aufgetauchter Nachlassgegenstände eine weitere Verlosung bei mir abhalten, weil es das letzte Mal so gut geklappt habe. Dies musste ich ablehnen, weil das gerichtliche Verfahren abgeschlossen war.

Wann stand für Sie fest, dass Sie in die Justiz möchten? Wollten Sie immer schon Richter werden? Gab es ein einschlägiges Erlebnis, dass Sie dazu bewogen hat?

Ich habe mich schon in der Schulzeit für das Jura-Studium interessiert und mich an Schnuppertagen an der Universität voll auf rechtswissenschaftliche Vorlesungen konzentriert. Ein Anstoß gab etwa mein Verfahren auf Kriegs- bzw. Wehrdienstdienstverweigerung. Nach der damaligen Rechtslage war ein Prüfungsverfahren zu durchlaufen, das ich nicht nur wegen des für mich negativen Ausgangs als ungerecht empfand. Der Richterberuf stand zunächst aber nicht im Vordergrund. Ein juristisches Studium bietet viele berufliche Möglichkeiten und erfordert keine frühzeitige Festlegung. In meiner juristischen Ausbildung lag das Schwergewicht im Wirtschafts- und Steuerrecht und eine freiberufliche Tätigkeit war konkret. So habe ich beispielsweise neben dem Studium einen Steuerbevollmächtigtenkurs absolviert und später eine Dissertation zur Pflicht- und Monopolgebäudeversicherung verfasst.

Sie sind täglich von Waldshut-Tiengen nach Freiburg gependelt? War es nie eine Option, nach Freiburg zu ziehen?

Nein, ich bin nicht täglich gependelt. Mein Amt erforderte eine hohe Präsenz in Freiburg, weshalb ein tägliches Pendeln für mich nicht infrage kam. Ich unterhielt deshalb eine kleine Wohnung in Freiburg. Letztlich bin ich in Waldshut-Tiengen sehr glücklich, und dies gilt auch für meine ganze Familie.

Seit Ende Juni sind Sie nun im Ruhestand. Wie sah Ihr erster „freier Tag“ aus?

Der 1. Juli war nicht ganz frei – ich begann mit der Räumung meines Dienstzimmers. Wie bei jedem Umzug galt es, sich von vielem zu trennen und der Papierkorb wurde mein bester Mitarbeiter.

Gibt es Projekte, denen Sie sich jetzt in Ihrem Ruhestand widmen wollen?

Ja. Seit bald zwei Jahren bearbeite ich ein Projekt „NS-Justiz in Freiburg“, das ich als Dauerausstellung in den Räumen des Amtsgerichts Freiburg einrichten möchte. Es war bereits bekannt und durch eine Gedenktafel dokumentiert, dass in der NS-Zeit das Sondergericht Freiburg im Gebäude des heutigen Amtsgerichts Freiburg seinen Sitz hatte. Dieses Gericht hielt auch auswärtige Sitzungen in Waldshut-Tiengen ab. Das Gericht verhängte drakonische Strafen und dabei allein in Waldshut-Tiengen vier Mal die Todesstrafe. Im Rahmen meiner Forschung in zahlreichen Archiven stellte sich zudem heraus, dass auch das Reichskriegsgericht und der berüchtigte Volksgerichtshof im heutigen Amtsgerichtsgebäude Unrechtsurteile verhängten. Ich hoffe, dass die Corona-Pandemie sowohl eine Ausstellungseröffnung als auch einen normalen Ausstellungsbesuch ab September oder Oktober ermöglichen wird.