Wer hat nicht schon mal den Wunsch verspürt, das Land der Kängurus, der Koalas und Kakadus kennenzulernen und die grandiose Skyline von Sydney live zu erleben? Uns lagen zwei Einladungen vor: Die eine kam von unserer Tochter, die mit ihrer Familie zwei Wochen im Haustauschverfahren in Perth, an der Westküste Australiens verbrachte. Die andere kam von alten Bekannten aus Waldshut, die seit 30 Jahren in Townsville, im tropischen Nordosten des Kontinents leben.

Skepsis wegen Flugzeit und organisatorischer Hürden

Sollten wir das Abenteuer wagen? Im Alter von 66 und 76 Jahren tut man sich schwer, so eine Entscheidung zu treffen. Gegen das Vorhaben sprachen die langen Flugzeiten und organisatorische Hürden. Wer würde unsere Pflanzen gießen, sich um unsere Katze kümmern und einen Blick auf das Haus werfen? Doch dann siegte der Wunsch, nochmal etwas Außergewöhnliches zu unternehmen.

Wir sprachen uns mit unseren Nachbarn und Verwandten ab und buchten die Flüge. Um 10 Uhr starteten wir in Zürich und, nach einem Zwischenstopp in Abu Dhabi, landeten wir am Mittag des nächsten Tages in Perth. Dort wurden wir von unserer Tochter abgeholt, die eine halbe Stunde früher, aus Neuseeland kommend, mit ihrer Familie eingetroffen war. Die Strapazen der Reise hatten wir schnell vergessen, Australien stand uns offen.

Urwüchsige Bäume an den Strandpromenaden: im Bild Feigenbäume mit einem Gewirr an Luftwurzeln
Urwüchsige Bäume an den Strandpromenaden: im Bild Feigenbäume mit einem Gewirr an Luftwurzeln. | Bild: Manfred Dinort

Aber, um es vorweg zu sagen: Von den zwölf Top-Höhepunkten, die in unserem australischen Reiseführer aufgelistet waren, bekamen wir nur ein einziges zu sehen: das Opernhaus von Sydney mit seiner spektakulären Architektur und seiner grandiosen Lage. Wir waren nicht am Uluru (Ayers Rock), nicht im Kakadu Nationalpark, nicht auf Kangaroo Island und auch nicht zum Schnorcheln am Great Barrier Reef. Auch den Plan, quer durch den Kontinent mit dem Zug von Perth nach Sydney zu reisen, mussten wir streichen. Die Fahrt hätte 68 Stunden gedauert und pro Person 2600 Euro gekostet.

Trotzdem konnten wir in der kurzen Zeit vieles unternehmen: Wir waren auf Rodnest Island, wo die Minikängurus, die Quokkas, zuhause sind, auf Penguin Island, wo die einzigen Pinguine Australiens leben und sich Seehunde in der Sonne aalen.

Magnetic Island ist gar nicht magnetisch

Wir waren in den tropischen Regenwäldern im Nordosten unterwegs und auf Magnetic Island, einer Insel vor Townsville, die ihren Namen einem historischen Zwischenfall verdankt: Als James Cook sich 1770 zum ersten Mal der australischen Küste näherte, geriet sein Kompass außer Kontrolle. Die Schuld gab er der Insel, der er magnetische Kräfte zuschrieb. Eine Fehleinschätzung, wie sich schon bald herausstellte.

"Wahrscheinlich hat er zu tief ins Glas geschaut", witzelte Joachim (Jo) Schmidle, unser Gastgeber in Townsville, der mit Bärbel Romacker, gebürtige Waldshuter, seit 30 Jahren in Australien lebt. Townsville ist eine aufblühende Stadt, die 1864 von einem Geschäftsmann namens Robert Towns gegründet wurde.

Zu den Attraktionen zählen die paradiesisch anmutenden, kilometerlangen Strände, die malerische Strandpromenade und der Castle Hill, ein 300 Meter hoher Sandsteinkegel, der das Stadtbild dominiert und einen ungehinderten Panoramablick über die Stadt, das Meer und die vorgelagerten Inseln gewährt.

40 Millionen Kängurus und 25 Millionen Menschen

Jo ist ein begeisterter Beobachter und Kenner der heimischen Tier- und Pflanzenwelt. Für uns ist er ein "wandelndes Lexikon". Die Hiobsbotschaft, die wir aus Deutschland mitbrachten, die Kängurus seien vom Aussterben bedroht, hielt er für überzogen. Die Population wird auf 40 Millionen geschätzt, die Zahl der Einwohner liegt bei knapp 25 Millionen. Wir erlebten diese faszinierenden Tiere in großen Clans in einem Nationalpark bei Perth – sie genossen die Abenddämmerung und den gut gepflegten Rasen. Unterwegs sahen wir drei weitere Tiere. Sie lagen am Straßenrand, tot, überfahren.

Von oben nach unten: Immer spannend war die ­Begegnung mit Kängurus. Die Kakadus, die Komiker unter den Vögeln Australiens. Friedliche Pflanzen­fresser: die Koalas. Urwüchsige Bäume an den Strandpromenaden: im Bild Feigenbäume mit einem Gewirr an Luftwurzeln.
Von oben nach unten: Immer spannend war die ­Begegnung mit Kängurus. | Bild: Manfred Dinort

Zu schaffen machte uns der Linksverkehr. Beim Überqueren der Straße mussten wir lernen, erst nach rechts zu schauen. Lernen mussten wir auch, Koalas in den Bäumen zu entdecken. Die putzigen Tiere ernähren sich von den Blättern bestimmter Eukalyptusarten. Um die Bestände nicht zu gefährden, bemühen sich die Naturschutzbehörden, diese speziellen Arten verstärkt aufzuforsten. Der Bundesstaat New South Wales hat gerade 45 Millionen australische Dollar zum Schutz der Tiere bereitgestellt. Das zweite Wappentier Australiens, den straußenähnlichen Emu, bekamen wir nur im Zoo von Perth zu Gesicht.

Kakadus als geborene Komiker

Viel Spaß hatten wir, dem Treiben der Kakadus zuzuschauen, die mit ihrem Geschrei schon in aller Frühe aktiv waren. Sie sind die geborenen Komiker. Sitzen sie auf dünnen Ästen und Drähten, kippen sie immer wieder um und hängen kreischend kopfunter.

Die Kakadus, die Komiker unter den Vögeln Australiens.
Die Kakadus, die Komiker unter den Vögeln Australiens. | Bild: Manfred Dinort

Und das gab es auch: riesige Schwärme Flughunde, die sich allabendlich in der Dämmerung auf den Weg zur nächtlichen Jagd machten. Schlangen? Allein in Queensland gibt es 38 Arten, darunter die giftigsten weltweit. Wir bekamen aber nur eine zu Gesicht: überfahren auf einer kleinen Nebenstraße. Dann die Moskitos. Sie sind nicht nur lästig – im tropischen Norden übertragen einzelne Arten auch das gefürchtete Dengue Fieber. Quallen waren für uns nie ein Thema.

Im Straßenbild fielen uns immer wieder Aborigines auf, durch ihre Kleidung, Hautfarbe und Mimik. Die Region Townsville beherbergt vor allem die sogenannten Torres-Strait-Insulaner, die von den Inseln der Meerenge von Neuguinea stammen. Sie treffen sich gerne mit allen Generationen ihres Clans am Strand, um gemeinsam zu grillen, zu singen und zu tanzen.

Begegnungen mit offenen und freundlichen Menschen

Wir begegneten immer wieder offenen und freundlichen Menschen. In Perth meldete sich gleich am ersten Tag unsere Nachbarin und bot an, uns mit ihrem Auto die Stadt zu zeigen. Andererseits waren wir irritiert darüber, dass alle Häuser in unserer Nachbarschaft mit hohen Mauern umgeben waren – Kontakte über den Gartenzaun hinweg waren nicht möglich.

Friedliche Pflanzenfresser: die Koalas
Friedliche Pflanzenfresser: die Koalas | Bild: Manfred Dinort

In Perth besuchten wir gerne den nahen kleinen Wochenmarkt mit regionalen Produkten. Wir waren überrascht von dem reichhaltigen Angebot an heimischen Obst und Gemüse. Das Essen? Wenn uns nichts Besseres einfiel, bestellten wir "Fish and Chips" für 20 Dollar. Nach drei Tagen in Sydney mit überwältigenden Eindrücken kam der Tag der Abreise: 28 Grad, blauer Himmel. Bei der Ankunft in Zürich am 16. April: 13 Grad, Regen.

Heimatgefühle bei Alphörnern und Kuhglocken

Doch im Flughafenshuttle wurden wir mit dem Klang der Alphörner und dem Geläute der Kuhglocken begrüßt. Sofort kam Stimmung auf. Und eine halbe Stunde später zeigte sich die Sonne. Wir freuten uns über das frische Grün der Wiesen, über die blühenden Sträucher und die farbenprächtigen Blumenrabatten. Da waren wir froh, wieder zuhause zu sein.