Waldshut-Tiengen Schweizer Atomaufsicht: Das älteste Kernkraftwerk der Schweiz darf wieder ans Netz

Nur zwölf Kilometer Luftlinie trennt Waldshut-Tiengen vom Schweizer Kernkraftwerk Beznau. Im Frühling 2015 wurden an einem Reaktor rund 925 fehlerhafte Materialstellen am Reaktordruckbehälter entdeckt, nun darf Block 1 wieder ans Netz. Die Bundestagsabgeordneten aus dem Kreis Waldshut blicken mit Sorge auf die erneute Aufnahme.

Drei Jahre stand der Reaktor im ältesten Kernkraftwerk der Schweiz still. Nun soll der Block 1 im Schweizer Atommeiler Beznau in zwölf Kilometer Luftline zu Waldshut-Tiengen wieder ans Netz. Die Kritik ließ nicht lange auf sich warten. Im Frühling 2015 wurden im Reaktor rund 925 fehlerhafte Materialstellen am Reaktordruckbehälter entdeckt, dabei handelte es sich um Aluminiumoxid-Einschlüsse im Stahl.

Sicherheit ist nachgewiesen

Die Schweizer Nuklearaufsichtsbehörde Ensi teilte gestern mit, dass der Betreiber, die Schweizer Axpo-Gruppe, detailliert habe nachweisen können, dass die entdeckten Einschlüsse im Stahl des Druckbehälters die Sicherheit nicht negativ beeinflussten. „Aus sicherheitstechnischer Sicht spricht nichts dagegen, dass Beznau 1 wieder ans Netz geht.“, teilte Ensi-Direktor Hans Wanner mit. Ein Sprecher des Betreibers betonte, dass die Sicherheit umfangreich und beispiellos nachgewiesen worden sei.

In diesem Monat soll wieder Strom produziert werden

„Es gibt weltweit kein einziges Stück Stahl, das je so detailliert untersucht wurde“, sagte ein Axpo-Experte der Deutschen Presse-Agentur. Demnach seien die fehlerhaften Materialstellen während der Herstellung des Druckbehälters 1965 entstanden, und nicht während des laufenden Reaktor-Betriebs.

Die Planungen von Axpo sehen vor, dass noch in diesem Monat mit Beznau 1 wieder Strom produziert werden soll. Die Laufzeit wird laut dem Betreiber voraussichtlich bis 2030 angestrebt. Beznau 1 ist seit 1969 in Betrieb und damit einer der ältesten kommerziellen Reaktoren der Welt. Am zweiten Reaktor in Beznau hatte es nach Untersuchungen keine Auffälligkeiten gegeben. Laut Betreiber sei die Anlage durch Investitionen von 2,5 Milliarden Franken auf dem neuesten technischen Stand.

Politiker blicken mit Sorge auf die erneute Aufnahme des Reaktors

Die Waldshuter SPD-Bundestagsabgeordnete und parlamentarische Staatssekretärin im Bundesumweltministerium, Rita Schwarzelühr-Sutter, geht davon aus, dass alle sicherheitsrelevanten Aspekte vor einer erneuten Inbetriebnahme geprüft wurden. „Allerdings frage ich mich, wie lange das älteste Atomkraftwerk der Welt noch weiterlaufen soll“, erklärte Schwarzelühr-Sutter. Für die beiden Reaktoren in Beznau fehle weiterhin eine konkrete Aussage zur restlichen Laufzeit. Das sei äußerst unbefriedigend für die Hochrheinregion, so die SPD-Abgeordnete.

Auch der Waldshuter Bundestagsabgeordnete der CDU, Felix Schreiner, blickt mit Sorge auf die erneute Aufnahme des Reaktors. „Die Landesregierung hat im vergangenen Jahr ein Gutachten vorgelegt, demzufolge das Kraftwerk Beznau wesentliche sicherheitstechnische Schwachstellen aufweist. Das wirft Fragen auf, die auch für die deutsch-schweizerische Region von Belangen sind und für die ich eine Einschätzung aus Berlin erwarte“, sagte Schreiner.

"Beznau I ist das älteste noch laufende Atomkraftwerk der Welt"

Die neue Vorsitzende des Bundestagsausschusses für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit, Sylvia Kotting-Uhl von den Grünen, forderte eine Abschaltung von Beznau: „Es ist unverantwortlich und inakzeptabel, dass ein Reaktor mit derartigen Mängeln wieder ans Netz gehen soll. Beznau 1 ist das älteste noch laufende Atomkraftwerk der Welt und steht direkt an der Grenze zu Deutschland.“

Atomkraft in der Schweiz

Die Schweiz hat vier Kernkraftwerke mit fünf Reaktorblöcken (Beznau 1 und 2, Leibstadt, Gösgen und Mühleberg). Diese dürfen so lange betrieben werden, wie sie sicher sind. Im Winter sollen laut Betreiber Axpo die Kernkraftwerke die Hälfte der Energie liefern, die in der Schweiz benötigt wird. Die Schweizer Regierung beschloss nach dem Reaktor-Unglück 2011 in Fukushima den schrittweisen Ausstieg aus der Atomenergie. Dazu wurde ein Gesetz erlassen, das den Bau neuer Atommeiler verbietet. Bei einer Volksabstimmung 2016 stimmte die Mehrheit der Schweizer Bevölkerung gegen eine vorzeitige Stilllegung der Reaktoren.

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