Die Pandemie macht in vielen Berufstätigen das Leben schwer. Homeoffice, Abstandsregeln, Kontaktbeschränkungen und Maskenpflicht sind in vielen Betrieben gelebte Praxis. Natürlich haben Beschränkungen und Erschwernisse auch die Ausbildung junger Fachkräfte in Mitleidenschaft gezogen. Wie Ausbildung in Industrie und produzierendem Gewerbe unter Corona-Bedingungen funktioniert? Wir haben bei Firmen in der Region nachgefragt.

Ausbildungsplätze teils unbesetzt

Eine zusätzliche Schwierigkeit für Betriebe während der Pandemie ist die Suche nach Auszubildenden, berichtet Carina Schönauer, Ausbilderin beim Maschinenbauunternehmen Suhner in Bad Säckingen. Persönliche Vorstellungsrunden müssten über Zoom abgehalten werden, und das bei Suhner übliche einwöchige Praktikum vor der Ausbildung müsse während der Pandemie ebenfalls entfallen.

Simon Porsche, Auszubildender bei Suhner in Bad Säckingen.
Simon Porsche, Auszubildender bei Suhner in Bad Säckingen. | Bild: Otto Suhner GmbH

Simon Porsche, angehender Industriekaufmann, begann seine Ausbildung im März 2020: „Für mich war das entfallene Praktikum zum Glück kein Problem, ich wusste bereits sicher, dass ich meine Ausbildung bei Suhner machen wollte.“ Ausbilderin Schönauer berichtet indes jedoch, dass deutlich weniger Bewerbungen als sonst eingingen: „Man merkt die allgemeine Verunsicherung. Wir haben noch kaum Bewerbungen für den kommenden Herbst, die Lehrstellen sind vorerst noch unbesetzt.“

Viel Selbstdisziplin notwendig

„Ein bisschen was fehlt einem da schon. Besonders vermisse ich den direkten Kontakt zu Mitschülern und den Lehrern an der Berufsschule“, sagt Bastian Hurst. Er absolviert derzeit in Laufenburg beim Metallpulver-Hersteller Höganäs eine Ausbildung zum Chemikanten und befindet sich im Homeschooling. Er und seine Mitauszubildenden Dervis Aribas und Jonas Boll sind bereits im zweiten Lehrjahr. Die Unterschiede in der Ausbildung zwischen jetzt und der Zeit vor Corona kennen sie also aus eigener Erfahrung. „Mehrere Stunden am Tag im Fernunterricht vor dem Bildschirm zu lernen ist viel anstrengender als zuvor, und es ist deutlich mehr eigene Nacharbeit nötig“, sagt Jonas Boll dazu.

Michaela Kaiser, Ausbildungsleiterin bei Höganäs, bestätigt dies: „Auszubildende benötigen viel Selbstdisziplin, um die Situation zu bewältigen.“ Ihrem Eindruck nach sind die Corona-Jahrgänge in der Berufsschule nicht ganz so weit mit der Stoffmenge wie in anderen Jahren. Das sei auch der Tatsache geschuldet, dass das Kultusministerium den zu behandelnden Stoff im Lehrplan zu Beginn des aktuellen Schuljahres verringert hat: So müssten nur die verbindlichen Inhalte des Bildungsplans behandelt werden. Das mache etwa drei Viertel des Unterrichts aus. „Nach den Startschwierigkeiten im Schuljahr 2020 ist es inzwischen aber viel besser geworden, und man hat sich an die Anforderungen gewöhnt“, sagt Jonas Boll, und seine Mitauszubildenden stimmen ihm zu. „Es hat auch was Gutes, denn der lange Schulweg fällt weg“, ergänzt Dervis Aribas.

Die Ausbildung bei Höganäs im Betrieb in Laufenburg sei gut organisiert, sind sich die Auszubildenden einig. Ausbilderin Michaela Kaiser erläutert die Hygiene-Maßnahmen vor Ort: „Die Produktion läuft mit FFP2-Masken und Abstandsregeln ganz normal. Für den Theorie-Unterricht stehen mehrere große Räume mit ausreichend Fläche zur Verfügung, dazu kommen Personenbegrenzungen, auch beim Werk- und Laborunterricht, sowie CO2-Messgeräte für zielgerichtetes Lüften.“

Weniger Kontakte durch Zonierung

Die Firma Freudenberg Sealing Technologies am Standort Oberwihl verringert innerbetriebliche Kontakte durch eine Einteilung der Arbeitsplätze in Zonen. Mitarbeiter und Auszubildende, die ihren Arbeitsplätz wechseln müssen, führen ein zusätzliches Kontakttagebuch. „Im Falle einer Ansteckung können wir etwaige Kontakte präzise nachverfolgen“, erläutert Sabine Gschwander, HR-Managerin bei Freudenberg. Im Falle eines Falles stünde außerdem ein mehrstufiger Notfallplan bereit. Bisher habe es aber zum Glück keine Corona-Fälle im Betrieb gegeben. Gchwander sieht bei Stoffvermittlung und Ausbildung vor Ort qualitativ keine Probleme, die Corona-Regeln seien dabei kein konkretes Hindernis.

Jelena Machajewski, DHBW-Studentin bei Freudenberg.
Jelena Machajewski, DHBW-Studentin bei Freudenberg. | Bild: Freudenberg SE

Jelena Machajewski, Auszubildende bei Freudenberg und DHBW-Studentin mit der Fachrichtung BWL und Industrie im dritten Lehrjahr, kann das bestätigen: „Die Ausbildung in den Lehrwerkstätten und -laboren im Betrieb funktioniert reibungslos, es gibt trotz Kontaktbeschränkungen viel Unterstützung und ausreichend Ansprechpartner.“ Das Thema ihrer Bachelor-Arbeit bearbeite sie dazu meist im Homeoffice.

Fachkräfte selbst ausbilden

Auch der Zahnradhersteller und Getriebehersteller Kownatzki Premium Gears (KPG) in Wehr setzt ungeachtet der Corona-Pandemie weiter auf die eigene betriebliche Ausbildung. Acht bis neun Feinwerkmachaniker und Mechatroniker werden in dem Unternehmen ausgebildet, pro Jahr sind somit zwei bis drei Ausbildungsplätze zu besetzen. Darüber hinaus gibt es in der Fachrichtung Maschinenbau ein bis zwei Ausbildungsplätze pro Jahr in Zusammenarbeit mit der Dualen Hochschule Lörrach. „Wir sind darauf angewiesen, dass wir selbst ausbilden“, so KPG-Geschäftsführer Günter Ebi, „auch über den eigenen Bedarf hinaus.“ Der Arbeitsmarkt allein gebe nicht genügend Fachkräfte her. Hat Corona Einfluss auf die Zahl der Ausbildungsplätze? „Nein, man kann die Ausbildung nicht beliebig hoch- und runterfahren“, erklärt Ebi, sonst fehlten irgendwann die Bewerber.

Beim Getriebehersteller KPG in Wehr darf Tobias Schulze, Feinwerkmachaniker im dritten Lehrjahr, auch schon selbständig die neueste vollautomatische Fräsmaschine bedienen.
Beim Getriebehersteller KPG in Wehr darf Tobias Schulze, Feinwerkmachaniker im dritten Lehrjahr, auch schon selbständig die neueste vollautomatische Fräsmaschine bedienen. | Bild: Obermeyer, Justus

„Ohne Lockdown wären wir im Bewerbungsverfahren wohl schon weiter“, so Ebi. Fünf Kandidaten für die im Herbst beginnende Ausbildung wurden bereits ausgewählt und stünden quasi in den Startlöchern. Nach dem Lockdown werden sie eingeladen und dürfen dann auch einen Tag den Betrieb aus der Nähe kennenlernen und „am Schraubstock“ mitarbeiten. Auch der Auszubildende soll schließlich wissen, was auf ihn zukommt, und ein erstes Gespür bekommen, ob der gewählte Beruf wirklich passt. 2020 fand die Bewerberauswahl sogar noch später statt als dieses Jahr. Die Corona-Pandemie habe zu einer großen Unsicherheit bei den Schulabgängern geführt, vermutet Ebi. Erst nach dem ersten Lockdown im April füllte sich die Bewerberkartei. Qualitativ sei die Bewerberlage weiterhin gut, auch bei den jetzigen Auszubildenden haben die coronabedingten Einschränkungen des Schulwesens keine Folgen.

Die Berufsschule findet nun im „Homeschooling„ statt. „Es funktioniert einwandfrei“, so Ebi und ergänzt: „Unser Ausbilder steht in engem Kontakt mit der Schule und die Zwischenzeugnisse waren bislang alle gut.“ Der Betrieb mit 80 Mitarbeitern selbst blieb bislang von Corona-Fällen verschont. Während in der Verwaltung einzelne Mitarbeiter von zu Hause aus arbeiten, geht dies in der Produktion natürlich nicht. „Wir haben ausreichend Platz, damit Abstände eingehalten werden können“, erklärt Ebi. 60 Quadratmeter stehen rechnerisch pro Mitarbeiter zur Verfügung, in Teams gelte Maskenpflicht. In der Ausbildungswerkstatt gibt es genügend Platz, jeder Lehrling habe seine eigene Werkbank.

Die Corona-Krise spürt KPG auch in den Auftragsbüchern. Im Sektor Zahnrad- und Getriebetechnik sei 2020 ein Minus von 20 Prozent zu verzeichnen, im vor einigen Jahren neu aufgebauten zweiten Bereich „Generatorensevice“ steht dagegen ein Plus in gleicher Höhe zu Buche. „Gut, wenn man zwei Standbeine hat“, so Ebi, der 2017 als Mehrheitsgesellschafter einstieg und seitdem das Unternehmen leitet.

Junge Firma startet Programm

Dass die Corona-Pandemie die betriebliche Ausbildung nicht zwingend ausbremsen muss, beweist auch das junge Pharma-Unternehmen Develco in Schopfheim. Das 2016 gegründete Unternehmen mit inzwischen 90 Mitarbeitern bietet in diesem Jahr zum ersten Mal Ausbildungsplätze an. „Es ist uns wichtig, gerade in dieser Zeit der Unsicherheit ein Zeichen zu setzen und den Jugendlichen einen festen Platz, Kontinuität und die Möglichkeit einer beruflichen Zukunft zu bieten“, erklärt Geschäftsführer Martin Renner. Zwei Pharmakanten sollen bald ihre Ausbildung beginnen, weitere Ausbildungsplätze als Laboranten sind bereits in Planung.

Develco-Ausbildungsleiterin Christine Moßbrugger sieht in der Pandemie keine Hindernisse für die Ausbildung, ganz im Gegenteil: „Ich bin mir sicher, dass dieser Umstand in der sehr schwierigen Zeit, für die jungen Menschen ein großer Vorteil ist.“ Hygienevorschriften sind in der Branche ohnehin gängiger Alltag. Ein bestehendes firmeneigenes E-Learning-Konzept für die Mitarbeiter soll im Zuge der Ausbildung weiter ausgebaut werden. Bei Bewerbungsgesprächen setzt Moßbrugger allerdings weiter auf den persönlichen Eindruck. „Der Schritt in die Arbeitswelt ist für Jugendliche oft mit sehr großen Unsicherheiten verbunden. Das bisherige Leben wird dabei mächtig durcheinandergewirbelt, weshalb persönlicher Kontakt gerade am Anfang unabdingbar ist“, so die Ausbilderin.