Die meisten von uns haben das Privileg, in diesen Tagen zu Hause bleiben zu können. Ein Dach über dem Kopf zu haben und dort Abstand von anderen Menschen halten zu können. Doch was ist mit denen Menschen, die kein Zuhause haben? Obdachlose leben mitten im öffentlichen Raum. Da fällt nicht nur Abstandhalten schwer, sondern sie stehen noch vor weitaus größeren Herausforderungen. Denn viele von ihnen gehören zur Corona-Risikogruppe und ihre Versorgung ist in diesen Tagen erschwert.

„Es ist wichtig, dass die Menschen sich aufgehoben fühlen.“Sotiris- Aki Kiokpasoglou
„Es ist wichtig, dass die Menschen sich aufgehoben fühlen.“Sotiris- Aki Kiokpasoglou | Bild: Verena Wehrle

Sotiris-Aki Kiokpasoglou, Leiter der AGJ-Wohnungslosenhilfe im Landkreis Waldshut, spricht über die aktuelle Situation. Weiterhin arbeitet die Wohnungslosenhilfe in den verschiedenen Arbeitsbereichen wie Wärmestube, aufsuchende Hilfe, ambulante Fachberatung, betreutes Wohnen und Aufnahmehaus – doch unter erschwerten Bedingungen.

In der Wärmestube: wichtige Informationen

Die Wärmestube in Waldshut ist seit dem 16. März 2020 geschlossen. Es gibt aber eine Notversorgung. Was das für die Obdachlosen bedeutet? Die Beratung der Menschen sei auf das Notwendigste reduziert worden und finde mit großem Abstand draußen vor der Tür statt, so Kiokpasoglou.

„Es ist wichtig, dass die Menschen sich aufgehoben fühlen.“
Sotiris-Aki Kiokpasoglou

Geldauszahlungen von Tagessätzen gebe es nun nur noch einmal monatlich. Die Räume der Wärmestube in der Ziegelfeldstraße in Waldshut sind klein. Hier dürfen die Menschen auch weiterhin duschen oder ihre Wäsche waschen, aber es darf immer nur eine Person ins Gebäude. Draußen vor der Tür werden außerdem Essenpäckchen ausgegeben. Doch für noch etwas sei die Wärmestube in diesen Tagen besonders wichtig: Die Information.

Leben auf der Straße: „Da gibt‘s nichts mehr zu betteln“

Es gibt auch Menschen, die nicht in einem Aufnahmehaus, sondern nur auf der Straße leben. Sotiris-Aki Kiokpasoglou erzählt von einem Obdachlosen, der von einem Parkplatz eines Einkaufsmarktes verwiesen wurde: „Er weiß nicht recht, wo er hin soll.“ Die Obdachlosen würden sich im öffentlichen Raum aufhalten, hätten dort „ein stückweit ihr soziales Anerkennungsmilieu“. Hinzu komme derzeit der zusätzliche Stressor Coronavirus. Viele der Wohnungslosen seien psychisch beeinträchtigt. Wenn diese sich nun auffällig bewegen, müssten sie mit unangenehmen Situationen rechnen.

Die Unsicherheit der Menschen auf der Straße sei stark gestiegen. Die zentrale Frage lautet: „Was darf ich?“. Außerdem sei es für Obdachlose nicht immer einfach, den nötigen Abstand zu halten, wo sie doch mitten in der Öffentlichkeit leben. Und noch ein Problem kommt auf sie zu: Wo kaum noch Menschen auf den Straßen unterwegs sind, gibt es auch keine Einnahmen. „Da gibt‘s nichts mehr zu betteln“, so Kiokpasoglou.

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Beratung im „Straßenbüro“ auf Abstand

Vor Corona wurden auch Menschen in prekären Wohnsituationen und in den Notunterkünften der Städte im Landkreis von den Sozialarbeiten besucht und beraten. Diese Beratung findet aktuell aber nur telefonisch statt.

Dennoch gehen die Sozialarbeiter wie etwa Caroline Maier weiter auf die Straße. Dabei gehe es vor allem darum, die Menschen zu sensibiliseren, was das Verhalten in Corona-Zeiten angehe. „Die Beratung mit vier Metern Abstand ist schwieriger“, sagt Kiopkpasoglou. Er nennt es „Straßenbüro“. Viele der Menschen seien unsicher, ob sie sich nun doch unterbringen lassen sollen oder nicht.

Ein Sinnbild der Krise: Caroline Maier von der Wohnungslosenhilfe im Landkreis Waldshut bei der Beratung auf der Straße. Mit Distanz spricht sie mit einem Betroffenen. Der Kugelschreiber in der Mitte dient als Abstandshalter.
Ein Sinnbild der Krise: Caroline Maier von der Wohnungslosenhilfe im Landkreis Waldshut bei der Beratung auf der Straße. Mit Distanz spricht sie mit einem Betroffenen. Der Kugelschreiber in der Mitte dient als Abstandshalter. | Bild: Sotiris-Aki Kiokpasoglou

Viele haben Vorerkrankungen

Für die Menschen ohne Zuhause bedeute das Coronavirus vor allem aber auch eines: Angst. Viele von ihnen – mehr als in der Durchschnittsbevölkerung – sind vorerkrankt und gehören damit zur Corona-Risikogruppe.

„Armut und Krankheit sind unmittelbar miteinander verbunden.“
Sotiris-Aki Kiokpasoglou

„Es gibt einige, die schwer lungenkrank sind“, sagt er. „Wir haben einige, die Angst haben, dass sie am Virus erkranken, da sie mit einem schweren Krankheitsverlauf rechnen“, sagt Kiokpasoglou über die Bewohner des Haus Benedikt im Waldshuter Ortsteil Schmitzingen.

Besprechungen auf Abstand

Das Aufnahmehaus für Menschen ohne Zuhause ist derzeit voll belegt. Hier gelten klare Regeln und auf diese legen vor allem die Bewohner selbst großen Wert. Die Wohnbereiche seien abgetrennt, Treffen fänden nur statt, wenn wichtige Informationen ausgetauscht werden müssen.

So ist die Hausbesprechung im Hof ein weiteres Sinnbild der aktuellen Situation: Mit großem Abstand wird informiert und diskutiert. Damit soll vor allem möglichen Vorurteilen und weiterer sozialer Ausgrenzung entgegengewirkt werden.

Zur Besprechung des Haus Benedikts kommen auch in der Corona-Krise viele Bewohner. Doch sie halten Abstand.
Zur Besprechung des Haus Benedikts kommen auch in der Corona-Krise viele Bewohner. Doch sie halten Abstand. | Bild: Sotiris-Aki Kiokpasoglou

Der Einkauf muss organisiert werden und Distanz sowie Hygiene wird dabei zum Thema: „Wir führen alle die gleichen Diskussionen wie woanders auch“, sagt der Einrichtungsleiter. „Die Situation ist angespannt, aber das Gemeinschaftsgefühl ist groß“, so Kiokpasoglou. „Das ist eine Belastungsprobe, der wir standhalten wollen.“

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Das unterstützende Netzwerk

Viel Wert legt der Einrichtungsleiter auf sein Netzwerk. So nehme etwa immer ein Vertreter der Gemeinde Schmitzingen an den Hausbesprechungen teil. Auch mit den Ordnungsämtern halte man Kontakt.

Die Städte bringen weiterhin Menschen ohne Obdach in den Notunterkünften unter, allerdings keine mit Corona-Verdacht. Gemeinsam mit Gesundheitsamt und Ordnungsamt arbeite man im Bereich zusammen und habe einen Plan, was in Verdachtsfällen zu tun sei. In Telefonkonferenzen steht die Einrichtungsleitung im Austausch mit anderen Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe im AGJ-Verband der Erzdiözese.