„Das ist etwas anderes, als Politik machen, oder?“, fragt Pflegeheim-Bewohnerin Erika Sonntag und gibt Landrat Martin Kistler mit Schwung eine leuchtende Kugel weiter. „Ja, schon“, antwortet dieser und rollt den Gegenstand in der Größe einer Orange wieder zurück. Bei dem Ball handelt es sich um den Therapie-Ball Ichó, der erstmals im Awo Seniorenzentrum Sonnengarten in Wutöschingen zum Einsatz kommt.

Erika Sonntag, Bewohnerin des Awo-Seniorenzentrums Sonnengarten Wutöschingen, testet den Therapie-Ball.
Erika Sonntag, Bewohnerin des Awo-Seniorenzentrums Sonnengarten Wutöschingen, testet den Therapie-Ball. | Bild: Völk, Melanie

„Mit dem Therapieball sollen bei Demenzerkrankten die Sinne angeregt werden, sie sollen sehen, fühlen, hören“, erklärt Birgit Goede-Pokrzywa, Abteilungsleiterin Altenhilfe im Landratsamt Waldshut. Den Therapieball hat der Pflegestützpunkt des Landkreises im Rahmen der Kommunalen Pflegekonferenz gekauft. Nach einer Förderung durch das Land blieben Kosten von rund 1500 Euro.

„Das Leben mit Demenz verändert den Alltag der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Richtig eingesetzt, können technische Hilfsmittel, wie der Therapie-Ball, Menschen mit Demenz dabei unterstützen, die Lebensqualität zu stärken“, sagt Landrat Martin Kistler. Der Einsatz von digitalen Hilfsmittel soll aber auch Pflegekräfte entlasten und ihnen mehr Zeit für Zuwendung und Gespräche geben.

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Digitale Hilfsmittel werden in der Pflege immer wichtiger: „Wenn Leute kognitiv eingeschränkt sind, bieten sie einen guten Zugang“, erläutert Birgit Goede-Pokrzywa. Einige Einrichtungen, wie etwa das Pflegeheim Sonnengarten in Wutöschingen, nutzen bereits digitale Hilfsmittel wie Tablets mit Spielen oder Rätseln.

In anderen kämen sie nur sporadisch zum Einsatz. Und hier soll die Anschaffung des Therapie-Balls Abhilfe schaffen. Die Pflegeeinrichtungen im Landkreis können sich den Therapie-Ball beim Pflegestützpunkt für einige Wochen ausleihen und in ihr Betreuungsprogramm integrieren.

„Wir sind froh über neue Impulse und Anregungen und werden den Ball in unseren bestehenden Runden ausprobieren. Singen, Rätsel lösen und Märchen erzählen sind schon bereits ein großer Teil unserer Arbeit“, sagt Martina Maier, Leiterin des Awo-Seniorenzentrums. Auch Petra Hug vom Demenz-Zentrum der Caritas Hochrhein sieht Chancen im Einsatz des digitalen Hilfsmittels.

Betreuerin Gudrun Bernauer (rechts) gibt den Therapie-Ball an Bewohnerin Gertrud Schilling weiter.
Betreuerin Gudrun Bernauer (rechts) gibt den Therapie-Ball an Bewohnerin Gertrud Schilling weiter. | Bild: Völk, Melanie

„Wir haben einige Gäste in der Tagespflege, an die wir mit Sprache nicht mehr herankommen. Ich kann mir vorstellen, dass wir mit dem Wecken von Erinnerungen oder dem Ansprechen der Sinne eher einen Zugang finden“, sagt sie. „Alles, was Demenzerkrankte aus der Eintönigkeit herausholt, ist ein Gewinn“, ergänzt Sozialdezernentin Sabine Schimkat.

Die Pflegekonferenz des Landkreises Waldshut hat eine ichó-Ball angeschafft. Der Therapie-Ball soll bei Demenz-Erkrankten Erinnerungen ...
Die Pflegekonferenz des Landkreises Waldshut hat eine ichó-Ball angeschafft. Der Therapie-Ball soll bei Demenz-Erkrankten Erinnerungen wecken. Im Pflegeheim Sonnengarten Wutöschingen wurde er vorgestellt. | Bild: Völk, Melanie

Während der Vorstellung wandert der Ball durch die Hände der Testpersonen, wechselt seine Farben, vibriert, aber fordert auch: „Nenne eine Stadt mit P“, ruft eine Frauenstimme. Nach kurzem Überlegen ist die Antwort parat und es folgt schon die nächste Aufgabe. „Nenne einen Fluss mit V“. Im nächsten Moment kehrt aber Entspannung ein. „Jetzt zwitschert er“, sagt Bewohnerin Erika Sonntag und reicht den Ball an Betreuerin Gudrun Bernauer weiter.