Mehr als 80 Prozent der Opfer sind Frauen und weniger als 20 Prozent Männer: So lässt sich die Kriminalstatistik zur Partnerschaftsgewalt 2017 zusammenfassen, die im November 2018 vorgestellt wurde. Experten gehen davon aus, dass die Dunkelziffer – insbesondere bei den männlichen Opfern – deutlich höher ist. Zu dieser Dunkelziffer gehört Markus M. Für ihn war Gewalt in der Paarbeziehung über Jahre hinweg alltäglich und was er erlebt hat, prägt ihn bis heute.

Die Vorgeschichte

Markus M. ist Polizist. Er lebt im Großraum Stuttgart. Überwiegend ist er im Streifendienst, dort wo sich das Leben abspielt. Gelegentlich kommt es vor, dass er im Einsatz zu einem Beziehungsstreit gerufen wird. Häusliche Gewalt. Spuren sichern, mit den Beteiligten sprechen, entscheiden, ob jemand die Wohnung verlassen muss. "Da waren zum Teil schon wirklich krasse Fälle dabei", erinnert er sich.

Der Privatmann Markus M. sehnt sich nach einer Partnerin, mit der er das Leben teilen kann. Über das Internet lernt er Corinna S. kennen. Die junge Frau aus dem Landkreis Waldshut und der Enddreißiger werden ein Paar. 2010 ziehen sie zusammen: "Das hat damals wirklich gut gepasst mit uns beiden." Damit beginnt das Kapitel in Markus M.s Leben, das er heute, neun Jahre später, als das dunkelste bezeichnet.

Erste Warnhinweise

"Das erste Mal, als ich merkte, dass etwas nicht stimmt, passierte drei Wochen nachdem wir zusammengezogen waren", erinnert sich Markus M. Im Streit um eine Kleinigkeit habe Corinna S. eine Zwischentür eingetreten, sei auf Markus M. losgegangen und habe auf ihn eingeschlagen. Seine Reaktion? "Ich habe mich nicht gewehrt, sondern bin aus der Situation raus zu meinem Nachbarn gegangen." Er habe Corinna S. toben gelassen und abgewartet, bis sie sich beruhigt hatte.

Markus M. spricht mit Redakteurin Monika Olheide in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse.
Markus M. spricht mit Redakteurin Monika Olheide in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse. | Bild: Oscars, Waldshut

"Sie hat sich dann bei mir für ihr Verhalten entschuldigt und versprochen, dass so etwas nicht wieder vorkommt", erinnert sich Markus M. an das Gespräch mit seiner damaligen Partnerin. "Natürlich habe ich ihr geglaubt." Heute fragt er sich: "Vielleicht hätte ich schon damals die Reißleine ziehen sollen? War ich zu blauäugig?" Im Nachhinein wäre es wohl die richtige Entscheidung gewesen. Doch das wusste Markus M. damals noch nicht.

Die dunkle Zeit

Nach der Geburt des gemeinsamen Kindes 2012 beginnt sich in der Beziehung die Gewaltspirale zu drehen. Zunächst stieg der psychische Druck. Markus M. habe seiner Partnerin nichts mehr recht machen können: "Mehr und mehr kostspielige Geschenke und Annehmlichkeiten wurden verlangt, teils auch unter Drohungen, mich bei Verweigerung zu verlassen und das gemeinsame Kind mitzunehmen."

Er erklärt sich die plötzliche Wesensänderung seiner damaligen Partnerin mit einer Wochenbettdepression. "Die wäre behandlungsbedürftig gewesen, aber die Einsicht der Mutter meines Kindes fehlte, sich professionelle Hilfe zu holen." Corinna S. psychischer Zustand sei schlecht gewesen. "Dafür machte sie ausschließlich mich und mein Handeln verantwortlich und versäumte es auch nicht, mich bei jeder Gelegenheit darauf hinzuweisen, was ich alles falsch machen würde. Sie warf mir täglich vor, was ich doch für ein Psycho sei."

Ein Mann und Opfer häuslicher Gewalt: Markus M. (Name geändert) spricht in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse.
Ein Mann und Opfer häuslicher Gewalt: Markus M. (Name geändert) spricht in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse. | Bild: Olheide, Monika

Wenn man jeden Tag mit Vorwürfen konfrontiert und nur darauf bedacht ist, keine Fehler zu machen, zehre das an der psychischen Gesundheit, beschreibt Markus M. Leistungsdruck auf der Arbeit, Angst und Unwohlsein in den eigenen vier Wänden – dem Ort, der eigentlich ein sicherer Hafen zum Kraft schöpfen sein sollte.

"Irgendwann war dann der Punkt erreicht, wo ich nicht mehr bereit war, mich argumentativ gegen den verbalen Terror zu stellen." Markus M. nennt diese Zeit das "Leiden der Immobilie": "Es gab keine Tür, kein Schloss mehr, welches nicht beschädigt war."

Zu dieser Zeit hätten die körperlichen Angriffe zugenommen. Neben Schlägen und Tritten habe Corinna S. Teller in die Richtung ihres Partners geworfen, alle Spiegel im Haus zerschlagen. Markus M. versucht sich so gut es geht zurückzuziehen, brenzligen Situationen aus dem Weg zu gehen, wie er sagt. Der befreundete Nachbar wird zum Vertrauten, die Arbeitsstelle zur Zuflucht: "Ich begann, mich nur noch auf der Dienststelle zu waschen und zu frisieren."

Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema.
Wenn Männer Opfer von Gewalt werden, ist das immer noch ein Tabuthema. | Bild: Bodo Marks

"Ich hatte immer im Kopf: 'Schick sie zum Teufel.'" Doch da war das gemeinsame Kind, vielleicht auch ein bisschen die Erinnerung an das Wesen der einst geliebten Partnerin. Zweimal habe Markus M. Corinna S. aus der Wohnung geworfen. Zweimal habe er sie wieder hineingelassen. Im Nachhinein kann er es selbst kaum verstehen: "All das, was ich in beruflichen Situationen bei anderen erlebt habe, hat sich bei mir selbst wiederholt. Ich konnte gar nicht anders handeln."

Sich Hilfe holen? "Das klappt leider nur, wenn beide daran interessiert sind, eine Lösung zu finden." Anzeige erstatten? "Es ist als Beamter eigentlich immer am besten, wenn es gar keine Akte gibt. Außerdem habe ich mich geschämt, dass die Situation zu Hause so aus dem Ruder lief." Psychischer Terror, Schläge und Drohungen seien alltäglich gewesen. Ebenso wie Corinna S. im Bekannten- und Freundeskreis schlecht über ihn gesprochen habe. Sexuelle Aktivitäten seiner Partnerin mit anderen Männern seien hinzu gekommen. "Es war ein Gefühl der ständigen Demütigung." Doch es sollte noch schlimmer werden.

Die Eskalation

Der absolute Tief- und Wendepunkt in der Beziehung lässt nicht lange auf sich warten. Markus M. beschreibt den Angriff: „Sie stürzte mit gezücktem Messer auf mich zu. Dabei wendete sie wieder die Taktik an, die so gut funktionierte: Das Kind auf dem linken Arm, wie ein Schutzschild vor sich, ging sie auf mich los. Nur diesmal waren es keine Schläge, sondern ein scharfes Messer, mit dem sie nach vorne stürmte.“ Markus M. hält kurz inne, als er das erzählt. "In dieser Situation hatte ich wirklich Angst." Sein Blick ist abwesend. Für einen kurzen Moment scheint er wieder in der gemeinsamen Küche zu stehen. „Ich weiß nicht mehr ganz genau wie, aber ich habe sie auf den Boden gebracht, ihr das Messer entwunden und irgendwie noch das Kind auf die Seite in Sicherheit bringen können.“

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Seine dann folgende Reaktion habe sich im Nachhinein als schwerer Fehler herausgestellt: Markus M. verlässt die Wohnung, sucht seinen Nachbarn und Vertrauten auf, erzählt er. Dort sei er am Küchentisch gesessen, als das Sondereinsatzkommando (SEK) vorgefahren sei. Großeinsatz. Die Einsatzkräfte seien schwer bewaffnet gewesen. Corinna S. habe die Polizei gerufen. "Sie hat erzählt, ich würde mit meiner Dienstwaffe Amok laufen", erklärt Markus M. und ergänzt: "Das war aber Quatsch, denn die war ordnungsgemäß im Schrank verschlossen." Für die Polizeikräfte sei laut Markus M. bei ihrem Eintreffen klar gewesen: Corinna S., die im Handgemenge mit ihrem Partner Blessuren davon getragen hatte, sei als Opfer angesehen worden, Markus M. als bewaffneter Gewalttäter.

"Auch wenn sich die Szene im Nachhinein aufklärte, der erste Eindruck war ganz eindeutig", schildert Markus M. Unangenehme Fragen, Verhöre, Schilderungen intimer Details folgen: Markus M. muss sich verantworten – auch vor seinen Kollegen. "In so einem Fall kannst du ganz viel erzählen. Aber ob dir jemand glaubt, ist immer die Frage." Mehr möchte er über diesen Tag nicht sagen.

Der Schlussstrich

Das Geschehene habe diesmal zu schwer gewogen, um es ignorieren oder verzeihen zu können. Markus M. beendet die Beziehung, verlässt die gemeinsame Wohnung und zieht vorübergehend in einen Wohnwagen, wie er erzählt. "Es war eng, wenig komfortabel und brachte Einschränkungen, aber es war das erste Mal seit langer Zeit, dass ich das Gefühl hatte, wieder Luft zu bekommen", erinnert er sich.

Corinna S. sei aus der gemeinsamen Wohnung ausgezogen und habe das Kind mitgenommen. "Sie hat ja das alleinige Sorgerecht, da wir nicht verheiratet waren und die das gemeinsame Sorgerecht vereinbart hatten", erklärt Markus M. "Mit dem Beziehungsende hörten die körperlichen Übergriffe auf, doch das Ende der Gewalt ist es nicht. Meine damalige Partnerin war sehr gekränkt und setzte immer wieder unser Kind als Druckmittel ein." Hinzu seien Drohnungen gekommen, Markus M. zusammenschlagen lassen zu wollen.

Darüber hinaus habe Corinna S. die Diskreditierungen bei Freunden und Kollegen fortgesetzt. "Sie zeigte mich mehrmals an, behauptete, dass ich sie angeblich stalken würde." Harte Vorwürfe, vor allem vor dem Hintergrund, dass für Beamte die sogenannte Wohlverhaltenspflicht gilt. "Das gab natürlich jedes Mal ein Gespräch mit meinem Vorgesetzten und Einträge in die Akte." Einmal sei Corinna S. Plan nicht aufgegangen: Sie habe die Polizei benachrichtigt, dass Markus M. ihr wieder einmal auflauern und sie beobachten würde. "Doch zu dieser Zeit hatte ich Dienst und damit ein wasserdichtes Alibi." Die Erleichterung ist Markus M. anzusehen, als er sagt: "Mit diesem Vorfall hat sie endlich aufgehört, mich zu terrorisieren."

Die Folgen

All das Geschehene bleibt für Markus M. selbst nicht ohne Folgen. 2012 begibt er sich zum ersten Mal in psychische Behandlung wegen eines Burnouts. Weitere stationäre Therapien wegen Depressionen folgen, die letzte liegt erst ein paar Monate zurück. Mittlerweile gehe es ihm psychisch besser.

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"Aber meine berufliche Karriere kann ich vergessen", sagt er. "Natürlich hinterließen die Geschehnisse daheim Spuren und ich wurde mehr als einmal suspendiert. Hinzu kamen die psychischen Erkrankungen und mittlerweile werde ich nur noch im Innendienst eingesetzt", sagt Markus M. "Ich bin nun der Kollege, der eh einen an der Klatsche hat." Bis zur Pensionierung sind es noch einige Jahre. "Die will ich aber auf jeden Fall durchhalten."

Die Zeit danach

„Über Gefühle zu sprechen, habe ich erst in den Therapien gelernt und das hat mir sehr gutgetan“, sagt Markus M. auf die Frage, wie er nun, mehrere Jahre später mit dem Erlebten umgeht. Auch seine Sicht auf Männer in der Opferrolle hat sich geändert: "Man bekommt einen Blick dafür, wer ähnliches erlebt." Das bedeute aber nicht, dass der Betroffene erleichtert wäre, darauf angesprochen zu werden: „Ich habe oft gemerkt, dass sich diese Männer dann abwenden und den Kontakt vermeiden. Die Scham ist einfach zu groß, das Thema ein richtiges Tabu.“

Ein Mann und Opfer häuslicher Gewalt: Markus M. (Name geändert) spricht in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse.
Ein Mann und Opfer häuslicher Gewalt: Markus M. (Name geändert) spricht in Waldshut-Tiengen über seine Erlebnisse. | Bild: Olheide, Monika

Markus M. hat wieder eine Beziehung. Lange habe er nicht geglaubt, sich je wieder auf eine Frau einlassen zu können. Das Verlieben funktioniere nicht mehr so einfach: „Schmetterlinge im Bauch bekomme ich wohl einfach nicht mehr.“

Doch auch den Beziehungsalltag würden die Erfahrungen belasten: „Dieses grundsätzliche Vertrauen ist weg. Ich bin misstrauisch, habe immer im Hinterkopf, was passieren kann.“ Wie es dennoch funktioniert? „Sie hat viel Geduld mit mir und wir schaffen es, indem wir bedingungslos ehrlich sind – auch dann wenn es weh tut.“ Zusammenziehen wollen die beiden nicht. Es brauche jeder seinen eigenen Bereich, seinen Zufluchtsort. Markus M. will versuchen, nach vorne zu schauen und das Beste aus seinem Leben zu machen. Das wichtigste für ihn: "Ich will nie wieder Opfer sein!"

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