Wenn es außenrum zu mühsam ist, gibt es eine Alternative: Mitten durch. Das haben die Schweizer in Schaffhausen beherzigt: Der Galgenbucktunnel soll den Autobahnanschluss Schaffhausen Süd verbessern und Neuhausen am Rheinfall vom Durchgangsverkehr in und aus Richtung Klettgau entlasten. Rund 25.000 Fahrzeuge sind täglich hier unterwegs, erläutert Projektleiter Andreas Weidinger vom Bundesamt für Straßen ASTRA. Hier die wichtigsten Antworten zum 240-Millionen-Franken-Projekt:

1. Wie wurde der Berg durchquert?

Der Galgenbucktunnel wurde von der Engi im Westen her im Sprengvortrieb gebaut. Auf der gesamten Tunnellänge wurde zuerst die obere Tunnelhälfte, die so genannte Kalotte, ausgebrochen, anschließend die untere Tunnelhälfte, die Strosse genannt wird. „Erst wenn beide Teile ausgebrochen und somit die komplette Tunnelröhre hergestellt ist, liegen stabile Verhältnisse vor. Dies war bei der Unterquerung von Neuhausen am Rheinfall ein wichtiger Aspekt", erklärt Diplomingenieur Weidinger.

2. Warum kam keine Tunnelbohrmaschine zum Einsatz?

Im Bereich der Tunnelausfahrten werden aus den zwei Fahrbahnen drei Spuren. "Hier wäre eine der bis zu 300 Meter langen Tunnelbohrmaschinen ungeeignet gewesen, da diese auf der gesamten Streckenlänge nur einen vorgängig definierten Durchmesser auffährt", so Weidinger. Des Weiteren waren die geologischen Verhältnisse für eine Tunnelbohrmaschine nicht geeignet. Ein Einsatz auf einer vergleichsweise kurzen Strecke wie der in Schaffhausen lohne sich zudem nicht.

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3. Welche Besonderheiten gab es hinsichtlich des Tunnelbaus?

Der Galgenbucktunnel hat von Westen her aus Richtung Klettgau ein maximales Gefälle von 4,5 Prozent. Der Bau wurde von dieser Seite, dem Portal Engi her, vorangetrieben. Auch das keine gewöhnliche Tunnelbau-Routine: "Normalerweise arbeitet man sich vom tieferen Portal zum höher gelegenen vor", sagt Weidinger. So könne das anfallende Wasser einfach abfließen und müsse nicht abgepumpt werden.

Portal Bahntal: Blick auf die neu erstellte Charlottenfelsbrücke über die Schaffhauser­straße. Oben auf dem Berg das Schloss Charlottenfels. Gut zu sehen ist das Tunnelportal Bahntal. Der Tunnel verbindet den bestehenden Eisenbahntunnel der Bahnstrecke Schaffhausen-­Erzingen.
Portal Bahntal: Blick auf die neu erstellte Charlottenfelsbrücke über die Schaffhauser­straße. Oben auf dem Berg das Schloss Charlottenfels. Gut zu sehen ist das Tunnelportal Bahntal. Der Tunnel verbindet den bestehenden Eisenbahntunnel der Bahnstrecke Schaffhausen-­Erzingen. | Bild: Bundesamt für Straßen ASTRA

In Schaffhausen war das allerdings keine Option, wie Weidinger erklärt: "Beim Autobahnanschluss Bahntal ist es räumlich gesehen sehr eng. Hinzu kam, dass der Verkehr während der gesamten Bauphase des Tunnels trotzdem bestehen blieb." Eine Installationsfläche für den Tunnelbauer oder eine Zwischenlagerung von Ausbruchmaterial wäre hier nicht möglich gewesen.

4. Gab es weitere Herausforderungen?

Die Rücksicht auf den Bahnverkehr spielte auch beim Galgenbucktunnel in der Schweiz eine wichtige Rolle. Denn der Tunnel kreuzt unterirdisch den bestehenden Eisenbahntunnel der DB-Strecke Schaffhausen-Erzingen.

Im Bereich des östlichen Tunnelportals unterquert der Galgenbucktunnel den Bahntunnel. (April 2019)
Im Bereich des östlichen Tunnelportals unterquert der Galgenbucktunnel den Bahntunnel. (April 2019) | Bild: Olheide

Hier betrug der Abstand nur knapp sechs Meter. „Vor allem in der Phase der Sprengungen galt hier besondere Vorsicht, damit der Eisenbahntunnel den Bau des Galgenbuckunnels unbeschadet übersteht“, sagt Andreas Weidinger.

„Wir werden den Zeitplan voraussichtlich auf den Monat genau einhalten können und liegen hinsichtlich der Kosten sogar unter dem veranschlagten Budget“, Projektleiter Andreas Weidinger vom Bundesamt für Straßen ASTRA.
„Wir werden den Zeitplan voraussichtlich auf den Monat genau einhalten können und liegen hinsichtlich der Kosten sogar unter dem veranschlagten Budget“, Projektleiter Andreas Weidinger vom Bundesamt für Straßen ASTRA. | Bild: Bundesamt für Straßen ASTRA

Doch der Eisenbahntunnel war nicht das Schwierigste. "Die Linienführung des Tunnels verläuft unter etwa 120 Wohnhäusern", gibt Weidinger zu bedenken. Das verlangte den Tunnelbauern ein hohes Maß an Fingerspitzengefühl ab, insbesondere während der Sprengungen. "Wir mussten sicher gehen, dass die Gebäude keinen Schaden nehmen. Durch die geologisch bedingten, kürzeren Abschlagslängen waren die Erschütterungen nur in wenigen Einzelfällen in der Nähe des festgelegten Grenzwertes."

5. Wie steht es um die Sicherheit des Galgenbucktunnels?

„Der Tunnel ist hinsichtlich der Sicherheitsausrüstungen auf dem aktuellsten Stand", erläutert Weidinger. Wer den Tunnel durchfährt, sieht nur einen Ausschnitt. Denn das Bauwerk ist rund.

Über der Fahrbahn verläuft der Abluftkanal, unter der Fahrbahn der Werkleitungskanal, der im Notfall auch als Fluchtstollen dient. Von hier aus wird der Tunnel mit Strom versorgt. Elektrizität ist für die Sicherheit entscheidend, denn nicht nur die Beleuchtung, sondern auch die Technik rund um SOS-Nischen, Notausgänge, Lüftung, sowie Überwachungs- und Kameratechnik müssen mit Energie versorgt werden.

Im Brandfall werden Rauchgase über zwei Abluftventilatoren mit jeweils 2,80 Meter Durchmesser an der Decke in den Abluftkanal über die Fahrbahn gesogen. Auch für Löschwasser ist gesorgt: Im Tunnel stehen in regelmässigen Abständen Hydranten zur Verfügung, die über eine Ringleitung durch den Werkleitungskanal mit Wasser versorgt werden.

6. Wie wird die Situation im Tunnel kontrolliert?

Kommt es zu Störungen im Verkehrsfluss, wird dies durch Videokameras und Bildauswertung erkannt. Die Polizei kann direkt über Maßnahmen entscheiden, beispielsweise die Reduzierung der Durchfahrtsgeschwindigkeit oder sogar die Tunnelsperrung. Möglich wird dies durch elektronisch schaltbare Signaltafeln. Neben den Kameras gibt es weitere Sensoren, die beispielsweise Werte der Luftströmung oder die Partikelbelastung messen.

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7. Ab wann wird der Verkehr hier fließen?

„Aktuell laufen die Ausrüstungsarbeiten im Tunnel“, sagt Projektleiter Weidinger und weiter: „Wir werden den Zeitplan voraussichtlich auf den Monat genau einhalten können und liegen hinsichtlich der Kosten sogar unter dem veranschlagten Budget.“

Arbeiten an der westlichen Tunneleinfahrt des Galgenbucktunnels (April 2019).
Arbeiten an der westlichen Tunneleinfahrt des Galgenbucktunnels (April 2019). | Bild: Olheide, Monika

Ein großer Erfolg für das gesamte Projektteam und eine gute Nachricht für die Verkehrsteilnehmer: Voraussichtlich im Dezember 2019 wird die Strecke freigegeben werden können.

Zahlen, Fakten und Zeitplan

  • Das Bauprojekt: Der Galgenbucktunnel ist als zweispuriger Tunnel im Gegenverkehr angelegt. Neben 1061 Metern Tunnel umfasst das Bauwerk zwei oberirdische Abschnitte: Das Bahntal im Osten, wo der Tunnel mit zwei Brücken an das bestehende Straßennetz angeschlossen wird, und der Anbindung an die Klettgauerstraße im westlichen Bereich Engi. Hinsichtlich der Kosten kalkuliert das Bundesamt für Straßen ASTRA mit rund 240 Millionen Franken.
  • Der Tunnelausbau: Die Dicke der Betoninnenschale beträgt zwischen 30 Zentimetern auf der zweispurigen Strecke und 50 Zentimetern im Bereich der dreispurigen Vorsortierstreifen an den Tunnelportalen.
  • Die Chronologie:
    2011: Start der Vorarbeiten für den Galgenbucktunnel im Januar und offizieller Spatenstich im Oktober.
    2013: Im Juli beginnt der Tunnelvortrieb von Westen her (Portal Engi). 171.000 Kubikmeter Gestein werden insgesamt abgetragen.
    2016: Am 5. Februar wird termingerecht der Durchschlag im Bahntal gefeiert. Im Sommer beginnt der Innenausbau des Tunnels, also die Abdichtung und Betonierung der Innenschale. 37.700 Kubikmeter Beton – das würde ausreichen für etwa 200 Einfamilienhäuser – und 1750 Tonnen Armierungsstahl werden bis Juli 2018 verbaut.
    2018: Der Tunnel wird mit Betriebs- und Sicherheitstechnik, Straßenbelag und und Installationen ausgerüstet. Die Straßenbauarbeiten im Bahntal und der Anschluss an das bestehende Straßennetz werden weitestgehend abgeschlossen.
  • Der Zeitplan:
    2019: Anschluss des Tunnels an das bestehende Straßennetz in der Engi. Hier entsteht ein weiterer Kreisverkehr, der zwischen dem bestehenden Kreisel und der Tunneleinfahrt gebaut wird. Die für den Verkehr spürbaren Arbeiten finden vor allem in der zeit zwischen April und September statt. Im Dezember 2019 soll der Galgenbucktunnel voraussichtlich für den Verkehr freigegeben werden.
Monika Olheide

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