Das Atomkraftwerk im schweizerischen Leibstadt gegenüber Waldshut musste nur zwei Tage nach dem Wiederanfahren abgeschaltet werden. Nach der vierwöchigen Jahresrevision hatte die Schweizer Atomaufsichtbehörde Ensi zu Beginn dieser Woche die Erlaubnis für das Hochfahren des 35 Jahre alten Kraftwerks erteilt.

Defekt im Hydrauliksystem

Am Donnerstag gab das Kraftwerk bekannt, dass das Kernkraftwerk wieder still stehe. Wann die Reaktoren wieder hochgefahren werden, ist noch unklar. Auslöser der Abschaltung sei eine Ölleckage am Hydrauliksystem des Ventils eines Pumpensystems, so die Kraftwerksleitung.

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Kaum hatten die Mitarbeiter damit begonnen, das Atomkraftwerk am Ufer des Hochrheins wieder hochzufahren, zwang sie eine Fehlermeldung zum außerplanmäßigen Herunterfahren der Anlage.

„Geordnete Abschaltung“

Laut Pressemitteilung des Kraftwerks, wurde am Donnerstag um 4.30 Uhr „im Kernkraftwerk Leibstadt mit einer geordneten Abschaltung begonnen“. Um 7 Uhr sei das Werk vom Netz gegangen.

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Mit diesem jüngsten Vorkommniss, den das Kraftwerk nach eigener Aussage unmittelbar an das Ensi (Eidgenössische Nuklearsicherheitsinspektorat) gemeldet habe, setzt sich die inzwischen lange Liste der Störfälle und außerplanmäßigen Abschaltungen fort.

Störfall folgt auf Störfall

Vor der planmäßigen Jahresrevision, die am 3. Juni begonnen hatte und in dieser Woche abgeschlossen wurde, war es am 12. Mai zu einem Störfall gekommen.

Die Dampffahne des Atomkraftwerks Leibstadt, hier im Abendrot, konnte nach der Jahresrevision 2019 nur für wenige Tage wieder in den Himmel über dem Hochrhhein steigen. Am Donnerstag musste das Kraftwerk außerplanmäßig abgeschaltet werden.
Die Dampffahne des Atomkraftwerks Leibstadt, hier im Abendrot, konnte nach der Jahresrevision 2019 nur für wenige Tage wieder in den Himmel über dem Hochrhhein steigen. Am Donnerstag musste das Kraftwerk außerplanmäßig abgeschaltet werden. | Bild: Gerard, Roland

Wegen eines fehlerhaften Vordruck-Reglers schaltete sich der Reaktor automatisch ab. Am 24. April hatte ein ähnlicher Vorfall ebenfalls zu einer Schnellabschaltung geführt.

Das sagt die Atomaufsicht

Nach dem jüngsten Vorfall befinde sich das Atomkraftwerk Leibstadt „in einem sicheren Zustand“, so die Schweizer Atomaufsicht. Das Ensi schreibt auf seiner Internetseite dazu: „Das Ensi wurde vorschriftsgemäß informiert und hat das Ereignis auf der internationalen Ereignisskala Ines vorläufig der Stufe 0 (Ereignis ohne oder mit geringer sicherheitstechnischer Bedeutung) zugeordnet.“

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Und: „Es gab keine erhöhten Abgaben von Radioaktivität an die Umwelt. Das Maduk-System (Messnetz des ENSI zur automatischen Dosisleistungsüberwachung in der Umgebung der Kernkraftwerke) zeigte keinen Anstieg der Radioaktivität.“

Das sagen Umweltexperten

Die Kernkraftwerke Beznau und Leibstadt stehen seit langem in der Kritik: Viel zu alt, viel zu anfällig, heißt es vor allem von den beiden Beznau-Reaktoren, die seit 1969 und 1971 in Betrieb sind und zu den dienstältesten der Welt zählen (Leibstadt ging 1984 in Betrieb). In einer Studie kommt das Institut Biosphère in Genf jetzt zu einem alarmierenden Ergebnis.

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Die Schweiz sei auf einen großen Nuklearunfall einer ihrer Kernkraftwerke nur „unzureichend vorbereitet“ schreiben die Autoren. Bis zu 100 000 Menschen könnten bei einem Super-Gau allein eines der untersuchten Kernkraftwerke in der Schweiz und besonders in Deutschland Krebs-, Herz-Kreislauferkrankungen sowie Schäden des Erbguts davontragen. Außerdem müssten bis zu 500.000 Menschen dauerhaft umgesiedelt werden.

Die Störfälle im Jahr 2018

Laut Aufsichtsbericht zählte das Ensi 2018 in Summe 33 meldepflichtige Vorkommnisse an den vier Schweizer Atomkraftwerken. Drei betrafen den Block 1, der nach drei Jahren Stillstand 2018 wieder in Betrieb ging, und ein weiteres Vorkommnis den Block 2 des Kernkraftwerks Beznau. Vier Vorkommnisse gab es beim Kermkraftwerk Mühleberg (Kanton Bern), 13 beim Kernkraftwerk Gösgen (Kanton Solothurn) und zwölf in Leibstadt.

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Eine eingeschränkte Verfügbarkeit von drei der fünf Divisionen mit Systemen zur Nachwärmeabfuhr und Kernnotkühlung in Leibstadt führte zu einer Ines-1-Bewertung auf der internationalen Ereignisskala. Ebenfalls mit Ines 1 (von insgesamt sieben Stufen) bewertete das Ensi einen Dosisleistungsanstieg bei der Lagerung des Wasserabscheiders in Leibstadt. Die übrigen Vorkommnisse wurden als Ines 0 eingestuft.