Hedi Müller aus Albbruck-Birndorf wird für ihr vielfältiges ehrenamtliches Engagement mit dem Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet. In ihre Freude darüber mischen sich gleichzeitig Trauer und Wehmut. Erst vor wenigen Monaten starb ihr Mann Anton Müller, der 44 Jahre lang ihr Weggefährte war, und auch wenn er nicht so oft in der Öffentlichkeit zu sehen war, trug er alle ihre Aktivitäten in voller Überzeugung mit. Idee der Initiatoren der Verdienstkreuz-Verleihung war es, dass das Ehepaar die Würdigung noch gemeinsam erlebt.

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Es hat nicht sollen sein. Doch weil niemand im Ehrenamt „alleine“ handelt und weil viele Freunde, Helfer, Mitstreiter und auch der große Familienverbund mit dieser Auszeichnung Hedi Müllers jahrzehntelanges Engagement auf vielen Ebenen gewürdigt sehen, wird die Ordensverleihung am Freitag, 8. Oktober, im Bürgersaal in Birndorf in überschaubarem Rahmen stattfinden, inklusive Hommage an den Verstorbenen.

Ehrenamtliches Engagement bei Amnesty International in der 1970er-Jahren, Elternbeirätin im Kindergarten Birndorf und der Robert-Schuman-Realschule in Waldshut, Mitglied im Partnerschaftskomitee Waldshut-Blois-Lewes und im Pfarrgemeinderat Birndorf: Die Liste der Aktivitäten ist stattlich.

Mitbegründerin des Weltladens Waldshut

Öffentliche Aufmerksamkeit erfuhr Hedi Müllers Handeln im Kreis Waldshut und darüber hinaus seit Anfang der 2000er Jahre. Sie war Mitbegründerin und viele Jahre Kassiererin des Weltladens in Waldshut, weil sie sich schon immer für jene Menschen auf der Welt interessierte und einsetzte, die mit Armut, Katastrophen, Hunger und Not zu kämpfen haben. Seit 2006 ermöglichte sie über viele Jahre jeden Sommer Kindern aus der Atom-Reaktor-Katastrophenregion Tschernobyl erholsame Wochen bei Patenfamilien am Hochrhein.

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Begonnen hatte alles eher zufällig. Beim Einkaufen in Waldshut war Hedi Müller einer Frau begegnet, die damals ein zehnjähriges Mädchen bei sich aufgenommen hatte und drastisch und schnörkellos über die Lebensumstände der Kinder in Weißrussland berichtete. „Das hörte sich für mich unglaublich an“, erinnert sich Müller. „Das wollte ich mit eigenen Augen sehen und nachprüfen.“ Leider war das, was sie im Jahre 2004 in Ritschow, dem Heimatdorf eben dieses Mädchens, vorfand „noch viel schlimmer“. Der Gedanke, nicht einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen, sondern wenigstens einigen jungen Menschen zu Bildung und einer Existenzgrundlage zu verhelfen, ließ Hedi Müller fortan nicht mehr los.

Gründerin des Vereins Zukunft für Ritschow

Im Mai 2007 gründete sie – zusammen mit Gleichgesinnten und am Schicksal der Menschen von Tschernobyl Interessierten – den Verein Zukunft für Ritschow, der nachhaltige Projekte zur Verbesserung der Infrastruktur in der Stadt Schitkowitschi und im Dorf Ritschow im Süden von Belarus, etwa 200 Kilometer Luftlinie von Tschernobyl entfernt.

Viele bedeutende Bau- und Renovierungsarbeiten wurden seither mit Spenden, Fördergeldern und partnerschaftlichen Arbeitseinsätzen realisiert. Ein Kindergarten, eine Turnhalle, ein Schulspeisesaal, die Schulküche und das Kulturhaus in Ritschow. Im Gymnasium Schitkowitschi Toilettenanlagen, Feuerschutztüren und Teile der Kücheneinrichtung. Das staatliche Krankenhaus in Schitkowitschi erhielt ein neues Gastroskop, die Kinderstation wurde saniert, Badezimmer und Toiletten installiert. Zu den laufenden Förderprogrammen für Kinder und Jugendliche zählen regelmäßige Sommererholungen, die natürlich in jüngster Zeit coronabedingt ausfallen mussten. Außerdem betreut der Verein mehr als 126 Stipendiaten, nur drei davon haben keinen Abschluss erhalten.

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Das jährliche Budget des Vereins beträgt mittlerweile etwa 100.000 Euro. Neben den Beiträgen der Mitglieder und privaten Spenden aus Deutschland, Kanada und der Schweiz erhält der Verein auch Fördergelder (zum Beispiel vom Goethe-Institut, Robert Bosch Stiftung, Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung). Mittlerweile hat der Verein etwa 100 Mitglieder.

Hilfe vor Ort

Hedi Müller hat es sich all die Jahre nicht nehmen lassen, die Aktionen immer wieder vor Ort zu begleiten. Und wenn es bei einer Hilfsgüter-Lieferung eine Panne gab, bei den Arbeiten vor Ort Werkzeug fehlte oder sonst etwas Unvorhergesehenes passierte, konnte sie sich stets auf ihren Mann verlassen. Denn als Geschäftsmann und Chef der Waldshut-Tiengener Firma FAB-Anlagenbau mit Projekten in aller Welt, kannte Anton Müller immer einen Geschäftspartner, der einen anderen kannte, der bereit war, spontan aus der Bredouille zu helfen.

Auch wenn Corona und die politischen Umstände derzeit keine Besuche in Belarus zulassen, so leben die Kontakte sehr wohl weiter. „Wir können nur abwarten und hoffen“, sagte Hedi Müller. Gerne würde sie im November hinfliegen und die Freunde dort besuchen.