Die meisten Wehrer werden schon einmal in der Georg-Kerner-Straße gewesen sein. Sie führt am alten Spital vorbei und ist allgemein bekannt. Das kann man von ihrem Namensgeber leider nicht mehr sagen. Wer war dieser Kerner und wieso wurde nach ihm ausgerechnet diese Straße benannt?

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Vor 80 Jahren hätte man wegen solcher Fragen nur den Kopf geschüttelt. Damals war Georg Kerner ein Begriff. Ob Pockenimpfung, Tuberkulose, Knochenbrüche oder Geburten – fast immer hatte der erste akademisch ausgebildete und in Wehr praktizierende Arzt seine Hände im Spiel. Und nicht nur das. Der 1850 geborene Gründer der Wehrer Sanitätskolonne (1901) unterstützte den Neubau der Talschule und hob 1905 den Verkehrs- und Verschönerungsverein aus der Taufe.

Arzt tut sich auch als Dichter und Redner hervor

Kerner war die treibende Kraft bei der Aufstellung von drei Denkmalen (1895 Bahnhofsplatz, 1909 Rathauspark und 1923 vor St. Martin). Als Kulturbürger erkannte Kerner die Bedeutung der Burgruine Werrach und machte sie zur Feststätte. Er schrieb Gedichte und Prologe für Veranstaltungen, war ein begnadeter Festredner und in vielen Vereinen aktiv.

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Georg Kerner entstammte einer bedeutenden schwäbischen Familie. Zu seinen Vorfahren zählten Ärzte, Dichter, kritische Demokraten, aber auch Spitzenbeamte des Königs von Württemberg. Kerners Vater Theobald – wen wundert‘s? – war ebenfalls Dichter und Arzt.

In die Fußstapfen des Vaters

Er saß als 1848er Freiheitskämpfer sogar im Gefängnis. Kerner trat in die Fußstapfen seiner Vorfahren und wurde ebenfalls Mediziner. Nach dem Studium in Würzburg und Freiburg ließ er sich 1877 in Wehr nieder und heiratete ein Jahr später Ida Hansen. Diese wurde 1894 in den Vorstand des Frauenvereins gewählt, in dem ihr Ehemann gut ein Jahrzehnt später eine führende Rolle als Beirat spielen sollte.

Kerner wird Beirat im Frauenverein

Der Beginn dieses Kapitels der ehrenamtlichen Arbeit Kerners ist fotografisch dokumentiert. Das Foto entstand Ende Mai 1906. Der bisherige Beirat des Vereins, der Wehrer MBB-Chef Joseph Raphael Schenz, war im März 1906 überraschend verstorben.

Ein historischer Augenblick: Georg Kerner (hinten rechts) nimmt Ende Mai 1906 im Vorstand des Frauenvereins die Wahl zum Beirat an. Der junge Mann in der Mitte ist Otto Schenz, ebenfalls zum Beirat gewählt. Seine Mutter Clothilde sitzt links am Tisch mit dem Foto des MBB-Gründervaters Joseph Raphael Schenz.
Ein historischer Augenblick: Georg Kerner (hinten rechts) nimmt Ende Mai 1906 im Vorstand des Frauenvereins die Wahl zum Beirat an. Der junge Mann in der Mitte ist Otto Schenz, ebenfalls zum Beirat gewählt. Seine Mutter Clothilde sitzt links am Tisch mit dem Foto des MBB-Gründervaters Joseph Raphael Schenz. | Bild: Archiv Valenta

Er hatte beim Bau und der Finanzierung des vom Frauenverein betriebenen Josefs-Hauses (heute Kiga St. Josef) eine überragende Rolle gespielt. Seine Ehefrau Clothilde – seit Gründung des Frauenvereins 1889 Vizepräsidentin – war eng mit den Kerners befreundet. Sie sorgte dafür, dass Georg Kerner in die Fußstapfen ihres verstorbenen Mannes trat.

Kochkurse für Fabrikarbeiterinnen

Als Mediziner war Kerner der ideale Beirat. Der Verein betrieb nicht nur die „Kinderschule“ (= Kindergarten), sondern entfaltete eine breit angelegte Sozialarbeit. Das Spektrum reichte von der Armen- und Krankenhilfe über Kochkurse für Fabrikarbeiterinnen bis hin zur Tuberkuloseprävention. In all diesen Bereichen war Kerners segensreiche medizinische Expertise gefragt.

Ein anders Kapitel ist die Rolle, die er beim Aufbau der Sanitätsstrukturen für den Kriegsfall spielte. Kerner war ein Kind seiner Zeit und infiziert vom extremen Nationalismus. Im Gegensatz zu seinem demokratisch gesinnten Vater Theobald bejubelte er kritiklos die Obrigkeit und setzte begeistert die gegen den „Erbfeind“ Frankreich gerichteten strategischen Planungen der Generalität im Sanitätsbereich um.

Er bildete Krankenschwestern für den Lazarettdienst und Sanitäter für die Front aus. Als 1914 der Krieg ausbrach, betreute er aufopferungsvoll und lange Zeit ehrenamtlich die Verwundeten im Wehrer sowie im Öflinger Lazarett und ging dabei bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit.

Georg Kerner im Jahr 1916. Damals war er Lazarettarzt in Wehr und Öflingen.
Georg Kerner im Jahr 1916. Damals war er Lazarettarzt in Wehr und Öflingen. | Bild: Archiv Valenta

1927 wird er Ehrendoktor in Freiburg

Kein Wunder, dass er 1917 noch während des Krieges zum Ehrenbürger ernannt wurde. Zwei Weltkriege später sind wir an Erfahrung reicher. Wir haben das Glück der Nachgeborenen und keinen „Erbfeind“ mehr. Auch deshalb ist und bleibt der 1930 verstorbene Georg Kerner eine große Persönlichkeit der Wehrer Geschichte.

1908 zum Medizinalrat befördert, wurde er 1927 Ehrendoktor der Universität Freiburg. Dass jene Straße, die er so oft zum Spital gegangen ist, damals nach ihm benannt wurde, war eine gute Entscheidung. Heute wäre Kerner vielleicht Vorsitzender des Freundeskreises der Städtepartnerschaften.

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