Gurtweil steht im wahrsten Sinn des Wortes unter Strom. Zwei große Umspannwerke prägen den Ort, deren Zu- und Ableitungen verlaufen teilweise über den Häusern des größten Stadtteils der Doppelstadt. Im Zuge des geplanten Neubaus einer der beiden Trafostationen hatte der Gurtweiler Engelbert Maier die Idee ins Spiel gebracht, die Umspannwerke auf den nahen Hungerberg zu verlegen.

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Die von vielen begrüßte Variante ist nun aber endgültig vom Tisch. Die beiden Übertragungsnetzbetreiber Amprion und TransnetBW bleiben mit einem gemeinsamen Umspannwerk am Standort Gurtweil/Tiengen im Tal. Allerdings mit einer deutlich verbesserten Variante als zunächst geplant. Eine Entscheidung, die im Gemeinderat von Waldshut-Tiengen begrüßt wurde.

Wie ist der Status quo und warum wurde überhaupt über eine Verlagerung der Umspannwerke auf den Hungerberg diskutiert?

Im Jahr 2018 präsentierte der Übertragungsnetzbetreiber Amprion seine Neubaupläne am Standort Gurtweil/Tiengen. Kaum waren die Pläne öffentlich, setzte sich der Gurtweiler Ingenieur Engelbert Maier an seinen Computer und erarbeitete eine aufwendige Studie, wie die beiden Trafostation von Amprion und TransnetBW auf den Hungerberg verlagert werden könnten, um Gurtweil so nicht nur von den Umspannwerken, sondern auch von den zahlreichen Hochspannungsleitungen zu befreien. Eine von der Stadt Waldshut-Tiengen in Auftrag gegebenen Studie bewertete die Idee von Engelbert Maier als grundsätzlich machbar.

Stand heute: Die beiden Umspannwerke (gelb, TransnetBW; türkis, Amprion) prägen die Fläche zwischen Gurtweil und Tiengen. Über Gurtweil verlaufen noch drei 220-Kilovolt-Leitungen (rot).
Stand heute: Die beiden Umspannwerke (gelb, TransnetBW; türkis, Amprion) prägen die Fläche zwischen Gurtweil und Tiengen. Über Gurtweil verlaufen noch drei 220-Kilovolt-Leitungen (rot). | Bild: privat, Amprion

Weshalb wollen Amprion und TransnetBW nun doch im Tal bleiben?

Die ausschlaggebenden Gründe für die Entscheidung im Tal zu bleiben und die Variante Hungerberg zu verwerfen, seien genehmigungsrechtliche Verfahrensrisiken und zwingende Inbetriebnahmedaten, wie Sprecher beider Unternehmen unisono vor dem Gemeinderat erklärten.

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Oder anders ausgedrückt: Eine Verlegung auf den Hungerberg sei weder terminlich umsetzbar noch ökonomisch vertretbar. Aufgrund der technischen Abhängigkeit vom Übertragungsnetz bleiben somit auch die regionalen Verteilnetzbetreiber ED Netze und Netze BW im Tal.

Stand 2030: Das neue gemeinsame Umspannwerk von Amprion und TransnetBW (rot). Bild: privat, Amprion
Stand 2030: Das neue gemeinsame Umspannwerk von Amprion und TransnetBW (rot). Bild: privat, Amprion | Bild: privat, Amprion

Wo liegen trotz des Verbleibs im Tal die möglichen Vorteile für die Bürger in Gurtweil?

Amprion und TransnetBW planen als Ersatz für die zwei bestehenden und weit auseinanderliegenden Freiluft-Trafostationen eine gemeinsame 380-Kilovolt-Anlage. Diese soll flächensparend als sogenannte gasisolierte Schaltanlage (GIS) in geschlossener Bauweise auf eigenen Grundstücken der Netzbereiter realisiert und weiter entfernt von der Wohnbebauung in Gurtweil und Tiengen liegen. Solche gekapselten Anlagen verbrauchen deutlich weniger Platz als Freiluft-Stationen.

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Dadurch werde nach Inbetriebnahme im Jahr 2030 eine Fläche von etwa 84.000 Quadratmetern frei. Über deren Nutzung möchten die Vertreter von Amprion zu gegebener Zeit mit der Stadtverwaltung sprechen. Zudem sollen neue Leitungen ausschließlich in bestehenden Trassen gebaut und mit bestehenden Trassen gebündelt werden. Ab 2030 können zudem drei 220-Kilovolt-Leitungen, die Gurtweil derzeit noch überspannen, zurück gebaut werden. Gleiches gilt laut Amprion und TransnetBW auch für die bestehenden 220-Kilovolt-Anlagen im Tal.

Weshalb drücken die beiden Netzbetreiber so aufs Tempo?

Laut Jörg Weber von Amprion müsse sein Unternehmen bis 2027 über eine 380-Kilovolt-Schaltanlage den Netzanschluss der Deutschen Bahn bereitstellen, damit diese die geplante Elektrifizierung der Hochrhein-Bahn umsetzen kann. TransnetBW und Amprion hätten zudem den gesetzlichen Auftrag, das Gemeinschaftsprojekt P206 Hochrhein aus dem Netzentwicklungsplan beziehungsweise das Vorhaben Nummer 23 aus dem Bundesbedarfsplangesetz bis zum Jahr 2030 zu realisieren. Der Standort Gurtweil/Tiengen sei als wichtiger Netzknotenpunkt ein zentraler Bestandteil dieser Planungen.

Was sagen Verwaltungsspitze und Gemeinderat zu den Plänen?

Oberbürgermeister Philipp Frank zeigte sich im Rahmen eines Pressegesprächs erfreut und stolz, dass mit Engelbert Maier ein Bürger Gurtweils mit seiner Idee Hungerberg den Impuls für die jetzige Lösung gegeben habe. „Deshalb möchte ich ausdrücklich meine große Wertschätzung für Engelbert Maier zum Ausdruck bringen.“

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Gurtweils Ortsvorsteher Claudio Helling dankte im Gemeinderat Engelbert Maier „für seinen großen Einsatz“ und sagte weiter: „Wir begrüßen die jetzt präsentierten Pläne, auch wenn die große Lösung noch besser gewesen wäre.“ Werden die Pläne wie präsentiert umgesetzt, wird Gurtweil ab 2030 nur noch von einer einzigen Stromleitung überspannt. Auf Nachfrage von Harald Würtenberger (Freie Wähler) erklärte Jörg Weber (Amprion), dass es Gespräche mit dem Betreiber dieser Leitung gebe, diese auch noch zu verlegen. Auf Nachfrage Claudio Hellings bekräftige Amprion-Sprecher Weber die Zusage an den Tennisclub Tiengen für einen Neubau seiner Anlage. Der Club muss sein Gelände für die neue Trafostation räumen.

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