New York City ist für seine hochragenden Wolkenkratzer bekannt, die so genannten „Skyscraper“. Diese drücken sinnbildlich die aufstrebende Neue Welt und deren sozialwirtschaftliche Motivation aus. Ein besonderes kulturelles Kleinod entdeckt der aufmerksame Besucher im beschaulichen Lewes in der Grafschaft East Sussex in der Alten Welt. Bestandteil so manchen Gebäudes in der britischen Partnerstadt von Waldshut-Tiengen sind so genannte „Boot scraper“, die oftmals die unterste Stufe eines Treppenhauseingangs zieren oder geschickt ins Ziegelgewerk hineingemauert wurden. Wie der Name sagt, haben diese „Stiefelkratzer“ oder „Stiefelschaber“ die Funktion, dem Träger des Schuhwerks die Gelegenheit zu geben, sauberen Fußes das Haus zu betreten oder zumindest seine Stiefel so vom Schmutz zu reinigen, dass sie beim nächsten Ausgang ohne allzu große Drecksklumpen wieder ihrem zugedachten Zwecke dienen.

Neben vielen Haustüren in Waldshut-Tiengens britischer Partnerstadt Lewes finden sich die althergebrachten Stiefelkratzer.
Neben vielen Haustüren in Waldshut-Tiengens britischer Partnerstadt Lewes finden sich die althergebrachten Stiefelkratzer. | Bild: Hartmut Schölch

Auffällig ist die kunstvolle Art ihrer Ausführung und die Vielzahl der Objekte. Formgebung, Muster, Verzierung, Farbe in allen Varianten. Die meisten Menschen gehen achtlos an den Kleinoden vorbei. Verständlicherweise, denn sie liegen nicht gerade in Augenhöhe und wer richtet beim Gehen schon seinen Blick nach unten? Ihren Nutzen haben die „Boot scraper“ heutzutage vielleicht auch ein wenig verloren. Haben sie jedoch einmal die Aufmerksamkeit des aufmerksamen Stadterkunders erhascht, lassen sei einen nicht mehr los.

Reichlich Spielraum für Interpretationen bietet der mögliche Ansatz einer soziologischen Betrachtung. Die Funktion der Stiefelkratzer ist schnell begriffen: Sie helfen, den Schuh zu reinigen. Die spannende Frage aber lautet: Wer aber nutzt diese und mit welchem sozialen Hintergrund? Dahingehende Überlegungen können überall hin führen, ganz sicher aber in die Vergangenheit. Werfen wir also einen spekulativen Blick zurück.

Freistehende Variante eines Stiefelkratzers, wie sie zum Ortsbild der britischen Partnerstadt Lewes gehören.
Freistehende Variante eines Stiefelkratzers, wie sie zum Ortsbild der britischen Partnerstadt Lewes gehören. | Bild: Hartmut Schölch

Zuerst einmal drängt sich der nahe liegende Gedanke an intensive Landwirtschaft auf. Nicht zuletzt auf Grund der Lage von Lewes inmitten der South Downs. Heute ein Nationalpark von bester Güte, eignet sich die hügelige Umgebung in Kombination mit dem kalkhaltigen und fruchtbaren Boden von jeher für landwirtschaftliche Nutzung. Kommt der Bauer vom Felde, kann er den Schmodder abstreifen, bevor er sich auf seinen Ohrensessel freut.

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Oder ist es doch mehr die Tatsache, dass im Good Old England, also vor Zeiten von gepflasterten Wegen und geteerten Straßen, in Zeiten vor Brexit und Klimawandel, der Regen von oben solche Arbeit leistete, dass der Weg der alltäglichen Verrichtungen eine recht klumpigfeuchte Angelegenheit war.

Es kann natürlich auch sein, dass die lästigen Rückstände am Schuhwerk auf Hinterlassenschaften von Großgetier zurückzuführen sind. Wird eine Kuhherde durch das Dorf getrieben oder springt der Reiter von Ross, dann kann man ja durchaus versehentlich wo hineintreten. Wer kennt das nicht?

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Stellt sich nun aber die Frage: Wer hat schon ein Ross? Arm oder Reich? Und wofür dient es? Status oder Arbeitsmittel? Nun gut, wer sich ein Haus in der Stadt leisten kann, hat auch ein Fortbewegungsmittel vor der Haustür stehen. Damals wie heute, nur die PS-Stärke hat sich im Laufe der Zeit verändert. Auffällig jedoch: Für die klassische Vorstellung, sein Pferd vor der Haustür anzubinden wie vor einem Saloon im Wilden Westen, gibt es keinerlei bauliche Hinweise, zum Beispiel einen eingemauerten Ring in der Wand oder eine Nische zum „Abstellen“ des Pferdes.

Unübersehbar dank teils farblich auffälliger Gestaltung ist die Tradition der Stiefelkratzer vor Haustüren in Lewes.
Unübersehbar dank teils farblich auffälliger Gestaltung ist die Tradition der Stiefelkratzer vor Haustüren in Lewes. | Bild: Hartmut Schölch

Tatsächlich sind die Stiefelschaber ein Relikt aus der Vergangenheit. Im viktorianischen Zeitalter nahm die Anzahl der für alltägliche Transporte benötigten Pferde erheblich zu. Und damit auch deren Exkremente. Darüber hinaus waren die Straßen im Winter feucht und matschig, im Sommer hingegen so trocken, dass sie mit so genannten Spreng- oder Wasserspritzwagen feucht gehalten wurden, um die Staubbildung einzudämmen. Letztlich mit dem gleichen Effekt, dass eben nun mal ein „Boot scraper“ vonnöten war.

Gespräche mit spekulativem Inhalt und etwas Philosophiererei sind in East Sussex zur Tea-Time durchaus beliebt. Aus einem solchen ergibt sich eine weitere These: Wäre es heute geboten, seine Stiefel auszuziehen, bevor man das Haus betritt, war es in Südengland in Ermangelung einer Fußbodenheizung in Kombination mit zumeist feucht-kaltem Wetter unüblich, sich seines Schuhwerks erst dann zu entledigen, bevor man sich spätabends treppauf in die Schlafgemächer verzog. Das bedeutet, dass gemeinsames Abendessen und Konversation mit der Familie mitsamt Fußbekleidung erfolgten. So sauber wie möglich eben.

Liebevoll gepflegt

Auffällig ist in Lewes, wie häufig diese „Boot scraper“ zu sehen sind und wie liebevoll sie hie und da gepflegt werden. Wie aber ist die Lage im südbadischen? In Waldshut-Tiengen sind vereinzelt Schuhabstreifer zu entdecken. Haben Sie darauf schon einmal geachtet? Ein recht schmuckloses Objekt dieser Art ist beispielsweise in der Wallstraße zu finden, ein anderes neben dem Treppenabsatz des Scheffelhofes im Ziegelfeld. Von Vielzahl allerdings kann keine Rede sein. Kann man daraus schließen, dass Waldshut-Tiengen zu früheren Zeiten nicht so landwirtschaftlich geprägt war wie einst Lewes? Die geographische Lage könnte dies bestätigen.