Herr Berner, Sie pendeln täglich von Waldshut nach Basel. Was sind in Ihren Augen die gravierendsten Mängel der Hochrheinstrecke?

Die Strecke Waldshut Basel, eigentlich Ulm Basel ist einerseits eine Fernverkehrsstrecke, andererseits eine echte Pendlerstrecke. Das eingesetzte Zugmaterial mit dem VT 612 wird aber weder Fernverkehrsreisenden noch Pendlern gerecht. Die Züge haben viel zu enge Türen für den Einstieg und Ausstieg, wobei zudem noch eine Treppe im Zug überwunden werden muss. Mit größeren und/oder einer Vielzahl an Gepäckstücken ist dies eine Zumutung.

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Der Inneraum des Zuges selbst bietet nur unzureichend Platz für die Ablage des Gepäcks. Zudem sind die Gänge äußerst eng. Aus dieser Hardwaresituation resultieren zu lange Ein- und Ausstiegszeiten, was zu Verspätungen nach Basel und in die Gegenrichtung führt. Des Weiteren ist die Verfügbarkeit der Züge VT 612 mangelhaft, da oft nur mit einem Zugteil gefahren wird und sich dadurch schnell ein menschlicher "Viehtransport" im Zug entwickelt, der die Ein-und Ausstiegszeiten weiter erhöht und final zu zusätzlichen Verspätungen führt.

Die Dieseltriebwagen des Typs VT 612 werden seit Mai 2018 auf der Hochrheinstrecke eingesetzt.
Die Dieseltriebwagen des Typs VT 612 werden seit Mai 2018 auf der Hochrheinstrecke eingesetzt. | Bild: Maximilian Halter

Wie oft kommen Sie in der Regel pro Woche zu spät in Basel an, weil der Zug Verspätung hat?

Wir haben heute Donnerstag. Diese Woche lag schon zwei Mal eine signifikante Verspätung von Waldshut nach Basel vor. Am Abend war die Situation dieselbe. Man kann sagen, dass rund ein bis zwei Mal die Woche (bei fünf Arbeitstagen sind das 20 bis 40 Prozent) eine signifikante Verspätung auf der Hochrheinstrecke, in den Zeiten, wie ich sie befahre, vorliegt.

Welche Auswirkungen hat dies auf Ihre Arbeit?

Es fehlt an Verbindlichkeit und Verlässlichkeit. Es ist nahezu unmöglich, am morgen zwischen 8 und 9 Uhr Termine wie Telefonkonferenzen oder Meetings zu planen, da man nicht weiß, wann man genau am Arbeitsplatz ist. In Summe ist dies zu meinem und zum Nachteil des Arbeitgebers.

Die Fahrt mit dem IRE von Waldshut nach Basel dauert laut Fahrplan 34 Minuten. Was war die längste Warte- beziehungsweise Fahrzeit, die Sie für diesen Streckenabschnitt erlebt haben?

Mehr als zwei Stunden.

Thomas E. Berner | Bild: privat

Was ist das Schlimmste, was Sie bislang beim Pendeln auf der Hochrheinstrecke erlebt haben?

Das Schlimmste war eine Fahrt mit nur einem Zugteil (menschlicher "Viehtransport") bei ausgefallener Klimaanlage und Außentemperaturen bei deutlich über 30 Grad vor rund drei Wochen. Ich habe mir überlegt, die Polizei zu rufen, damit der Zug stillgelegt wird, denn wenn jemand im Zug kollabiert, ist dies unverantwortlich.

Wie lange machen Sie dieses Drama schon mit?

Rund zwei Jahre. Zuvor pendelte ich 16 Jahre von Waldshut über Koblenz nach Baden (Schweiz) mit der SBB. Probleme, wie sie auf der Hochrheinstrecke vorliegen, kamen in den 16 Jahren nicht vor.

Gelber Löwe auf schwarzem Polster: ein Dieseltriebwagen von innen.
Gelber Löwe auf schwarzem Polster: ein Dieseltriebwagen von innen. | Bild: Juliane Schlichter

Falls die Situation auf der Hochrheinstrecke in nächster Zeit nicht besser wird – welche Konsequenzen ziehen Sie für sich persönlich?

Das Auto oder Motorrad sind keine Alternative. Möglich wäre, nach Laufenburg (Schweiz) zum Bahnhof mit dem Auto zu fahren und von dort nach Basel SBB zu pendeln. Aber morgens erst mit dem Auto zu fahren, ist, wenn man direkt in Waldshut wohnt, sehr unkomfortabel.

Meine Famlie und meine persönliche Work-Life-Balance leiden sehr unter der Situation und ich empfinde die Situation als echten Standortnachteil für Waldshut und für sämtliche Städte und Gemeinden an der Hochrheinstrecke.

Sollte sich zeitnah nichts ändern, erwäge ich ernsthaft, den Job zu wechseln, beispielsweise wieder in Richtung Zürich zu pendeln und damit wieder auf das Angebot der SBB zurückzugreifen, oder aber dass wir in Waldshut den "Stecker ziehen" und folglich die Hochrheinregion ganz verlassen, was aber wirklich nur das allerletzte Mittel wäre, da wir uns in Waldshut und der Region sehr wohl fühlen, dort verwurzelt sind und das eigentlich nicht wollen.

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