Bis zur nächsten Fasnacht ist es zwar noch eine Weile hin, die Mitglieder des Hochnotpeinlichen Malefiz-Narrengerichts zu Tiengen stecken aber bereits in den Vorbereitungen für die fünfte Jahreszeit. Bevor im Spätsommer der nächste Delinquent auserkoren wird, der zur nächsten Hoorigen Mess' seine Runden auf dem Folterrad drehen muss, hat das Narrengericht einen neuen Ankläger bestellt: Klaus Danner, früherer Polizeichef im Landkreis Waldshut, übernimmt dieses Amt von Walter Huber, der aus persönlichen Gründen das Narrengericht verlässt.

Klaus Danner ist kein Unbekannter beim Tiengener Narrengericht. Schließlich hing er 2009 selbst als Angeklagter am berühmten Holzrad. Nun wechselt er die Seiten. "Wir haben damals festgestellt, dass Klaus Danner einen unglaublichen Unterhaltungswert hat", erinnert sich Bernd "Barney" Müller, der als Verteidiger beziehungsweise Fürsprech beim Narrengericht fungiert. Als es darum ging, einen Nachfolger für Walter Huber zu finden, den Richter Klaus-Dieter Ritz als "große Säule" des Narrengerichts bezeichnet, fiel die Wahl auf Klaus Danner nicht schwer.

Klaus Danner: "Ich habe närrisches Blut in mir."

Bei der jüngsten Hoorigen Mess' machten die Tiengener Narren gleich Nägel mit Köpfen und fragten Klaus Danner, ob er neuer Ankläger werden wolle. "Damals hat er zu 99 Prozent zugesagt, die restlichen ein Prozent bedurften der Zustimmung seiner Frau", erzählt Klaus-Dieter Ritz, der seit 2014 als Richter dem Narrengericht vorsitzt. Nach der endgültigen Zusage steht dem neuen Amt nichts mehr im Weg. Nun muss Danner nur noch in die Bürger- und Narrenzunft 1503 Tiengen eintreten. "Eine Gastprofessur haben wir keine", sagt Ritz über die Verpflichtung, Mitglied zu werden. Diese dürfte Klaus Danner gerne auf sich nehmen, schließlich hat der ehemalige Kriminaldirektor laut eigener Aussage "närrisches Blut". Seit seiner Kindheit in Konstanz ist er fasnächtlich engagiert und trat bereits mit fünf Jahren in die dortige Narrengesellschaft Niederburg ein.

"Ich werde mein Bestes geben", sagt Klaus Danner über seine närrische Aufgabe. Über seinen Vorgänger Walter Huber sagt er: "Er hinterlässt große Fußspuren. Mit viel Humor und Witz hat er die Anklage vertreten." In Hubers Fußstapfen wolle der neue Ankläger auch gar nicht treten. "Sonst hinterlässt man selber keine", so Danner, der sich auf das Amt freut. "Ich finde es super, wenn engagierte Leute das Brauchtum hochhalten und in die nächste Generation tragen", sagt der 62-Jährige, der seit einem Jahr im Ruhestand ist.

Henker und Narrenbolisei gehören zum Team

"Das Narrengericht ist eine Teamarbeit", sagt Klaus-Dieter Ritz über das Spektakel, das jedes Jahr am Fasnachtssamstag hunderte Schaulustige anlockt. Neben Richter, Ankläger und Verteidiger vervollständigen Rolf Krämer als Chef der Henkergruppe und Oliver Stanik als Narrenbolisei die närrische Truppe. "Unsere Narrenbolisei ist seit zwei Jahren mit großem Engagement und Leidenschaft dabei", sagt Ritz über Stanik. Und ohne Henker Rolf Krämer würden das Folterrad und die komplette Infrastruktur des Narrengerichts nicht laufen, lobt der Richter.

2009 hing Klaus Danner beim Narrengericht Tiengen selbst am Rad.
2009 hing Klaus Danner beim Narrengericht Tiengen selbst am Rad. | Bild: Michael Neubert

Wissenswertes zum Narrengericht in Tiengen

Das Hochnotpeinliche Malefiz-Narrengericht zu Tiengen, wie es offiziell heißt, geht auf eine jahrhundertealte Tradition zurück.

  • Die Gründung: Es war 1503, als Kaiser Maximilian I. den Tiengener Handwerkszünften das Recht verlieh, während der Fasnachtszeit die Obrigkeit zu verunglimpfen, ohne bestraft zu werden. Bis heute hat sich der Brauch des Hochnotpeinlichen Malefiz-Narrengerichts zu Tiengen gehalten. Malefiz ist ein veraltetes Wort für Verbrechen.
  • Die Mitglieder: Das Gericht setzt sich aus Richter, Ankläger und Verteidiger (Fürsprech) zusammen. Die Henkergruppe vollstreckt das Urteil.
  • Die Kleidung: Die Mitglieder des Narrengerichts tragen eine weiß-gelockte Perücke, ein mit einer Halsrüsche verziertes weißes Hemd und darüber einen roten Mantel. Auf dem Kopf tragen sie ein rotes Barett. Die Henker tragen ebenfalls rote Gewänder, eine schwarze Kapuze mit Sehschlitzen und als Gurt einen Hanfstrick.
  • Die Delinquenten: Bei den Angeklagten handelt es sich stets um in Tiengen oder der Umgebung lebende Persönlichkeiten, deren Aktivitäten im Licht der Öffentlichkeit stehen. Am Folterrad, an das die Delinquenten geschnallt werden, hingen in den vergangenen Jahren: Oberbürgermeister Philipp Frank (2018), Nikola Kögel, Sprecherin der Aktionsgemeinschaft Tiengen (2017), Martin Gruner, damals Bürgermeister (2016), Felix Schreiner, CDU-Politiker (2015).

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