50 Jahre nach Kriegsende ist es in Stühlingen zu einer versöhnlichen deutsch-franzöischen Begegnung gekommen. 1945 hatten die französischen Besatzer im Zuge der Reparations-Maßnahmen die maschinelle Einrichtung der Stühlinger Schraubenfabrik Heimburger requiriert und nach Frankreich abtransportiert. 1995 traf sich Ernst Heimburger mit dem einstigen Kommandeur Jean, der Nachname ist nicht mehr rekonstruierbar, in Stühlingen.

Es begegneten sich sozusagen zwei Brüder im Geiste: Heimburger und sein Gast waren mittelständische Unternehmer, der Franzose bewirtschaftete ein großes Weingut. „Obwohl keiner von beiden die Sprache des anderen beherrschte, verstand man sich auf Anhieb“, erinnert sich Sohn Helmut Heimburger, der in Reutlingen eine Werbeagentur betreibt. Die Chemie stimmte einfach. Walter, der jüngere Sohn von Else und Ernst Heimburger, konnte hinreichend französisch, aber vermutlich wussten die beiden Männer auch so, was sich im Kopf des anderen abspielte. Beide Männer sind inzwischen gestorben. Ernst Heimburger wäre am 8. Mai 103 Jahre alt geworden.

Das einstige Firmenareal Heimburger in Stühlingen.
Das einstige Firmenareal Heimburger in Stühlingen. | Bild: Edelgard Bernauer

Ernst Heimburger war nach dem Tod des Vaters der Kopf der Familie. Er verfügte über typisch schwäbische Eigenschaften. Als Mensch mit Herz sorgte er dafür, dass in den letzten Kriegstagen Zwangsarbeiterinnen in die nahe gelegene Schweiz fliehen konnten, indem er einfach eine Öffnung in den Stacheldrahtzaun auf der Wutachbrücke zur Schweiz schnitt.

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Laut Helmut Heimburger hatte es sein Vater lange vermeiden können, in die NSDAP eintreten zu müssen. Vom damaligen Kreisleiter im Jahr 1945 dazu aufgefordert, endlich das Parteibuch zu nehmen, habe Heimburgers Antwort gelautet: „Sie glauben wohl nicht, dass ich fünf Minuten vor 12 noch in die Partei eintrete!“ Am Tag darauf bekam er den Stellungsbefehl zu einer Fernmeldeeinheit im Elsass.

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Helmut Heimburger geriet in Kriegsgefangenschaft. Unter Zuhilfenahme eines selbst geschnitzten Kartoffelstempels schaffte er es allerdings, sich nach wenigen Monaten selbst wieder daraus zu entlassen.

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Wieder zurück in seiner Fabrik, erwartete ihn die nächste schwere Prüfung: Die Besatzer waren dabei, alle Maschinen nach Frankreich zu schaffen. Es folgte ein jahrelanger Kampf um Entschädigung. „An den entscheidenden Stellen in Freiburg saßen in den 1950er Jahren allerdings immer noch ehemalige Parteigenossen, welche die vorhandenen Mittel zuerst an ihre einstigen Gesinnungs-Freunde verteilten“, weiß Helmut Heimberger aus den Erzählungen seines Vaters.

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Anstatt den juristischen Klageweg zu beschreiten und den Missstand öffentlich zu machen, habe Ernst Heimburger dann auf Entschädigung verzichtet und sich ganz auf seinen Betrieb konzentriert, erinnert sich Sohn Helmut. Die Schraubenfabrik Heimburger existierte bis um die Jahrtausendwende.