Die Sonne steigt gerade über den Horizont, als der Zug der Schweizerischen Bundesbahnen (SBB) um 7.34 Uhr pünktlich den Bahnhof Laufenburg/CH in Richtung Basel verlässt. Es ist eine Szene, die ich aus der Ferne beobachten muss.

Für meinen zweiten Selbstversuch auf Schienen – diesmal möchte ich mit der SBB von Laufenburg/CH nach Basel fahren – bin ich zunächst mit einem Zug der Deutschen Bahn von Bad Säckingen ins badische Laufenburg gefahren. Der hatte (wie so oft) Verspätung. Und somit verpasse ich den Anschluss auf der Schweizer Seite. Das geht ja gut los.

Deutsche Bahn – "ein Kulturschock für Schweizer"?

"Was da auf die Strecke geschickt wird, ist für mich als Schweizer ein Kulturschock. Die Zivilisationsgrenze der Eisenbahn ist Schaffhausen Bahnhof." Derartige Darstellungen habe ich wenige Tage vor meinem Versuch in einem Internetforum für Eisenbahner gelesen. Dort war eine Diskussion über die Ärgernisse mit der deutschen Hochrheinbahn entbrannt.

Das hat mich neugierig gemacht, und daher habe ich den Verfasser dieser Zeilen, Patrick Rudin, kontaktiert. "Natürlich ist diese Aussage überspitzt formuliert, aber etwas Wahrheit steckt schon drin", sagt der 44-Jährige, als er mir am Telefon von seinen Pendelerfahrungen mit der Hochrheinbahn erzählt: von fehlenden Triebwagen und massiv überfüllten Zügen.

"In der Schweiz ist nicht alles so auf Kante genäht wie in Deutschland", sagt er unter Hinweis auf die häufig in deutschen Zügen auftretenden Platzprobleme. Er rät mir, dass ich mir selber ein Bild mache.

Zeit für einen weiteren Selbstversuch. Zeit für ein Probependeln mit der SBB.

SÜDKURIER-Volontär Lukas Reinhardt muss am Bahnhof Laufenburg, Schweiz, warten, weil er den Zug der SBB wegen einer Verspätung der Deutschen Bahn verpasst hat.
SÜDKURIER-Volontär Lukas Reinhardt muss am Bahnhof Laufenburg, Schweiz, warten, weil er den Zug der SBB wegen einer Verspätung der Deutschen Bahn verpasst hat. | Bild: Reinhardt, Lukas

"Pünktlich wie ein Schweizer Uhrwerk"

Nach dem Fehlstart folgt der zweite Anlauf zu meinem Selbstversuch schließlich eine Stunde später, um 8.34 Uhr. Erneut rollt die S-Bahn pünktlich in und wenig später aus dem Bahnhof. Im geräumigen, beinahe gemütlichen Fahrzeuginnern sind die Plätze nur sporadisch mit Fahrgästen belegt. Einer dieser Wenigen ist Stefan Vogel, der gerade die Schlagzeilen einer Pendlerzeitung überfliegt.

"Ein, zwei Stunden früher ist es hier deutlich voller", weiß der 41-jährige Schweizer. Er pendelt drei Mal in der Woche mit der S-Bahn von Laufenburg nach Muttenz. "Technische Störungen kommen schon mal vor", sagt Vogel. Aber meistens seien die Züge pünktlich. "Wie ein Schweizer Uhrwerk", schiebt er grinsend hinterher.

Stefan Vogel pendelt stets mit der SBB von Laufenburg, Schweiz, nach Muttenz.
Stefan Vogel pendelt stets mit der SBB von Laufenburg, Schweiz, nach Muttenz. | Bild: Reinhardt, Lukas

Als ich weiter durch die Gänge des Zuges ziehe, stelle ich fest, in welch unterschiedlicher Weise Schienenpendler sich auf ihren Tag vorbereiten: Eine junge Teenagerin trägt üppig Wimperntusche auf; ein älterer Herr stillt den frühen Hunger mit einem Salamibrötchen.

Und Gabriela, eine junge Spanierin mit charmantem Lächeln, informiert sich auf ihrem Smartphone über die wichtigesten Nachrichten des Morgens. Jeden Tag fährt sie auf Schienen von Rheinfelden nach Basel, sagt sie.

Nur Positives über die SBB

"Es ist einfach Verlass auf die Schweizer Bahn", sagt Gabriela. "Da kann man getrost auch kurze Umstiegszeiten von drei Minuten wagen." Nach einem kurzen Gespräch verabschieden wir uns von einander. Mein Blick fällt auf die Anzeige: Ankunft 9.10 Uhr – wir erreichen pünktlich das Ziel, heißt es.

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Während vor den Fenstern grüne Wiesen und Wälder vorbeiziehen, stelle ich fest: Bis jetzt trifft das, was Patrick Rudin mir erzählt hat, vollauf zu. Ich komme zu dem Schluss, dass das Bild der Schweizer Schienenpendler von ihrer Bahn ein vollkommen anderes, ein deutlich positiveres ist, als man es von Bahnfahrern auf der deutschen Seite kennt. Kein Wunder, schließlich läuft bei meiner Testfahrt alles reibungslos – bis jetzt.

Unverhoffter Stopp des Zuges

Das ruckartige Bremsen des Zuges reißt mich jäh aus meinen Gedanken. Wir kommen zum Stehen. Draußen sind die Wiesen und Wälder bunten Graffitis und grauen Betonbrücken gewichen. Wir sind schon in Basel. Doch der Zielbahnhof ist noch nicht erreicht.

"Wegen einer Triebfahrzeugstörung haben wir zwei Minuten Verspätung. Wir bitten um Entschuldigung", kratzt es aus den Lautsprechern. Die Minuten verstreichen. Aus zwei Minuten werden schließlich acht.

"Das passiert nicht oft", murmelt ein Schweizer Fahrgast neben mir beinahe entschuldigend. Der Zug setzt sich mit einem Ruck plötzlich wieder in Bewegung – und fährt zuckelnd in den Zielbahnhof ein. Ankunft in Basel. Es ist 9.18 Uhr anstatt 9.10 Uhr.

Der Schweizer Bahnhof in Basel soll wie auch der Badische Bahnhof vom geplanten Umbau profitiern, allerdings sollen beide Bahnhöfe von negativen Auswirkungen während der Bauzeit verschont bleiben. Bilder: Lukas Reinhardt, dpa
Der Schweizer Bahnhof in Basel soll wie auch der Badische Bahnhof vom geplanten Umbau profitiern, allerdings sollen beide Bahnhöfe von negativen Auswirkungen während der Bauzeit verschont bleiben. Bilder: Lukas Reinhardt, dpa | Bild: Reinhardt, Lukas

Mehr Unmut auf der deutscher Strecke

Ich steige nach meiner Ankunft zügig um und mache mich auf dem Rückweg nach Bad Säckingen. Mit der Deutschen Bahn. Die Reise verläuft ohne große Probleme: pünktliche Ankunft zweier Triebwagen, genug freie Sitzplätze, pünktliche Abfahrt.

Woran ich in diesem Moment merke, dass ich wieder die deutsche Seite der Hochrheinstrecke befahre? An der geringen Beinfreiheit und am tief sitzenden Unmut, den die hiesigen Schienenpendler ausstrahlen.

Christel Szesniak fährt gerne Zug. Doch ist er auf der Hochrheinstrecke ist er morgens oft überfüllt.
Christel Szesniak fährt gerne Zug. Doch ist er auf der Hochrheinstrecke morgens oft überfüllt. | Bild: Reinhardt, Lukas

Bis Rheinfelden sitzt mir Christel Szesniak gegenüber, eine Frau Ende 50. Sie hat ein mildes Lächeln im Gesicht. Doch ihr Urteil über die Deutsche Bahn fällt alles andere als sanft aus: "Was hier gerade schön geräumig ist, ist früh morgens katastrophal vollgestopft", sagt Christel Szesniak.

"Da müssen Mütter mit kleinen Kindern teils stehen." Außerhalb dieser Zeiten sei sie aber gerne mit dem Zug unterwegs. "Das entspannt mich, anders als das Autofahren", sagt Szesniak.

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Auf den letzten Metern bis Bad Säckingen komme ich zu dem Schluss: Die vielen positiven Aussagen der Schweizer Bahnfahrer haben sich weitgehend bestätigt. Die SBB ist für Pendler sicherlich eine gute Alternative zur Hochrheinbahn. Aber zur Ehrrettung der Deutschen Bahn kann ich festhalten: Wenngleich sie nicht so häufig aufzutreten scheinen, haben auch die Schweizer gelegentlich mit technischen Problemen zu kämpfen.