Frau Griffiths, seit Januar des Jahres sind Sie hier in der Region. Aus welchen Motiven sind Sie hierher übergesiedelt?

Claire: Hauptsächlich weil mein Sohn in Deutschland wohnt und hier bald heiraten will. Das war zur selben Zeit, als ich selbst mir vorstellen konnte, noch einmal etwas Neues anzufangen. Meine Tochter und ich hatten uns überlegt, eventuell nach Südengland zu ziehen. Sie ist aber inzwischen zu ihrem Partner nach Norwegen gezogen. Dass ich in Deutschland studiert habe, hat die Entscheidung erleichtert. Die Familie, die Jonathan hier gefunden hat, ist wahnsinnig nett, die Umgebung ist unglaublich schön. Und doch ist es ein bisschen crazy. Meine Freunde in England haben gesagt, „Du bist verrückt“. Ich würde keinen Job auf dem gleichen Niveau bekommen. Das ist natürlich richtig, und ohne Familie würde ich das nicht tun.

Jonathan, wie geht es Ihnen damit?

Jonathan: Ich bin mit 19 hierher gezogen. Ich glaube, das steckt man als junger Mensch ganz anders weg. Alleine durch Ausbildung und Arbeit habe ich sehr schnell Anschluss gefunden. Für mich war klar, dass ich den Rest meines Lebens in Deutschland verbringen werde. Dass nun meine Mutter da ist, ist für mich natürlich ganz toll, das rundet alles ab. Früher hat man sich immer ein bis zwei Mal im Jahr gesehen, man hat sich schwergetan, sich zu verabschieden.

Claire: Wir haben auch ein sehr gutes Verhältnis.

Jonathan: Das stimmt. Sie hat mich als alleinerziehende Mutter großgezogen. Und das hat immer super geklappt, wir hatten immer eine schöne Beziehung.

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Welche Rolle spielt für Sie der Umzug hierher in Bezug auf den Brexit?

Claire: Ach ja der Brexit. Also erst einmal muss ich sagen, ich schäme mich fast für den Brexit. Was mich betrifft, war es dennoch totaler Zufall, dass meine Entscheidung, hier zu leben, mit dem Brexit zusammengefallen ist. Jetzt ist es natürlich so, dass ich keine Ahnung habe, was mit mir als Engländerin in Deutschland passiert, wenn der Brexit vollzogen ist. Ich weiß nicht, ob ich dann eine Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis bekomme. Ich habe auf jeden Fall ganz schnell meinen Führerschein gewechselt, weil ich nicht weiß, wie schwer das dann ist.

Sie waren bis vor kurzem noch in England. Wie ist denn die Stimmung dort?

Claire: Alle, die ich kenne, sagen dasselbe. Die sehen keine Vorteile. Manche machen keine Geschäfte mit Großbritannien mehr. In England ist die Unsicherheit groß. Einige Europäer ziehen schon in ihre Heimatländer zurück. Jeder weiß, dass es passieren wird, aber irgendwie ist es nicht real und im Hintergrund schwebt diese Angst, was dann geschieht.

Jonathan Griffiths arbeitet für die Bonndorfer Firma Messerschmid Energiesysteme GmbH.
Jonathan Griffiths arbeitet für die Bonndorfer Firma Messerschmid Energiesysteme GmbH.

Welchen Ruf hat Theresa May in England?

Claire: Ich bin nach fünf Monaten fast zu lange weg, um das beurteilen zu können. Als ich gegangen bin, hatten sie viele nicht so gern. Ich glaube, in der Zwischenzeit erkennen einige, dass sie einen schweren Job angenommen hatte. Ich würde nicht gerne Premierministerin sein. Alles ist im Chaos, auch unsere ganze Regierung. Wenn man das anschaut oder darüber liest, ist das wie ein Kindergarten. Ich habe nie verstanden, wie die sich benehmen, nicht nur jetzt: diese Schreierei und das ständige Auf und Ab. Als es das Referendum gegeben hat, sind viele nicht hingegangen. Das hatte, denke ich, etwas mit diesem Affentheater zu tun. Deshalb hat man das nicht ernst genug genommen.

Jonathan: Gerade auch bei den Jugendlichen ist das so. Für Politik hat sich niemand interessiert. Es sehr schwer einen Überblick zu haben, und es wird auch nicht interessant gemacht für die Jugend. Da sehe ich einen Unterschied zu Deutschland. Die Gemeinderäte und Ortschaftsräte kennt man hier, und man wird integriert in die Kommunalpolitik. In England habe ich davon nie etwas erlebt.

Hat sich am Politikinteresse nun etwas getan?

Claire: Ja, mit dem Brexit und der Umweltthematik ist das doch ein wenig erwacht. Bei mir auch.

Sie haben den Sprung dennoch gewagt. Wie war das Ankommen?

Claire: Toll, ich bin zu meinem Sohn gekommen und zu seiner neuen Familie. Die Leute hier sind menschlich so offen, freundlich, großzügig – mit allem, auch mit ihrer Zeit.

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Sind Sie darauf eingestellt, dass Sie wegen des Brexit eventuell zurückmüssen?

Claire: Nein. Ich habe schon die Hoffnung, dass das irgendwie weitergeht. Wir sind immerhin Europa. Umgekehrt hoffe ich auch, dass Europäer weiterhin in Großbritannien leben und arbeiten können. Vielleicht ist das naiv, wer weiß.

Sie haben früher schon im Ausland gelebt. Was haben Sie als typisch britisch überall hin mitgenommen?

Claire: (lacht) Vielleicht den Humor.

Jonathan: Genau das sage ich auch.

Claire: Was ich ganz toll finde: Wir Briten können über uns selbst lachen, und das finde ich entspannend. Es gibt grenzwertige Situationen, und wir machen doch einen Witz darüber. Damit wird häufig auch eine gute Perspektive wieder hergestellt.

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Jonathan, verstehen Sie den deutsche Humor nun besser?

Jonathan: Verstanden habe ich den von Anfang an. Aber der ist halt nicht so lustig. Bei uns Briten wird alles nicht so ernst genommen, und man nimmt sich selbst deshalb auch nicht so wichtig. So können wir den schwarzen Humor haben, der bei uns auch nie wirklich respektlos ist. Ironie spielt eine große Rolle und auch die Sprache. Das sind oft nur Nuancen, die den Unterschied ausmachen. Man merkt dies an ursprünglich englischsprachigen Filmen, die synchronisiert wurden. Die ganzen subtilen Witze fehlen meist.

Was nehmen Sie von den Menschen hier gerne an?

Claire: Es gibt eine große Klarheit im Denken, im Leben, und auf dieser Basis werden Entscheidungen getroffen. Hier ist damit vielleicht etwas mehr Struktur im Leben.

Jonathan, Sie sagten, es gehe ihnen super, weil Ihre Mutter nun da ist. Hat sich an Ihrem Leben etwas verändert?

Jonathan: Ja, es ist schöner geworden. Meine zukünftigen Schwiegereltern und meine Mutter verstehen sich super, und wir haben allgemein als Familie extrem viel Spaß. Wir wohnen in einem Mehrgenerationenhaus. Meine Mutter wohnt fünf Minuten entfernt.

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Sie heiraten im Juli. Wie geht es Ihrer zukünftigen Frau damit?

Jonathan: Sie freut sich auch sehr, die beiden verstehen sich extrem gut. Sie haben sich aber ja vorher schon gekannt. Wir waren zweimal in England bei meiner Mutter, und meine Mutter hat uns besucht.

Als ihr Sohn 2016 gesagt hat, dass er die deutsche Staatsangehörigkeit annehmen wird, waren Sie erstaunt. Können Sie es jetzt verstehen?

Claire: Ja. Ich würde es in seiner Situation genauso machen. Wir sind von Natur aus ein bisschen international gepolt. Der Brexit ist eine Sache, aber wichtiger ist vielleicht, dass Du hier seit sieben Jahren lebst, hierbleiben willst, hier heiratest, hier glücklich bist. Das verstehe ich total.