Ernst und Anna Maria Brendle züchten auf Gemarkung Brunnadern Schafe. Bis zu 450 Muttertiere zählte ihr Bestand noch vor Kurzem. Inzwischen schrumpfte dieser auf 150, denn Ernst Brendle bereitet sich mit 65 Jahren allmählich auf den Ruhestand vor. Als er die elterliche Landwirtschaft übernahm, betrieb er noch klassische Viehhaltung. „Schafe gefielen mir aber immer schon und die Halden um Brunnadern herum sind dafür ideal“, erklärt Ernst Brendle seinen Entschluss, auf Schafzucht umzustellen.

Radikale Entscheidung

Die Entscheidung, auf Schafzucht umzustellen, war radikal. Denn Ernst Brendle schlachtet und vermarktet seine Tiere auch selbst. Lediglich gelegentlichen Überschuss verkauft er an Händler „zu miserablen Tagespreisen“. „Neuseeländisches Lamm wird hier so billig angeboten, da können wir nicht mithalten“, sagt er. Ernst Brendles Kundschaft kommt aus einem weiten Umkreis, der sich von Offenburg über den Schwarzwald bis zum Bodensee erstreckt. Die meisten Kunden haben Migrationshintergrund. „Deutsche essen nicht unbedingt Lamm. Da gibt es verbreitet Vorurteile.“

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Brendles haben viele Stammkunden, sie kennen deren Wünsche. Die Fleischqualität ihrer Tiere überzeugt. Nach fünf bis sechs Monaten werden die Lämmer bei einem Lebendgewicht von 40 bis 50 Kilogramm geschlachtet. „Die sollen nicht zu fett, aber auch nicht zu mager sein.“ Allerdings ist diese Art der Selbstvermarktung aufwendig, selbst wenn nur ganze oder halbe Tiere verkauft werden. Die Schafe weiden vom Frühling bis Herbst auf Koppeln. Den Winter verbringen sie im Stall. Dort werden sie mit Getreideschrot aus eigenem Anbau, Silofutter und Heu gefüttert. Außerdem bekommen die Tiere Biertreber, ein Eiweißträger, der Soja ersetzt. „Eigentlich produzieren wir bio, auch wenn wir kein Biobetrieb sind“, sagt Brendle. Drei Viertel der bewirtschafteten 53 Hektar sind Grünland.

Anna Maria und Ernst Brendle züchten in Brunnadern Schafe. Die Landwirte müssen gegen viele Widrigkeiten kämpfen.
Anna Maria und Ernst Brendle züchten in Brunnadern Schafe. Die Landwirte müssen gegen viele Widrigkeiten kämpfen. | Bild: Martha Weishaar

Der Landwirt ist ein Allrounder. Nicht nur, dass er Fahrzeuge und Maschinen selbst wartet und repariert, er schlachtet auch selbst. Und auch die medizinische Versorgung der Tiere übernehmen Brendles so gut es geht selbst. Allerdings muss man dazu viel von Schafen verstehen und Krankheiten frühzeitig erkennen. „Wenn wir für die Geburt eines Lammes einen Tierarzt holen müssten, könnten wir das Lamm mitsamt der Mutter grad mitgeben“, verweist Ernst Brendle auf die Kosten.

Lamm-Aufzucht mit Ziegenmilch

Zuweilen ziehen sie Lämmer auch mit dem Fläschchen groß. Die dafür benötigte Milch geben ein paar eigene Ziegen. Etwa drei Mal in zwei Jahren jungt ein Schaf, und das in der Regel 15 Jahre lang. Die Hälfte sind Zwillingsgeburten. Der Erlös für die Wolle deckt derweil kaum die Scherkosten. Auch das machten Brendles bis vor drei Jahren selbst. Mittlerweile ist die Arbeit zu anstrengend, also lassen sie scheren. „Zu DM-Zeiten bekamen wir 3,80 Mark für ein Kilo Wolle. Heute gibt es für gute Wolle nur noch 1,05 Euro, mindere Qualität bringt 85 Cent, schwarze Wolle sieben Cent pro Kilo“, sagt Anna Maria Brendle.

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Die schlechten Preise sind derweil nur eines der Probleme, mit dem Brendles zu kämpfen haben. 1994 verlor die Familie bei einem Brand Wohn- und Ökonomiegebäude. Vor vier Jahren zerstörte ein Tornado den Schafstall mitsamt nebenstehenden Scheunen nahezu komplett. Eine naturgegebene Widrigkeit sind außerdem Angriffe von Kolkraben auf frisch geborene Lämmer. Die Vögel hacken Bauchnabel, Augen oder Zunge aus. Drei Lämmer kostete das im vergangenen Jahr. Stundenlang beobachten die Vögel die Herde, holen sich Nachgeburten, selbst wenn Menschen bei der Herde sind. Füchse lauern ebenso auf neugeborene Lämmer. Zweimal wurde auch schon ein Wolf in unmittelbarer Nähe der Schafherde gesichtet. Schaden entstand dadurch bisher nicht. Zwar haben Brendles zwei Wachhunde bei den Schafen, ein ausgesprochener Herdenschutzhund ist jedoch nicht darunter.

„Ich will Landwirtin sein, keine Bürokraft“

Eine andere Widrigkeit ist die Bürokratie. Allein im vergangenen Jahr wurde der Hof fünf Mal kontrolliert. „Das Führen von Schlachthaustagebuch, Arzneimittelbuch, das An- und Abmelden im Bestandsregister erfordern bald mehr Konzentration als die Schafe“, klagt Anna Maria Brendle. „Ich will Landwirtin sein, keine Bürokraft.“ Ohrmarken und Chips müssen aktuell sein, wobei die Schafe ihre Ohrmarken immer wieder mal an Zäunen rausreißen. Die strengen Regeln der Cross-Compliance-Vereinbarung tragen ein Übriges dazu bei, dass Brendles sich in ihrer Arbeit und ihren Entscheidungen nicht frei fühlen.

Den Beteuerungen von Politikern und Verbänden, dass man gerade kleine Betriebe fördern sollte, glauben sie längst nicht mehr. „Die kleine bäuerliche Idylle hat keine Zukunft, obwohl diese Form für die Natur besser wäre. Man hat gar keine Chance, so zu wirtschaften, wie man gerne will“, resigniert die Bäuerin. Ihr Mann erinnert sich an den alten Spruch „Wachse oder weiche“. „Wir Kleinen werden kaputt gemacht.“ Als Ärgernis empfinden sie auch die Veröffentlichung individueller Fördergelder im Internet. Anstatt staatlicher Förderung hätten sie lieber angemessene Preise für das, was sie produzieren.

365 Tage eine Sieben-Tage-Woche

Ernst Brendle erinnert sich an Zeiten, als seine Eltern, eine Tante und vier Kinder vom elterlichen Betrieb lebten. Heute bräuchte es eine vielfache Kapazität, um eine Familie ernähren zu können. „Jungen Menschen kann man nicht empfehlen, Landwirt zu werden“, sagen Brendles. Nach einem harten Arbeitsleben mit ganzjähriger Sieben-Tage-Woche und Schuften in sengender Hitze oder bei Kälte bleibt allenfalls eine dürftige Altersrente, die gleichwohl mit hohen Beiträgen erworben werden musste.