Herr Erzbischof, Sie kommen immer wieder in die Heimat, was bedeutet die alte Heimat für Sie?

Ich komme regelmäßig im Sommer, maximal eine Woche, aber dann bin ich wirklich da. In den anderen Monaten geht es leider nicht. Gut hier bin ich geboren, hier bin ich aufgewachsen, hier habe ich die Wurzeln. Ein Baum ohne Wurzeln geht ein. Die Wurzeln sieht man nicht, aber dennoch sind sie da. Und wenn ich heimkomme, mache ich so etwas wie Wurzelpflege. Meine Geschwister leben hier in der Gegend, die Verwandtschaft und Freunde. Es ist tatsächlich so etwas wie eine Wurzelerneuerung. Das tut gut, das tut Not und darüber freue ich mich.

Ist das für Sie auch eine Form von Erdung?

Auch, ja. Der alte Goethe sagt ja, dass der Mensch zwei Dinge braucht: Flügel und Wurzeln. Die Wurzeln halten und die Flügel tragen. Die Wurzeln sind Halt. Den Halt brauche ich und der Halt hat seine Bedeutung und die pflege ich auch.

Sie werden sichtbar verehrt von den Menschen hier. Ist Ihnen das immer recht?

Die Verehrung würde ich etwas herunterstufen. Es ist die Freude der Begegnung und auch über die Anerkennung freue ich mich, weil die Leute ehrlich sind und zum Ausdruck bringen, dass ich eine bestimmte Aufgabe habe. Aber es steigt mir nicht in den Kopf und ich bilde mir auch darauf nichts ein. Also ich kann das gut einordnen und ich weiß damit umzugehen.

Sie sind hier, wenn Sie aus der Kirche kommen, mit jedem im Gespräch. Diesen Kontakt haben, ist das etwas, das Sie im Alltag haben können?

Meine Aufgabe ist natürlich ein bisschen abgehoben, von außen betrachtet. Aber manchmal ist das Außenbild nicht identisch mit dem Innenbild. Es ist in der Tat so: In meinem täglichen beruflichen Wirken habe ich viel Kontakt mit Personen aus bestimmten Bereichen. Darum suche ich auch den ‚normalen Kontakt’ mit Menschen, die ich kenne und für die ich auch da bin, in der Zeit, in der ich eben nicht dienstlich unterwegs bin. Und dazu gehören natürlich vor allem die Menschen aus meiner Heimat. Vor allem ist es so, dass die Menschen, die mich kennen, mich ja schon von Kindesbeinen an kennen. Und da muss man Gott sei Dank nicht wieder einen Sack Mehl fressen, damit man sich näher kommt, sondern da sind Kontakt und Nähe gleich wieder da. Insofern freue ich mich ehrlich, wenn die Leute mit mir reden und ich mit ihnen reden kann.

Suchen Sie manchmal auch die Abgeschiedenheit, die Stunden in aller Stille für sich?

Doch, schon, auf jeden Fall. Ich mache sehr viele große Spaziergänge im Wald. Da nehme ich mein Brevier mit, meinen Rosenkranz und manchmal auch ein Buch. Das Gehen tut mir gut, das tut mir auch Not, da kann ich mich wirklich erholen. Das sind so die Stunden, in denen vieles abfällt, was sich im Laufe der Zeit einfach ansammelt und was auch etwas drückt. Da verliere ich dann die Sandsäcke.

Was hat denn der Junge Georg Gänswein hier gemacht, wenn er durch die Wälder gestreift ist?

Wir haben Hütten gebaut. Ich war also abenteuerlich unterwegs. Wenn ich da und dort gehe, fällt mir ein, was wir damals vor Jahrzehnten gemacht haben. Das ist die Macht der Erinnerung und es holt mich vieles ein, manche guter Gedanke, manch Wehmütiges und es war natürlich auch nicht alles immer 100 Prozent koscher.

Jetzt machen Sie uns neugierig: Können wir an Ihren guten Gedanken und Erinnerungen teilhaben?

An manchen Stellen haben wir Hütten gebaut und Schlachten ausgeführt. Wir haben Bäume umgesägt, was wir natürlich nicht durften. Aber wir brauchten für unsere Hütten ja Holz. Da wurden uns dann die Leviten gelesen und auch die Ohren langezogen. Denn das durfte man nicht, aber als Jugendlicher macht man so etwas mal.

Und wo sind Ihre wehmütigen Erinnerungen angesiedelt?

Es sind schon vier Personen in meinem Alter gestorben, teilweise tragisch. Wir haben Spaziergänge gemacht oder beim Fußball auch Waldläufe. Und wenn ich die Wege kreuze, denke ich schon, es fehlt der und der.

Wenn Sie zurück nach Rom gehen und Ihre normale Arbeit verrichten, haben Sie denn da Ziele oder ist da etwas, was Sie auf jeden Fall noch machen wollen?

Ich habe die Aufgabe als Präfekt bei Papst Franziskus, die Aufgabe füllt mich völlig aus. Und Sie wissen, ich lebe mit Papst Benedikt zusammen und bin weiterhin sein Privatsekretär. Diese zwei Kombinationen sind zwei Realitäten. Die sind in sich schon so spannend, im guten Sinne des Wortes, dass ich kaum Zeit habe, größere Pläne zu schmieden.

Sie erleben oder erlebten zwei sehr unterschiedliche Päpste sehr, sehr nahe. Spürt man in Vatikanstadt, dass jemand anderes das Sagen hat?

Papst ist Franziskus. Er ist vom Typus her, von der Biografie, anders als sein Vorgänger Papst Benedikt. Das spürt man in der Begegnung, in der Art und Weise, wie er leitet oder regiert, würde man sagen. Aber das ist bei jedem Papst so. Der Unterschied ist natürlich, dass in der Regel der Vorgänger tot ist, wenn ein Papst regiert. Jetzt lebt der Vorgänger noch, zurückgezogen. Man spürt aber die Präsenz von Benedikt. Es ist eine stille Präsenz, eine mehr oder weniger unsichtbare Präsenz. Aber es sind zwei Präsenzen, die sich überhaupt nicht beißen, sondern die sich auf eine besondere Weise geistig ergänzen. Da wird immer wieder dummes Zeug geschrieben, als ob dann, wenn Benedikt etwas sagt, das gegen Papst Franziskus stünde. Aber das sind montierte Aussagen von denen, die gerne da Feuer legen würden.

An beiden Päpsten, an dem zurückgetretenen Benedikt XVI. und am aktuellen Papst Franziskus, was schätzen Sie besonderes an ihnen als Menschen?

Das sind verschiedene Charaktere. Papst Benedikt ist ein sehr liebenswürdiger, sehr tiefer, ein sehr milder Mann. Papst Franziskus ist ein Mann, der direkt auf die Leute zugeht. Aber bei beiden spürt man die Verbundenheit mit Christus. Das ist das, was Beide verbindet, auf eigene Weise. Es sind also Originale mit den gleichen Zielen und den gleichen Aufgaben, dass sie Christus verkünden, das Beispiel Christi leben und tatsächlich dafür auch Zeugnis abgeben, natürlich in der Weise, in der sie auch menschlich gestrickt sind.

Wann wussten Sie denn, dass Ihr Leben der Kirche gehört?

Ich habe in Waldshut Abitur gemacht. Im letzten Abitursjahr ist es bei mir in diese Richtung losgegangen. Richtig entschieden wusste ich es im dritten Jahr des Theologiestudiums. Es ist ja ein Prozess. Es geht nicht schnurstracks und geradeaus, sondern durchaus im Zickzack und es wächst. Mitte, Ende des Theologiestudiums war für mich das Ziel, das ich eingeschlagen habe, deutlich vor Augen. Und ich habe es auch nicht mehr aus den Augen verloren.

Haben Sie gezweifelt?

Ich habe mich geprüft. Natürlich kamen immer mal wieder Zweifel vor, ob das richtig ist oder nicht. Aber nachdem ich diese Entscheidung getroffen habe, bin ich ihr treu geblieben. Es gibt immer schöne und weniger schöne Seiten, auch in dieser Lebensform. Aber für die habe ich mich entschieden und der versuche ich auch, treu zu bleiben.

Gibt es für Sie einen ganz menschlichen, einfachen Wunsch, den Sie dringend erfüllt haben möchten?

Ich möchte schon gerne mit den Menschen, mit denen ich hier lebe, in Verbindung bleiben, solange es geht und so gut es geht.

Zur Person

Georg Gänswein, 61, Kurienerzbischof der römisch-katholischen Kirche, Präfekt des päpstlichen Hauses und einer der beiden Privatsekretäre des emeritierten Papstes Benedikt XVI., stammt aus Riedern am Wald, ist dort immer wieder auf Heimaturlaub.