Der Mindestwechselkurs von 1,20 Franken zu 1 Euro ist am 15. Januar 2015 von der Schweizerischen Nationalbank (SNB) aufgehoben worden. Grund dafür war die deutliche Abwertung des Euro gegenüber dem US-Dollar, die verbunden war mit einer Schwächung des Schweizer Frankens. Die Aufhebung hatte zu Beginn für große Euphorie beim deutschen Handel, Gastgewerbe und Grenzgängern sowie für große Befürchtungen bei den Betrieben in der grenznahen Schweiz gesorgt.

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Diese Erwartungen haben sich nun nach vier Jahren zum Teil bewahrheitet. Einige Effekte sind verpufft oder gar nicht eingetreten, einige Brachen haben erfolgreich gegengesteuert. Andere Herausforderungen wiegen schwerer, wie etwa die Konkurrenz aus dem Internet. Direkt zu Beginn war der Wechselkurs fast 1:1, kurzzeitig war der Euro sogar weniger Wert als der Schweizer Franken. In der Folge machten deutsche Gemeinden große Verluste bei Kreditspekulationen in Schweizer Franken. Schweizer fragten hingegen so stark Euros nach, dass die Banken rasend schnell ausverkauft waren. Für Schweizer Unternehmen wurde es noch schwieriger, mit der günstigeren Konkurrenz jenseits der Grenze mitzuhalten. Sie müssen sich noch mehr durch Qualität hervortun und Kosten einsparen.

In der Grenzregion herrscht nach wie vor reger Einkaufstourismus.
In der Grenzregion herrscht nach wie vor reger Einkaufstourismus. | Bild: Thomas Güntert

Ruhe nach dem Ansturm

Besonders im Jestetter Zipfel hatte die Aufhebung der Kursbindung für einen Ansturm auf den deutschen Handel gesorgt. Die Zahl der gestempelten Ausfuhrscheine war im Bezirk des Hauptzollamts Singen 2015 mit 11,28 Millionen um gut acht Prozent gegenüber 2014 (10,43 Millionen) gestiegen, wie Pressesprecher Mark Eferl heute mitteilt. Seither fällt die Zahl wieder. 2016 waren es 11,23 Millionen (Minus 0,45 Prozent gegenüber dem Vorjahr) und 2017 waren es 10,79 Millionen Euro (Minus vier Prozent). Für 2018 gibt es noch keine offiziellen Zahlen, aber „es ist erneut mit einem Rückgang zu rechnen“, so Eferl.

Als Ursache werden Preisanpassungen auf der Schweizer Seite angesehen sowie die Annahme, dass sich Schweizer Einkaufstouristen mit spontanen Investitionen auf die Gelegenheit im Jahr 2015 konzentriert hatten. Florian Heitzmann, Pressesprecher von Edeka Südwest, bestätigt: „Mittlerweile ist der Anteil an Schweizer Kunden wieder zurückgegangen und schwankt analog zum Kurs des Schweizer Franken.“

Herrmann Pfau ist Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Waldshut und führt ein Hotel in Lauchringen.
Herrmann Pfau ist Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Waldshut und führt ein Hotel in Lauchringen. | Bild: Peter Rosa

Gästezahlen bleiben gleich

„Für uns Gastronomen ist die Situation nach wie vor gut“, sagt Hermann Pfau, Vorsitzender des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga Waldshut. Schon seit Langem profitiere die Branche von Schweizer Gästen. Dass dieser Trend sich seit 2015 verstärkt habe, kann Pfau nicht zweifelsfrei bestätigen. Zwar gebe es bei den Umsätzen schon länger eine Zunahme, diese sei aber auch dadurch bedingt, dass die Zahl der Gastronomiebetriebe zurückgehe, die der Gäste bleibe gleich. Das bedeute eine höhere Frequentierung pro Betrieb.

Der von ihm vorhergesagte Ansturm ist ausgeblieben. Ursachen für das Schrumpfen der Branche seien laut Pfau besonders die wirtschaftliche Situation und die Auflagen, unter denen vor allem Landgasthöfe in grenzfernen Gegenden nicht wirtschaftlich betrieben werden könnten. Pfau bemängelt zudem die steuerlichen Unterschiede zur Fast-Food-Branche mit sieben Prozent Mehrwertsteuer.

Tanken lohnt sich in Deutschland immer noch mehr als in der Schweiz. Wie lange dies so bleibt, ist unklar.
Tanken lohnt sich in Deutschland immer noch mehr als in der Schweiz. Wie lange dies so bleibt, ist unklar. | Bild: Peter Rosa

Deutsche tanken wieder

„Für uns hat sich die Lage seit der Aufhebung deutlich verbessert“, freut sich Dietmar Brunner von der Tankstelle Shell Station in Tiengen. Seit 2015 tanken nicht nur mehr Schweizer in Deutschland, sondern auch jene Deutsche, die früher zum Tanken in die Schweiz gefahren waren. Trotzdem blickt Brunner vorsichtig in die Zukunft: „Alles hängt davon ab, ob in Deutschland die Steuern auf Kraftstoffe erhöht werden. Dann könnte sich die Lage wieder umkehren.“

In der Werkstatt sei die Lage seit dem Auftragsanstieg vor vier Jahren unverändert gut, berichtet Brunner. Schon seit jeher bedient er in diesem Bereich viele Schweizer Kunden, da Reparaturen im Nachbarland schon immer deutlich teurer waren. Besonders wichtig ist Brunner aber seine Stammkundschaft, die ihm ungeachtet der Kurse und ihrer Schwankungen die Treue halte.

Fachkräfte kommen zurück

Kreishandwerkermeister Thomas Kaiser stellt im Zusammenhang mit der Abwanderung von Fachkräften in die Schweiz eine mögliche Trendwende fest – trotz der anhaltend besseren Löhne jenseits des Rheins. Zwar würde sich die Schweiz noch immer „die Rosinen rauspicken“ und die extrem gut ausgebildeten Fachkräfte aus dem Kreis Waldshut mit dem Lohnplus locken.

Der Trend zum Grenzgehen habe aber stagniert oder sei sogar leicht rückläufig. Denn: „Viele Fachkräfte des Handwerks sind im Kreis heimisch geworden. Auch bevorzugen viele das heimische Betriebsklima“, so Kaiser. Vielen stinke aber auch die Pendelei mit den Staus. Eine eindeutige Aussage oder gar Prognose sei aufgrund vieler verschiedener Faktoren, wie dem demografischen Wandel, überaus schwierig. Fest stehe: „Viele Betriebe melden nach wie vor Abgänge in die Schweiz, dort gibt es einen enormen Fachkräftebedarf.“ Denn auf beiden Seiten bleibe der Auftragsstand sehr gut.

Kommunen mit Verlusten

Viele Kreisgemeinden hatten zum Zeitpunkt der Aufhebung Kredite in der Schweiz. So auch die Stadt Waldshut-Tiengen. Die Summe der insgesamt fünf Darlehen im benachbarten Ausland belief sich nach Auskunft der Stadt damals auf ein Volumen von 6,6 Millionen Euro im städtischen Haushalt. „Bei einer Umschuldung zu diesem Zeitpunkt wäre ein Verlust von circa 600 000 Euro entstanden“, sagt Kämmerer Klaus Lang. „Wir haben daher abgewartet und die Zinsbindung der Schweizer-Franken-Darlehen auf nur noch sechs Monate bis ein Jahr festgelegt, um auf Kursveränderungen schnell reagieren zu können.“

In den folgenden zwei Jahren hat sich der Kurs aus Sicht der Kreditnehmer wieder verbessert, sodass der Verlust für die Stadt am Ende immerhin „nur“ noch mit rund 150 000 Euro zu Buche schlug. Im Jahr 2017 wurden drei Darlehen mit einem Volumen von 2,6 Millionen Franken getilgt beziehungsweise in Euro umgeschuldet und im Jahr 2018 die verbliebenen zwei mit vier Millionen Franken.

Der 31-jährige Daniel Giudice aus Strittberg arbeitet als SAP-Experte in Regensdorf/CH.
Der 31-jährige Daniel Giudice aus Strittberg arbeitet als SAP-Experte in Regensdorf/CH. | Bild: privat

Anhaltend bessere Löhne

„Die ersten Monate nach dem Crash habe ich fast alles, was ich verdient habe, zu für mich sehr guten Kursen nach Deutschland überwiesen“, sagt Daniel Giudice, der, wie auch seine Frau, in der Schweiz arbeitet. Er ergänzt: „Das brachte mir und auch dem deutschen Finanzamt eine nette Lohnerhöhung ein.“ Nach einem halben Jahr sei der größte Spaß vorbei gewesen und der Kurs pendelte sich auf dem heutigen, etwas schlechteren, aber noch immer vorteilhaften Niveau ein. Seine Schwankungen bemerken die Grenzgänger nach wie vor direkt im Geldbeutel. Manchmal „zockt“ Guidice mit der Überweisung auf das deutsche Konto, wenn der Kurs besonders günstig steht. Vor drei Jahren hat die junge Familie ein Haus gebaut und größtenteils in Schweizer Franken finanziert. „Solange wir Franken verdienen, sind wir in diesem Bereich vom Kursrisiko befreit.“

Peter Fröhlich, Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbands.
Peter Fröhlich, Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbands. | Bild: Privat

"Insgesamt ist man sehr optimistisch"

Das Bekanntwerden der Aufhebung des Mindestkurses durch die Schweizer Nationalbank hatte 2015 vor allem im schweizerischen Handwerk große Sorgen um die Zukunft der Branche ausgelöst. Die Befürchtung lautete, dass durch die gestiegene Kaufkraft des Franken deutlich mehr aus dem Ausland importiert würde und Exporte hingegen zum Erliegen kämen. Dass es anders kam, weiß Peter Fröhlich, Geschäftsleiter des Aargauischen Gewerbeverbands mit seinen rund 11 000 Mitgliedern.

Herr Fröhlich, welche Auswirkungen hatte die Aufhebung der Eurobindung auf das schweizerische Handwerk?

Die eher export-orientierten kleinen und mittleren Unternehmen hatten ihre Hausaufgaben gemacht und konnten durch Kosteneinsparungen konkurrenzfähig bleiben. Ich glaube, man war auch deshalb gut vorbereitet, weil die deutliche Überwertung des Frankens schon länger bekannt war. Zu beachten ist dabei aber auch, dass seit mehreren Jahren ein Strukturwandel hin zum verstärkten Onlinehandel stattfindet. Zu den Ursachen zählt auch der Einkaufstourismus nach Deutschland. Das hat weniger mit dem Wechselkurs zu tun, es zwang die Unternehmen aber bereits vor der Aufhebung, sich anzupassen. Kursbedingte Betriebsschließungen sind uns jedenfalls keine bekannt.

Wie stellt sich die Situation heute dar?

Die aktuelle Lage wird unter unseren Mitgliedern heute als genügend bis gut bewertet. Der Wechselkurs ist im Handwerk seit Längerem kein Thema mehr. Wir hatten in den vergangenen Jahren einen Bauboom. Die resultierende Sättigung bekommen derzeit die Baunebenbranchen zu spüren, aber auch hier geht es immer noch gut voran. Insgesamt ist man sehr optimistisch. Ein Indikator dafür, dass es mehr Aufträge gibt, als man annehmen kann, gleichzeitig aber auch eine große Sorge, ist der seit Jahren anhaltende Mangel an Lernenden und Fachkräften. Bei Letzteren sind wir auf den Zustrom an Grenzgängern aus Deutschland angewiesen.

Wie geht es in Zukunft weiter?

Auf jeden Fall besser als vorher! Jetzt, da sich der Kurs relativ stabil eingependelt hat und im Vergleich zu 2015 wieder näher am damaligen Ausgangswert ist, profitieren die Unternehmen von den bisher umgesetzten Maßnahmen. Die Einsparungen tragen jetzt schon Früchte. Zudem sollen die Ortskerne wieder attraktiver und Einkaufen zu einem Erlebnis gemacht werden. Zu den Stärken der Schweizer Betriebe zählen Flexibilität und Optimismus.