Wenn Hausärzte abends, an Wochenenden und Feiertagen keine Sprechstunde haben, ist der ärztliche Not- oder Bereitschaftsdienst mit drei Fahrdiensten und zwei Notfallpraxen – in den Kreiskrankenhäusern Lörrach und Schopfheim – die ärztliche Anlaufstelle für alles im Landkreis. Pro Jahr kommen die rund 240 ins System eingebundenen Ärzte auf rund 15000 Patientenkontakte – mangels Hausärzten mit steigender Tendenz.

Ein wichtiger Unterschied

Der hausärztliche Notdienst, den niedergelassene Ärzte leisten, ist nicht zu verwechseln mit der Notaufnahme der Krankenhäuser oder dem Rettungsdienst, der in lebensbedrohlichen Fällen Hilfe leistet. Bei Ohnmacht, Verdacht auf Schlaganfall oder Herzinfarkt, akuten Blutungen und Vergiftungen ist über die Nummer 112 stets der Rettungsdienst zu alarmieren.

Die Organisation

Auslöser für an die Krankenhäuser angedockte Notfallpraxen sei die Fußball-EM 2008 gewesen, als niedergelassene Ärzte am Kreiskrankenhaus zusätzliche Dienste versahen, weil man bei den Spielen in Basel mit einem erhöhten Patientenaufkommen rechnete, erzählt Harald Dörr, Beauftragter für den hausärztlichen Notdienst im Kreis Lörrach. 2014 wurde der Notdienst landesweit reformiert und vereinheitlicht, weil es zunehmend an Ärzten mangelt. Die Bezirke wurden größer, dafür die Dienste seltener. Zehn bis zwölf jährlich seien es aktuell. „Der Notdienst kann für junge Ärztinnen und Ärzte kein Grund sein, sich nicht mit einer Praxis niederzulassen“, sagt Dörr denn auch. Zumal man sich gegen Bezahlung vertreten lassen kann – was wiederum für andere Mediziner attraktiv sein kann. Rund 240 Ärztinnen und Ärzte sind in den Notdienst im Landkreis Lörrach eingebunden. Jeweils drei – geografisch aufgeteilt – im Fahrdienst machen Hausbesuche, wenn der Patient, der die 116 117 angerufen hat, nicht mobil ist und über die Leitstelle vermittelt wurde. Je ein Mediziner betreut die beiden Notfallpraxen Lörrach und Schopfheim im Sitzdienst.

Kooperation mit Krankenhäusern

Dass die Notdienstpraxen an Krankenhäuser angedockt sind, habe sich bewährt, sagt Ingolf Lenz, Vorsitzender des Ärztlichen Kreisvereins. Zum einen trage es dazu bei, die fast schon chronisch überlasteten Notaufnahmen zu entlasten. Zum anderen können Patienten, die stationär aufgenommen werden müssen, auf kürzestem Wege verlegt werden. Das betreffe aber weniger als zehn Prozent derer, die eine Notfallpraxis aufsuchen. Das medizinische Spektrum ist so breit wie in jeder Hausarztpraxis: Der eine kommt mit einer Erkältung; beim anderen entpuppen sich Beschwerden als Nierentumor. Die Zusammenarbeit mit den Kliniken sei gut, sagen Dörr und Lenz unisono.

Bisweilen an Belastungsgrenze

Dass das Notdienstsystem im Kreis gut funktioniere, ermögliche allerdings ein Stück weit die Selbstausbeutung der Ärzte, gibt Dörr zu bedenken. Im 24-Stunden-Fahrdienst könnten bis zu 330 Kilometer Wegstrecke zusammenkommen. In Spitzenzeiten, etwa bei Grippewellen, hat die Lörracher Notdienstpraxis in 13 Stunden bis zu 100 Patienten zu bewältigen. Üblicherweise sind es um die 60. Dörr und Lenz stellen fest, dass zunehmend Patienten den Notdienst in Anspruch nehmen, weil sie keinen Hausarzt haben. Nicht weil sie sich nicht darum bemühten, sondern weil sie schlicht keinen finden.

Die Notdienstpraxis kann das Dilemma aber nur sehr eingeschränkt mildern. Die Besetzung wechselt ständig. Und schon aus Datenschutzgründen dürfen die Daten eines Patienten nicht weitergegeben werden. Eine Patientenakte gibt es nicht. Schließlich ist die Notfallpraxis, die technisch ähnlich ausgestattet ist wie eine Hausarztpraxis, für schnelle Hilfe und nicht für kontinuierliche Betreuung konzipiert. „Ein Ersatz ist nicht Sinn der Sache“, sagt Lenz. Die Annahme „hier bekomme ich gleich alles“ sei irrig, ergänzt Dörr, der von einer „Vollkasko-Mentalität“ spricht. Behandelt wird auch in der Notdienstpraxis nicht in der Reihenfolge des Eintreffens, sondern nach Dringlichkeit. Wer aus Egoismus hier den vermeintlich einfacheren Weg sucht, als auf Sprechstunden des Hausarztes zu warten, blockiert Kapazitäten, die für ernsthaft kranke Menschen gebraucht würden, appelliert der Mediziner an die Vernunft.

Chancen mit Zentralklinikum

Hoffnungen, dass sich der Notdienst organisatorisch verbessern lässt, verbinden Lenz wie Dörr mit dem Zentralklinikum. Das betrifft nicht nur die räumliche Gestaltung für eine bessere Verteilung der Patienten. Gesundheitsminister Spahn kündigte vor kurzem eine Reform der Notfallversorgung mit einer engeren Verzahnung von stationär und ambulant an.