Die Herrschaften sehen aus wie nicht von dieser Zeit. Tragen blaue, über die Hüften fallende Hemden, schwarz-rot-goldene Schärpen, rote Halstücher und schwarze Hüte mit breiten Krempen. In den Händen halten sie landwirtschaftliche Geräte wie Sensen oder Gabeln, manche haben sogar Anscheinswaffen, also keine echten, dabei. Die Freischärler haben sich in Herbert Bruggers Scheune in eine Reihe gestellt, vor ihnen der Salpeterersänger und Autor Roland Kröll mit Gitarre. Mittlerweile ist noch eine Frau dazu gestoßen, sie hat sich wie die Männer gekleidet. Die Gesellschaft übt ein Lied, das sie nachher vor laufender Kamera singen will.

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Denn ein Team vom Südwestrundfunk hat sich angemeldet. Es ist schon den ganzen Tag für eine Dokumentation über die 1000er-Gipfel im Schwarzwald unterwegs. Gegen 18 Uhr trifft SWR-Regisseur Harold Woetzel eine Stunde verspätet mit Kameramann Rainer Bloch und Kameraassistentin Susan Schenk auf Bruggers Hof ein.

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Es regnet in Strömen, das Licht ist lausig, schlechte Bedingungen für einen Filmdreh, weshalb schnell Scheinwerfer in der Scheune aufgebaut werden. Es folgen Diskussionen über das Wie, Wann und Wer, und als alles klar ist, legt die Gesellschaft in den blauen Hemden mit dem Herwegh-Hecker-Lied los. Die Kamera hält drauf, im zweiten Anlauf ist der Gesangspart im Kasten, auch der Schlussruf „Revolution! Freiheit!“. In der Pause richtet der Gastgeber ein Vesper, und als alle am Tisch sitzen, stellt er sich alleine vor die Kamera. Erst jetzt wird klar, weshalb Herbert Brugger im Fokus steht.

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Sein Ururgroßvater war Jakob Bannwarth, der mit dessen Sohn Ludwig 1848 Emma und Georg Herwegh bei Karsau (siehe Infokasten) unter Lebensgefahr vor den württembergischen Truppen versteckt und in die Schweiz gebracht haben. „Wenn Herwegh erwischt worden wäre, wäre er standrechtlich erschossen worden“, sagt Brugger. Die Frage von Harold Woetzel, wieso sein Ururgroßvater den Herweghs geholfen hat, beantwortet dieser so: „Weil er der gleichen Meinung wie Herwegh war.“ Die Revolution sei zwar niedergeschlagen worden, sagt Brugger, „aber es hat Veränderungen gegeben, wenn auch erst 100 Jahre später“.

Schwarzwald als Wiege der Revolution

Den Schwarzwald bezeichnet er als „Wiege der Revolution und der Demokratie“. Jetzt geht das Gespräch vor laufender Kamera in die heutige Zeit über. „Sind die Schwarzwälder immer noch Rebellen?“, will Woetzel wissen, worauf Brugger nickt, „wenn schwachsinnige Gesetze und Verordnungen“ im Umlauf sind. Stichwort Windkraft: Wie er, Brugger, dazu steht, und ob die 1000er-Gipfel, auf denen die Windkraftanlagen erstellt werden oder werden sollen, Heiligtümer sind? Brugger kurz und bündig: „Wir sind kein Windland, aber das ist Politik.“ Dann fügt er hinzu: „Solange es Tyrannen gibt, gibt es Rebellen, das ist ein Naturgesetz“.

„Solange es Tyrannen gibt, gibt es Rebellen, das ist ein Naturgesetz“, sagte Herbert Brugger beim Filmdreh auf seinem Hof.
„Solange es Tyrannen gibt, gibt es Rebellen, das ist ein Naturgesetz“, sagte Herbert Brugger beim Filmdreh auf seinem Hof. | Bild: Peter Schütz

Der Film mit dem Dreh bei der Familie Brugger hat den Arbeitstitel „Unsere Tausender“. Er wird voraussichtlich an einem Sonntagabend im September 2019 im SWR ausgestrahlt. Übrigens: Wie viele Tausender gibt es im Schwarzwald? Harold Woetzel kommt auf 102.

Die Badische Revolution

Die Badische Revolution von 1848/1849 bestand aus teilweise mit Waffengewalt ausgetragenen Unruhen im Großherzogtum Baden. Im südwestdeutschen Baden war sie im Wesentlichen von radikaldemokratischen Einflüssen getragen, indem sie eine badische Republik unter der Souveränität des Volkes anstrebte und sich gegen die Fürstenherrschaft wandte.

Die Badische Revolution lief in zwei Phasen ab: Zwischen Anfang März 1848 und September 1848 gab es mit dem Heckerzug (benannt nach Friedrich Hecker) und der Erhebung Gustav Struves in Lörrach zwei Versuche, von Südwestdeutschland aus eine Republik durchzusetzen. Die zweite Phase begann mit den Maiaufständen von 1849, die nicht nur in Baden, sondern auch in anderen deutschen Staaten stattfanden. Sie endete in Baden mit der Niederschlagung der Revolution nach letzten Kämpfen im Juli 1849 in Rastatt. Bedeutende Personen waren nebst Friedrich Hecker Gustav Struve, ein Vordenker der republikanischen Volkserhebung in Baden, und dessen Frau Amalie, Georg Herwegh und dessen Frau Emma.

Die Herweghs führten einen Zug mit 700 Männern (einer Legion aus Paris angereist mit deutschen Arbeitern) an, um Hecker im April 1848 nach dem von den Revolutionären in Freiburg verlorenen Gefecht zu Hilfe kommen, mussten aber selber um den Belchen über den Zeller Blauen ins Wiesental fliehen. In Dossenbach gerieten sie bei der Flucht in die Schweiz in einen Hinterhalt von württembergischen Truppen. Dabei wurden 30 Freiheitskämpfer getötet. Georg und Emma Herwegh gelang die Flucht mit Hilfe von Jakob Bannwarth, Gastwirt aus Karsau. Dieser schickte die Beiden mit Arbeitskleidern aufs Feld und brachte sie am Abend des 27. April 1848 mit einem Mistwagen, vorbei an den Grenzsoldaten, sicher über die Rheinbrücke nach Rheinfelden in die Schweiz. (psc)