Den Kinderschuhen der Digitalisierung ist es wohl zu verdanken, dass es ein Schüler namens Peter Schroeder geschafft hat, ein Jahr lang durch die Klassen- und Notenbücher der Lehrer des Scheffel-Gymnasiums, sowie der Schulbuchkartei zu geistern, ohne das man ihn jemals zu Gesicht bekommen hat. Und den Schülern der Klasse 11a des Gymnasiums ist es im Schuljahr 1982/83 gelungen, dass der Phantomschüler Peter Schroeder, bis heute einmalig und unvergessen geblieben ist.

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„Die „Geburt“ Schroeders – auf das oe legte er großen Wert – ist dem Zufall zu verdanken. „Unsere Kunstlehrerin hat in jeder Stunde gefragt, wer von den Schülern fehlt“, erinnert sich heute Georg Bürgin, einer der geistigen Väter Schroeders. Irgendwann machten sich die Schüler den Spaß und riefen: „Rainer Bonhof“. 1982 ein bekannter deutsch-niederländischer Fußballspieler und später Trainer. Doch die Lehrerin schien kein Fußballfan gewesen zu sein. „Sie trug den Namen ins Klassenbuch ein“, so Bürgin weiter. Irgendwann fiel dann auch einmal der Name Peter Schroeder. Die Geburtsstunde des Phantom-Schülers, der die Lehrer der Schule, ein ganzes Schuljahr narrte und über dessen Geschichte sich dann ganz Deutschland amüsierte.

Ein erfinderischer Kopf: Georg Bürgin war in den 1980er-Jahren einer der geistigen Väter des Phantom-Schülers Peter Schroeder, der unvergessen bleibt.
Ein erfinderischer Kopf: Georg Bürgin war in den 1980er-Jahren einer der geistigen Väter des Phantom-Schülers Peter Schroeder, der unvergessen bleibt. | Bild: privat/Archiv Georg Bürgin

„Es war unmöglich, dass die Lehrer jeden Schüler gekannt haben“, klärt Georg Bürgin die Frage, weshalb der Streich, der in der deutschen Presse oft mit dem Heinz Rühmann-Film „Die Feuerzangenbowle“ verglichen worden ist, nicht schon früher als solches erkannt worden ist. Denn damals schon wurden rund 1000 Schüler im Scheffel-Gymnasium von etwa 100 Lehrerin unterrichtet. Immer noch erzählt Bürgin gerne, dass er einst ein Klassenkamerad des Phantom-Schülers war. Das die Geschichte ein ganzes Jahr andauerte, war laut Bürgin, so eigentlich gar nicht geplant. „Es war einfach ein Selbstläufer“, sagt er. Habe eins funktioniert, hat sich die Klasse wieder etwas Neues einfallen lassen. Geholfen hat den Schülern dann auch die Tatsache, dass die Klassengemeinschaft sehr eng war. „Anfangs waren wir nur ein paar Schüler, die mitgemacht haben, aber dann wurden es immer mehr.“ Irgendwann war die ganze Klasse eingeweiht und hielt auch nach außen hin dicht.

Das Bild zeigt die spätere Klasse 11a.
Das Bild zeigt die spätere Klasse 11a. | Bild: privat/Archiv Georg Bürgin

Die Aufnahme in die Kartei der Schule schaffte Peter Schroeder dann im Rahmen der Digitalisierung. „Im Sekretariat sind alle Namen der Schüler elektronisch erfasst worden“, erzählt Bürgin. Somit war der Peter Schroeder ganz offiziell Schüler des Scheffel-Gymnasiums. Allerdings glänzte er immer mit Abwesenheit und um diese zu erklären, mussten die Mitschüler Atteste und Entschuldigungen vorlegen. Und auch da glänzten die Schüler mit Ideenreichtum. Das Attest mit einer gelungenen Kopie des Briefkopfs einer Schwarzwälder Nervenklinik aus dem Branchenverzeichnis, bescheinigte Peter Schroeder „eine Störung des vegetativen Nervensystems“. Und der Stempel des Kreisbrandmeisters der Bad Säckinger Freiwilligen Feuerwehr, den Georg Bürgin damals von seinem Vater „mopste“, bestätigte das Fehlen Schroeders aus „feuertechnischen Gründen“.

Am 5. August 1983 berichtete der SÜDKURIER über den Schülerstreich im Scheffel-Gymnasium. Susanne Eschbach
Am 5. August 1983 berichtete der SÜDKURIER über den Schülerstreich im Scheffel-Gymnasium. Susanne Eschbach | Bild: Susanne Eschbach

„Genau genommen war es Urkundenfälschung, was wir betrieben haben“, erklärt Georg Bürgin heute. Das gipfelte darin, dass sich Peter Schroeder bei den Bundesjugendspielen sogar eine Ehrenurkunde sicherte. „Immer ist der beste Sportler der jeweiligen Disziplin bei einem Lehrer als Peter Schroeder angetreten, bei dem bekannt war, dass er den richtigen Namen des Schülers nicht kannte“, löst Bürgin auch dieses Rätsel. Eine Urlaubskarte Schroeders ließ dann keine Zweifel mehr offen, dass es Peter Schroeder wirklich gibt.

Bis heute ungeklärt

„Wenn wir wussten, welcher Mitschüler im Urlaub ist, haben wir ihm den Auftrag gegeben, eine Karte zu schreiben.“ Ungeklärt ist allerdings bis heute, wie Schroeder es schaffte, ein Lob für seine mündlichen Leistungen, beim Mathematiklehrer zu erhalten. „Wir waren uns nie ganz sicher, welcher Lehrer nicht doch schon im Vorfeld Bescheid wusste und einfach nichts gesagt hat“, vermutet Georg Bürgin. Einmal dann wäre die Bombe „Peter Schroeder“ fast geplatzt. Denn der Phantom-Schüler und sein Fehlen sind während eines Elternabends diskutiert worden. „Wir klärten auf, dass es Peter Schroeder eigentlich gar nicht gibt“, so Bürgin weiter. Doch schien diese Tatsache den Lehrern viel zu unglaubwürdig, um wahr zu sein. Peter Schroeder geisterte also weiter und flog erst auf, als ein Lehrer dann Schroeder bei der Rückgabe der Schulbücher vermisst hatte.

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Damals schon hatte die Klasse 11a zittrige Knie, als der Streich aufgedeckt worden ist. Denn anfangs waren weder die Lehrer selbst und erst recht nicht die Schulleitung begeistert. „Streng genommen haben wir sie ja vorgeführt“, gibt Georg Bürgin zu. Doch ein milde gestimmtes Kultusministerium, dass auf eine Anzeige wegen Urkundenfälschung und der zu Unrecht bezogenen Schülerkostenbeiträge des Landes verzichtete und die Aufmerksamkeit der Geschichte in der deutschen Presse wendete das Schlimmste ab. Und am Ende wurde die Geschichte mit dem Eulenspiegelpreis für den „ideenreichen, ebenso listigen wie lustigen Einfall“ ausgezeichnet, der heute noch im Lichthof des Scheffel-Gymnasiums ausgestellt ist.

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