Herr Schlachter, wie fühlt es sich an, ein Europameister zu sein und wie war die Reaktion ihres Umfelds?

Mein erstes Gefühl nach dem Sieg war Erleichterung, dass sich der große Aufwand gelohnt hat. 15 Monate hartes Training im Nationalteam lagen hinter mir. Wir hatten an Orten über ganz Deutschland verteilt, die Wettbewerbssituation mit Aufgaben von Vorjahren geübt. Nach der Erleichterung kam dann die Freude. Ich war und bin mega glücklich und auch stolz auf mich. Meine Familie und Freunde waren in Graz mit dabei und haben alles hautnah mitbekommen. Ich glaube, bevor ich nach dem Sieg den ersten Anruf machen konnte, haben es alle schon gewusst. Ich brauchte sicher zwei Tage, um alle Glückwunsche die ich per WhatsApp, E-Mail oder Telefon bekam, zu beantworten. Für meine Verhältnisse war es ein richtiger Medienrummel. Fachzeitschriften und die lokale Presse haben berichtet und Sponsoren und Bauchemiehersteller, deren Material wir verarbeiten, haben sich gemeldet.

Sind Sie Zuhause groß empfangen worden?

Ja, ich war direkt nach dem Wettbewerb allerdings zuerst wieder auf der Meisterschule in Stuttgart, aber am 1. Oktober, das war ein Freitag, war ich wieder daheim. Ich wurde auf unserem Betriebsgelände in Kuchelbach mit einem großen Gratulationsschild, das ein Dorfbewohner aufgestellt hat, und einer Überraschungsparty mit Bierwagen und Musik, der Musikverein Birndorf hat gespielt, empfangen. Meine Familie, Freunde, Bekannte, Dorfbewohner, alle waren da und hatten Spaß und teilten meine Freude über den Europameistertitel.

Ich habe gelesen, sogar Thomas Gottschalk hat Ihnen gratuliert, wie kam es dazu?

Jemand von SWR 3 rief an und fragte mich, ob ich bereit für ein Live-Interview wäre. Zwei Minuten später klingelte es wieder und ich war live im Radio im Gespräch mit Thomas Gottschalk. Er hat mich gefragt, ob ich ihn noch kennen würde und das tat ich, ich hätte ihn sogar allein an seiner Stimme erkannt. Er war wie man ihn kennt, sehr locker drauf und es wurde ein sehr angenehmes Gespräch.

Fliesenleger-Europameister Yannic Schlachter „brennt“ für seinen Beruf – darüber und über den zurückliegenden Wettbewerb spricht er mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig.
Fliesenleger-Europameister Yannic Schlachter „brennt“ für seinen Beruf – darüber und über den zurückliegenden Wettbewerb spricht er mit unserer Mitarbeiterin Ursula Freudig. | Bild: Privat, Schlachter

Lassen Sie uns noch etwas über die Euroskills reden, wie war der Wettbewerb in Graz organisiert und welche Aufgaben mussten Sie und Ihre Mitstreiter bewältigen?

Auf dem Wettbewerbsgelände standen riesige Zelte für die einzelnen Berufsgruppen. Neben uns Fliesenlegern waren in meinem Zelt noch die Maurer und Spengler. Insgesamt waren es 400 Teilnehmer aus 48 Berufen. Es hieß, dass in den drei Wettbewerbstagen rund 30.000 Zuschauer da waren, die uns beim Arbeiten zugeschaut haben. Ich war aber so im Tunnel, dass ich gar kein Auge für die Zuschauer hatte. Auch meine Eltern, die ganz sicher oft um meinen Arbeitsbereich rumgeschlichen sind, habe ich kaum bemerkt. Unsere Aufgabe war es, zwei Wände zu fließen und ein Bild mit dem Umriss Österreichs und dem Eurozeichen einzuarbeiten. Außerdem mussten wir am Boden ein rechteckiges Becken fliesen. 18 Stunden Zeit hatten wir für alles auf drei Tage verteilt. Die knappe Zeit war die größte Schwierigkeit, aber es lief perfekt für mich. Im Training hatte ich noch Fehler gemacht, aber im Wettbewerb ist mir kein einziges größeres Malheur passiert, ich konnte optimal umsetzen, was ich im Training gelernt hatte. Richtig nervös war ich erst bei der Siegerehrung.

Dachten Sie nach Ende der 18 Stunden schon, dass es gereicht haben könnte?

Ich dachte, dass es für die Top 3 reichen könnte. Und als ich dann sah, dass viele gar nicht fertig geworden waren, habe ich den zweiten Platz für möglich gehalten.

Mit 22 Jahren Europameister, bald Fliesenlegemeister – Sie sind schon sehr zielstrebig und ehrgeizig, oder?

Ja, wenn ich was will, gebe ich alles dafür, es zu erreichen. Ich liebe mein Handwerk und finde es toll, wenn ich mich mit anderen messen kann. Wer die Chance hat, an einem Wettbewerb wie den Euroskills teilzunehmen, sollte sie nutzen. Es ist ein Riesenerlebnis und man lernt viel dazu. Ich bin von Natur aus ein Perfektionist, aber seit dem Wettbewerb bin ich beim Arbeiten sogar noch genauer geworden. Als Gewinner bekommt man außerdem viel Anerkennung und Respekt, aber das kann vielleicht auch zur Belastung werden, wenn es dann heißt, mein Bad wird vom Europameister gekachelt.

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Was braucht Ihrer Ansicht nach ein guter Fliesenleger und was ist für Sie das Schöne an Ihrem Beruf?

Man braucht die Lust und Freude, mit den Händen zu arbeiten, ein gutes Raumgefühl und eine gewisse Fingerfertigkeit und Feinmotorik, weil man millimetergenau arbeiten muss. Das Wichtigste ist, dass man Spaß daran hat, etwas zu erstellen. Wenn ich am Abend sehe, was ich geschafft habe und wenn andere dies dann auch noch wertschätzen, ist das einfach immer wieder ein tolles Erfolgserlebnis. Und man hat heute über das Bad hinaus sehr viele Einsatzorte als Fliesenleger. Es werden heute sehr viel mehr Fliesen verlegt als früher. Aus dem tristesten Raum können Fliesen etwas Besonderes machen. Auch draußen sind sie fast unbegrenzt einsetzbar. Sie sind robust, pflegeleicht und schön. Das Gängigste sind Keramik-Fliesen aus gebranntem Ton. Hochwertiger und schwieriger zu verarbeiten sind Natursteinfliesen zum Beispiel aus Jura-Gestein, Marmor oder Granit. Wer will, kann sich heute sogar seine ganz eigenen Fliesen designen lassen.

Sie kommen aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus – dennoch hat heute ein Studium bei vielen einen höheren Stellenwert als eine Ausbildung im Handwerk, was sagen Sie dazu?

Dem Handwerk wird meiner Ansicht nach zu wenig Wertschätzung entgegen bracht. Für mich ist eine Lehre eine wertvolle Lebenserfahrung, die jeder machen sollte. Mit dem Kopf, den braucht man immer, und den eigenen Händen was zu schaffen, ein Endprodukt zu sehen und damit Geld zu verdienen, ist für mich etwas Besonders und mehr, als „nur“ mit dem Kopf zu arbeiten. Außerdem gilt mehr denn je, dass das Handwerk goldenen Boden hat. Die Auftragsbücher sind voll, jeder Betrieb hat mehr wie genug zu tun. Speziell vom Fliesenlegerberuf kann ich sagen, dass man allgemein auch schon als Lehrling gut verdient und durch den Fachkräftemangel wird dies und generell die Bedeutung des Handwerks, sicher noch weiter steigen. Ich bin überzeugt, wir Fliesenleger haben Zukunft.

Wie ist eigentlich die Situation im Betrieb Ihrer Eltern?

Wir sind ein relativ junger Betrieb mit rund zehn Gesellen, die größtenteils bei uns ihre Ausbildung gemacht haben. Wir sind immer auf der Suche nach Lehrlingen, es wird nur immer schwieriger, sie zu finden.

Gold für Deutschland: Yannic Schlachter nach der Siegerehrung bei den Euroskills in Graz.
Gold für Deutschland: Yannic Schlachter nach der Siegerehrung bei den Euroskills in Graz. | Bild: Privat, Schlachter

Was sind Ihre ganz persönlichen Ziele und Wünsche für die Zukunft?

Nach der Meisterprüfung im Februar werde ich Ende April beim Ausscheidungswettbewerb für die Fliesenleger Worldskills, also die Weltmeisterschaften, mitmachen. Sie sind Ende Oktober 2022 in Shanghai in China. Dort ist die Wertschätzung für das Handwerk größer als bei uns. Es soll ein 14-tägiges Riesenevent werden mit geschätzt 300.000 Besuchern. Als Europameister habe ich mich für die Teilnahme am Ausscheidungswettbewerb bereits qualifiziert. Ich werde alles geben, damit mein großer Traum, in Shanghai dabei zu sein, wirklich wird. Danach möchte ich im Ausland Berufserfahrungen sammeln, gern zunächst in der Schweiz, vielleicht in einem noblen Skigebiet, um damit bei Fliesen auf die luxuriöse Schiene zu kommen. Und in Zukunft dann möchte ich den elterlichen Betrieb in Kuchelbach übernehmen.